Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR1

  

SWR4

 

Autor*in

 

Archiv

Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

08NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich schiebe meinen Einkaufswagen durch den Supermarkt. Es ist nicht besonders viel los heute. Im Gang etwas weiter sitzt eine Frau auf ihrem Rollator, vorne im Rollatorkorb einige Einkäufe. Ich höre wie sie einem Mann mit karierter Kappe zuruft: Salz brauchen wir, das mit Jod! Der geht gerade suchend an einem Regal entlang: „Was sagst du?“ „Sa-halz, Jodsalz, hier vorne, hier steht’s!“ Der Mann ist schon fast um die Ecke: „Steaks? Ah, da muss ich gleich nochmal zurück zur Fleischtheke.“ Eine Frau im grünen Mantel grinst, bückt sich nach dem Salz in der gelben Verpackung und gibt es der Frau auf dem Rollator. Beide lächeln. Der Mann kommt von hinten zurück, hat ein Päckchen in der Hand und sagt: Ich habe Schokoladenpudding geholt, den mache ich uns heute Abend.“

Ich glaube, er merkt gar nicht, wie seine Frau lächelt. Er geht schon weiter mit dem Einkaufszettel in der Hand.

Es gibt ja diese Orte in unserem Alltag, da treffen wir Menschen, die zufällig im gleichen Ort und zur gleichen Zeit leben. Oder mindestens dort einkaufen, wo ich einkaufe. Manche trifft man häufiger, etwa diejenigen, die an der Kasse sitzen. Manche nur einmal.

Manchmal reden wir von „Zeitgenossen“, aber doch vor allem dann, wenn es um wichtige Persönlichkeiten geht. Wenn wir es so sagen, wie die Geschichtsbücher: „Der und der war ein Zeitgenosse von Goethe“.

Zeitgenossinnen und -genossen. Diese beiden im Supermarkt: die Frau mit Rollator, ihr Mann mit der karierten Kappe. Und ich. Ich weiß gar nichts über sie, nur dass sie ein bisschen schlecht gehen kann und er ein bisschen schlecht hört.

Kluge Menschen haben solche schönen Sätze in die Bibel aufgeschrieben wie: „Lasst uns aufeinander achten“ (Hebräer 10,24). Nicht bedauern, dass sie nicht mehr gehen kann. Oder dass er bisschen tattrig geworden ist. Nicht auf das sehen, was jemand nicht mehr kann. Sondern Acht haben, Achtung haben vor der Art und Weise, wie jemand seinen oder ihren Alltag meistert. Und vor allem: Wahrnehmen, was jemand liebt.

Lasst uns aufeinander achten und bei Menschen, denen wir zufällig begegnen, ihre Geschichte ahnen. Und einfach vermuten, dass sie gern Schokoladenpudding essen. Das ist nicht das schlechteste, was man über einen Menschen annehmen kann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43248
weiterlesen...

Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

07NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Und was haben Sie heute vor 48 Jahren gemacht?“ Eine Frau fragt mich das. Sie steht neben mir im Blumenladen. Ich lächle, schaue weiter nach den Blumen. „Ich bin vor 48 Jahren geboren worden.“, redet sie weiter und streicht mit den Fingern über leuchtend orangefarbene Lampionblumen, die in einer großen Vase stehen. Es braucht einen Moment bis ich kapiere, dass sie also heute Geburtstag hat. Dann gratuliere ich ihr schnell und finde die Situation ein bisschen merkwürdig.

„Was haben Sie heute vor 48 Jahren gemacht?“ Ich muss jetzt echt lachen, weil sie so beharrlich ist. „Ok, ich erinnere mich nicht mehr daran, aber man sagt, ich sei ein ganz zufriedenes Kind gewesen.“ Das war eine eher ausweichende Antwort, aber mehr schaffe ich in einem knallvollen Blumenladen einfach nicht.

Die Frau spricht unbeirrt weiter: „Ist doch manchmal verrückt, was man alles noch nicht weiß, wenn das Leben anfängt. Dass ich mal nach Deutschland auswandern würde. Ich komme aus dem Iran. Dass ich ein Kind adoptiere. Und eins verliere. Dass ich einen Beruf lerne, den ich hasse. Und dass ich 48 werde in einer Stadt, die ich bis letztes Jahr nicht gekannt habe.“. Wir stehen nebeneinander im Blumenladen, ich frage nichts nach, nicht zum Job, den sie hasst, nicht zu den Kindern. Nichts zum Schmerz. Am Ende kaufe ich Lampionblumen.

Vor 48 Jahren - längst haben sich Bilder von damals in meine Gedanken geschlichen: Unser riesiger orangefarbener Sessel, der im Flur stand als ich klein war. Und der Geruch in der Küche, wenn’s Nudelsuppe gab. Verrückt, was man alles noch nicht weiß, wenn das Leben beginnt.

Ich gebe zu, dass es mir in diesem vollen Blumenladen etwas unangenehm war, die Geschichte der Frau in Stichworten zu hören. Aber auch berührend. Kein Mensch ist ohne Geschichte, ohne das, was ihn oder sie geprägt hat, was ihn jetzt gerade glücklich macht und was ihr jetzt gerade Kummer macht.

Vielleicht ist das der Grund, warum es die Vorstellung gibt, dass bei Gott alle Geschichten in einem Buch aufgehoben sind. Kein goldenes Buch. Sondern wertvoll, weil orangefarbene Sessel genauso drin vorkommen wie Berufe und Begabungen, Kinder, die geboren werden. Und alles Verlorene auch.

Und, was haben Sie vor 48 Jahren gemacht?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43247
weiterlesen...

Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

06NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich sitze im Wartezimmer beim Zahnarzt. Mir gegenüber hängt eine große Weltkarte an der Wand. Ein Vater und sein Sohn sind auch im Wartezimmer. Der Junge rutscht mit der Hand ein Spielzeugauto über seinen Oberschenkel, immer hin und her und brummt dabei leise. Plötzlich sagt er: „Papa, ich möchte mal in ein Land fahren, in dem es Giraffen gibt. Und wo möchtest du gern mal hin?“

Der Mann überlegt: „Oh, Giraffen! Giraffen wären toll. Ich möchte gern mal mit einem Boot auf einem Meer fahren, in dem es Delphine gibt.“ „Ja-aaa!“, sagt der Junge. „Können wir mal zu so einem Meer fahren? Gleich morgen!“ „Ok“, sagt der Vater, „vielleicht besser übermorgen, da ist Samstag, da gehst du nicht in den Kindergarten und wir haben Zeit.“

Das Träumen gehört zur Würde eines Menschen, habe ich neulich jemanden sagen hören. Und damit sind nicht unsere Träume im Schlaf gemeint. Jeder Mensch hat ein Recht auf Träume. Auch auf solche, die vielleicht nie wahr werden. Vielleicht auf die am allermeisten. Und wir Menschen sind verbunden darin, dass wir träumen.

Ich denke, dass es auf dieser Welt eine ganze Reihe Menschen gibt, die sich verbieten zu träumen. Weil zerplatzte Träume mehr wehtun als zerplatzte Pläne. Und ich sehe Menschen, die so tief im Elend sitzen, dass Träumen das allerletzte ist, was ihnen einfällt. Gleichzeitig sind die größten Visionen, etwa für das Zusammenleben von Menschen, in Zeiten entstanden als genau dieses Zusammenleben schwer war. Sie haben Kraft, die Träume.

Der Vater im Wartezimmer hätte seinem Sohn viele Erwachsenen-Sätze sagen können. Sätze wie: „Ja, das machen wir mal. Irgendwann.“ Oder: „Können wir uns leider nicht leisten.“ Und natürlich ist es wichtig, Kindern auch realistisch und ehrlich zu antworten. Aber das hier war ein Träume-Teilen-Gespräch. Ich hatte das Gefühl, dass der Junge am Ende ganz genau wusste, dass sie nicht am Samstag losfahren, um Delphine zu sehen. Aber sie haben einen Traum geteilt.

Träume teilen hat mit Augenhöhe zu tun. Und mit Würde.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43246
weiterlesen...

Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

13AUG2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Es gibt ja so Sachen, die machen gute Laune, einfach weil es sie gibt:
Ich hab‘ so eine Sache auf Menorca gesehen. Typisch für Menorca sind diese Garten- und Hoftore, die an den weiß getünchten Mauern hängen. Sie sind aus dem Holz der wilden Olivenbäume und die Streben sind so geschwungen wie die knorzigen Äste eben sind. Und es gibt noch eine Besonderheit an diesen Toren: Das Tor ist nicht mit einem Scharnier am Torpfosten befestigt. Es hängt mit einem Ring – ziemlich locker - am Torpfosten und damit es unten am Boden nicht ausbricht, sitzt es in einer Vertiefung als Führung. Für diese Vertiefung werden Flaschen, solche mit diesem ganz bauchigen Böden, kopfüber in den Boden einbetoniert. Man nimmt Sekt- oder Champagnerflaschen, denn die haben die schönste Bodenwölbung. Natürlich gäbe es technisch andere Möglichkeiten, gibt es ja sonst überall auf der Welt auch.

Ich frage eine Menorquinerin, warum sie das so machen. „Keine Ahnung“, sagt sie. „Ist doch schön, oder? Du musst zugeben, es ist schöner, Flaschen als Befestigung zu vergraben als einfach Scharniere anzubringen.“

Das muss ich zugeben. Und ich mag die Leichtigkeit, mit der sie antwortet. Sie erzählt nicht, dass diese Technik vermutlich mal irgendwann aus der Not geboren wurde mit dem Material, was man eben hatte. Sie erzählt auch nicht davon, dass „man“ das halt so macht, weil das irgendwie seitdem Tradition ist. Sie sagt: Ist doch schön, oder?“ Und ihre Augen leuchten.

Ich stelle mir vor, dass die Augen der Menschen, die erlebt haben, wie Jesus, Wasser in Wein verwandelt hat, auch so geleuchtet haben. Sie hatten fast diebische Freude daran, dass er sich nicht zu schade war für so ein Fest-Wunder.

Wie die menorquinischen Tore ist das weder etwas zum Nachahmen noch ist es ein praktischer Tipp. Es erinnert uns daran: Leben, das ist nicht nur das, was notwendig ist. Oder das, was praktisch ist. Leben, das sind auch diese herrlichen Dinge, die wir mit leuchtenden Augen erzählen und damit von uns selbst preisgeben, was das Leben für uns einzigartig und wiedererkennbar macht. So wie die vergrabenen Sektflaschen unter Gartentoren. Ist doch schön, oder?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42643
weiterlesen...

Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

12AUG2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Raphael mag Worte. Das war immer schon so, solange er sich erinnern kann. Schon als Jugendlicher hat er gern Geschichten geschrieben. Nicht dass er in Schulaufsätze immer gute Noten hatte, eher im Gegenteil, aber er traute den Worten zu, dass sie gute Geschichten erzählen können. Noch bevor er so richtig wusste, ob sein Talent auch ein Beruf sein kann, hat er schon für Werbe-Agenturen getextet und eine ziemlich erfolgreiche Kampagne für eine große Firma gewonnen.

Raphael arbeitet inzwischen freiberuflich als Texter. Manchmal fließen ihm die Worte ganz leicht aus den Fingern in die Tastatur seines Laptops, mal muss er länger suchen und an den Sätzen feilen. Wenn er für Homepages, Portfolios oder Werbeflyer textet, dann auf den Punkt. Blabla oder plumpes Verkaufen-Wollen mag er nicht. Dafür sind ihm die Worte zu schade.

In letzter Zeit bemerkt er, dass die Werbe-Aufträge für ihn weniger werden. Firmen, die ihn früher immer gebucht haben, melden sich seltener. Er hat jetzt eine große Konkurrentin: Die KI, künstliche Intelligenz. Die KI schreibt überraschend gute Texte. Das muss sogar Raphael zugeben. Verrückt, was Technik alles kann.

Er hat sich inzwischen mit ihr verbündet, lässt die KI seine Texte korrigieren, gelegentlich auch optimieren. Aber: Er lässt seine Texte nicht schreiben. Dafür sind ihm die Worte zu schade.

Manche feiern die KI wie ein Wunder. Sie kann Texte schreiben, sie löst Aufgaben in Sekunden, für die Menschen Stunden brauchen. Sie könnte auch diesen Radiobeitrag geschrieben haben. Sie macht Forschung möglich in lebensrettenden Bereichen.

Sie schreibt, produziert, aber: Sie mag nicht die Worte wie Raphael. Sie kann optimieren, aber sie kann keine Wunder bewirken.

Es macht einen Unterschied, ob einer, der Geschichten erzählt, Worte und das Leben liebt. Ob eine, die den Frieden erforscht, auch selbst hofft. Ob einer, der Menschen pflegt, um Grenzen weiß. Oder ob eine, die Kinder begleitet, über sich selbst lachen kann. Es macht einen Unterschied, ob wir mögen, was wir tun.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42642
weiterlesen...

Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

11AUG2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Mitten auf dem Rasen in einem großen Park steht es, das Karussell. Es hat ein bunt gestreiftes Dach, das aussieht wie ein kleines Zirkuszelt. Als Karusselltiere baumeln außen kleine Pferde. Die Pferde sind aus aufgeschnittenen Autoreifen und aus Lederresten gefertigt, haben einen Sattel aus rotem Stoff und Griffe aus groben Tauen zum Festhalten.

Erst als ich genauer hinsehe, sehe ich Linda. Sie sitzt in der Mitte des Karussells unter dem Zeltdach. Dort tritt sie in die Pedale wie auf einem Fahrrad. Sie strampelt, damit das Karussell sich dreht. Über ihr in der Zeltdach-Mitte hängt eine kleine Glocke. Damit bimmelt sie, um auf sich aufmerksam zu machen. Wenn ein Kind stehen bleibt, springt sie ab und hebt es auf eins der Autoreifen-Pferde. Dann strampelt sie weiter.

Und: Linda singt. Sie singt nicht laut, eher wie für sich selbst, mit so einer sanft-kräftigen Stimme, die das Drehen des Karussells begleitet. Wenn ein Lied zu Ende ist, greift sie in ihre Tasche am Gürtel und holt Seifenblasen raus. Linda pustet sie ins Karussellrund, fast macht sie es heimlich, damit die Kinder gar nicht merken, woher die Seifenblasen kommen.

Linda ist Studentin und hat mit Freunden zusammen das Karussell selbst gebaut. Reich wird sie nicht damit. Es ist kein Studentinnen-Job, mit dem sie ihre Wohnung bezahlen könnte. „Nein“, lacht sie, als ich sie darauf anspreche, „es bringt mir gar nichts. Außer ein bisschen Training der Oberschenkel vielleicht!“

„Es bringt mir gar nichts“, sagt sie und ihre Augen, die vor Freude blitzen, sagen genau das Gegenteil. In diesem Karussell ist so viel Liebe zum Detail und es ist herrlich unperfekt.

Viele Erwachsene wie ich sind stehen geblieben und schauen Linda und den Kindern auf dem Karussell zu. Es gibt Dinge, die machen gute Laune, einfach weil es sie gibt. Weil Linda das einfach macht. Aus Autoreifen werden Karussellpferde. Aus einem Tag im Park wird ein Lächeln darüber, was Menschen einfach für andere Menschen tun.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42641
weiterlesen...

SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

10AUG2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich bin zu Besuch bei einer Familie, deren Sohn ich taufen werde. Nebenan im Wohnzimmer hören wir Lilly, die große Schwester des Täuflings. Sie ist fünf und hat Spielbesuch von ihrer Freundin Maya. „Was ist eigentlich deine Lieblings-Superkraft von Jesus?“, fragt Lilly ihre Freundin. Aber bevor, die auf die Frage antworten kann, legt Lilly selbst los: „Ich find super, dass er machen konnte, dass lahme Leute wieder gehen können. Das wäre für meine Uroma gut. Die sagt immer, dass sie immer lahmer wird!“ „Macht doch nix“, sagt Maya, „das ist eben bei Uromas so.“ „Aber meiner Omi gefällt das nicht. Und wenn ihr was nicht gefällt, dann kriegt sie schlechte Laune.“

Die beiden Mädchen kommen jetzt rüber zu uns Erwachsenen, nehmen sich ein Stück Melone vom Teller, Lilly schaut mich an und platzt raus: „Was ist deine Lieblings-Superkraft von Jesus?“

Zum Glück hatte ich durch das heimliche Lauschen vorher etwas Vorsprung zum Nachdenken und antworte: „Dass Jesus Wasser in Wein verwandeln konnte“. Die Erwachsenen lachen, die Kinder sind nicht richtig beeindruckt. Ich erzähle die Geschichte vom Hochzeitsfest, das beinah schiefgegangen ist, weil der Wein ausgegangen war, und von Jesus, der Wasser in Wein verwandelt. Die Kinder sind am Ende enttäuscht: „Da ist ja gar keiner gesund geworden.“

Es stimmt, vom Wunder bei der Hochzeit hängt weder Leben noch Gesundheit ab. Die Brautleute hätten sich blamiert, die Gäste hätten auf dem Trockenen gesessen. Aber daran stirbt man nicht. Fast wirkt es wie ein kleines Luxus-Wunder. Trotzdem war sich Jesus offenbar nicht zu schade dafür. Es ist ein herrlich überflüssiges Wunder.

Häufig erwarten, erflehen wir Wunder in den Grenzbereichen des Lebens, hoffen auf Rettung, Heilung. Wie sollten wir auch nicht? Ich glaube, genau da ist Gott.

Aber dann und wann, dann geschieht das Wunder mitten am Tag. In diesen ganz „normalen“ Situationen, die eigentlich zu klein sind für ein Wunder, denken wir. Wo ich schlicht überfordert bin, weil nichts so läuft wie gedacht. Wo ich – wie Lillys Uroma - schlechter Laune bin, weil ich lahmer bin als ich sein will.

Es gibt auch diese herrlich überflüssigen Wunder, einfach damit das Leben wieder schmeckt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42640
weiterlesen...

Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

26APR2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Der ist noch nicht mal aufgestanden! Die haben einfach keinen Anstand mehr!“ Ein älterer Herr ruft das erbost dem Busfahrer zu, als ich ihn aus dem Bus aussteigen sehe. Was passiert ist, lässt sich ahnen, ich sehe eine Gruppe Jugendlicher im Bus weiterfahren. Mir fällt direkt eine Bekannte ein, die umgekehrt neulich erzählt hat, dass im Wartezimmer beim Arzt ein junger Mann für sie aufgestanden ist. Da war ihr erster Gedanke: Hui, jetzt isses soweit, ich seh alt aus.

Wir stehen auf, wenn wir jemanden begrüßen. Aus Respekt und auch wegen der Augenhöhe. Wir stehen auch auf, wenn wir auf einer Bühne Großartiges erlebt haben. Als Charlie Chaplin den Oscar für sein Lebenswerk bekam, gab’s Standing Ovations – 12 Minuten lang.

Für wen würde ich aufstehen? Und jetzt meine ich weder im Bus, in der Straßenbahn oder vor einer Bühne. Für wen stehe ich – innerlich – auf? Der eine mag antworten: „Vor meinen Großeltern stehe ich auf. Mein Großvater hat vier politische Systeme erlebt und war bis zuletzt einer, der nicht im Gestern hing, sondern immer den nächsten Schritt gegangen ist“. Eine andere sagt: „Mein Ausbilder in der Lehre als Schreinerin. Das war ungewöhnlich damals. Sein Betrieb war eigentlich viel zu klein, um mich auszubilden. Ich glaub, er hat’s gemacht, weil er gemerkt hat, dass ich sonst vielleicht hinschmeiße und weiter von mir denke, dass ich eh nix kann.“ „Ich stehe innerlich auf für Menschen“, sagt einer, „die mit einer schwierigen Situation umgegangen sind, von der ich nicht weiß, ob ich das geschafft hätte.“

Und eine ergänzt - sie arbeitet in einem Kindergarten: „Vor diesen kleinen großartigen Menschen stehe ich auf. Nicht weil sie etwas Besonderes leisten. Sondern weil sie so viel schaffen: Das Leben schaffen und das Großwerden. Spielend.“

Geschichten vom Aufstehen erzählen wir in der Osterzeit. Heute am Samstag, wo viele etwas länger liegen bleiben können, stehe ich innerlich auf für diejenigen, die längst hellwach sind. Die von einer Nachtschicht heimkommen. Für alle, die jetzt gerade Sterbende begleiten. Und besonders für die, die mit Ängstlichen heute im Morgengrauen schon gelacht haben. Ich nutze den Samstag, um einen Moment länger beim Kaffee die Füße hochzulegen und innerlich für sie alle aufzustehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=41978
weiterlesen...

Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

25APR2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Margret sitzt auf einem hellgrauen Sofa als ich komme. Ein riesiges graues Sofa, ganz niedrig. Es wirkt durchgesessen so als hätten schon viele Kinder drauf geturnt und viele Leute drauf Platz genommen. Der Sohn hat mir die Tür aufgemacht. „Ich bleib mal sitzen“, sagt Margret, die eigentlich Margarethe heißt.

Sie war früher Turnerin. In den 50er Jahren. Ein Foto von einer Frauenmannschaft in Turnerinnentrikots hängt an der Wand. Sie sagt: „Holen Sie das mal!“. Dann klopft sie auf den Platz neben sich. Ich sinke neben ihr ins Polster und muss richtig lachen, weil’s echt durchgesessen ist, das Sofa.

Sie nimmt mir das Foto aus der Hand und fängt an zu erzählen - aus dieser Zeit mit all den anderen. Sie erzählt von Salto und FlicFlac. Und während sie erzählt, sehe ich ihre Füße in den dünnen Nylonstrumpfhosen, denn sie hat keine Schuhe an. Es ist als würden sich die Zehen immer wieder leicht vom Boden abheben, vom plüschigen Teppich unter ihren Zehen. Wir sprechen noch ein bisschen weiter und irgendwann sagt sie: So, junge Frau, jetzt helfen Sie mir mal hoch!

Ich muss selbst zweimal Anlauf nehmen, dass ich aus dem Sofa hochkomme. Dann greift sie meine Arme und zieht sich routiniert an mir hoch.

„Ich find immer einen, der mich hochzieht!“ Sagt’s und lässt sich wieder zurückfallen: „Sie finden ja allein zur Tür?“

Es ist eine besondere Sache mit dem Aufstehen. Viele Male mögen wir im Leben darniederliegen. Innerlich und tatsächlich. Bei Margret denke ich mit einem Mal:
Ihre Füße haben nichts vergessen. Und ihre Seele auch nicht.

Kann sein, dass ihr Körper kaum mehr aus dem Sofa hochkommt, aber sie turnt noch. Man sieht es an ihren Füßen. Und sie kommt aus dem FlicFlac in den Stand.

Könnte doch sein, dass diese ganze Sache mit dem leeren Grab und der Auferstehung nur die eine Botschaft hatte: Egal wie sehr uns das Leben manchmal umwirft, nein, natürlich nicht egal, das ist schon das Erste: Es ist nicht egal, ob dich das Leben umgeworfen oder lahm gemacht hat. Aber auch wenn das so ist: Unsere Füße und Herzen und Seelen wissen noch: Leben sollt ihr. Turnen. Und immer einen haben, der euch aus dem Sofa hochzieht. Mit Kraft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=41977
weiterlesen...

Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

24APR2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wenn Karin übers Aufstehen redet, dann hat das immer einen besonderen Klang. Karin ist querschnittgelähmt seit einem Unfall. Wenn sie morgens aufsteht, dann um sich aus dem Bett in den Rollstuhl zu schwingen. Sie sagt immer „schwingen“, weil das eleganter klingt als hieven. Karin lacht viel. Auch über sich selbst. „Das ist mein Glück, dass mir das Lachen näher liegt als das Schimpfen.“ Karin ist Ende 50. Ich kenne sie von früher und sehe sie nach Jahren auf einem Foto in der Zeitung wieder. Sie ist auf einer Demo von Fridays for Future und an ihrem Rollstuhl hat sie ein Schild: „Aufstehen hat nichts damit zu tun, ob du stehen kannst, sondern ob du Rückgrat hast!“. Für die Demokratie-Demos der letzten Monate hat sie’s wieder rausgeholt. Und ist mit vielen anderen aufgestanden, im Rollstuhl sitzend.

Von Karin habe ich gelernt, dass Menschen, die physisch nicht stehen können, nicht unbedingt bemitleidenswert sind. Sie sind nicht behindert, sie haben eine Behinderung. Mehr noch: Sie werden behindert. Weil von Supermarkt bis Behörde oder Busfahren ihre Bewegungsfreiheit behindert wird.

„Weißt du, alle haben diese Bilder vor Augen, angefangen von der Kinderstory, dass Heidi, die aus den Bergen, ihre Freundin Klara darin unterstützt, dass sie wieder laufen kann. Am Ende läuft Klara. Und das ist das Happy End. Und Jesus, euer Jesus, er heilt andauernd Menschen, so dass sie wieder sehen, laufen, reden. Das nervt.“

Karin liebt Ostern. Sie liebt das Wort „Auferstehung“. Da geht’s um Rückgrat, nicht ums Stehen-Können.

Die ersten Christinnen und Christen haben sich dafür eingesetzt, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben. In einer Zeit, in der das politisch nicht nur völlig abwegig, sondern auch gefährlich war.

Karin bringt allen Augenhöhe bei, obwohl sie aus ihrer Position die meisten so schräg von unten ansieht. Manchmal auch angrinst. Und es immer hasst, wenn sich jemand zur ihr runterbeugt. Augenhöhe hat nichts mit Runterbeugen zu tun.

Karin liebt Ostern. Sie liebt Auferstehung. Denn da geht’s um Rückgrat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=41976
weiterlesen...