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Edwine ist fast 90. Sie sitzt mir gegenüber auf der kleinen Terrasse hinter ihrem Haus. Ihr Sohn hat mich ums Haus herum gewunken und gefragt, ob er uns einen Sonnenschirm aufspannen soll: „Ne ne, bloß nicht die Mai-Sonne aussperren. Es war lang genug kalt.“, ruft Edwine. Ihre Füße stehen vor ihr auf den Waschbeton-Platten. Sie trägt rote Sandalen. Durch die Riemen quellen dicke bunte Wollsocken. „Ich hab immer kalte Füße“, sagt sie. „Aber erst seit ich älter bin, früher nicht. Früher hab ich gern offene Schuhe getragen. Ohne Wollsocken – sondern mit rot lackierten Fußnägeln.“ Sie fängt an von dieser Zeit zu erzählen: Dass sie früher als junge Frau hier im Ort in einem Keramikbetrieb gearbeitet hat und dass sie zusammen mit anderen im Sommer immer im Freibad waren.
Dann deutet sie hinter mir über den Zaun in den Garten des Nachbarn: „Immer wenn ich beim Rolf drüben zum ersten Mal das Einhorn im Pool sehe, dann weiß ich: Jetzt kommt der Sommer.“ Ich folge ihrem Finger und sehe ein weißes Aufblas-Einhorn mit regenbogenbunter Mähne, das auf dem Gartenpool schwimmt. „Dann hol ich die Sandalen raus“, sagt Edwine. „Und mein Sohn bringt mir die Wollsocken hinterher.“ Sie lehnt sich lachend zurück.
„…Dann weißt du, dass der Sommer nah ist.“, hat Jesus auch mal gesagt. Er ist oft gefragt worden: „Welche Zeichen wird es geben, damit wir wissen, dass Gott wiederkommt, überhaupt, dass Gott in dieser Welt ist?“ Die ihn das fragen, provozieren ihn, ein Weltuntergangsszenario aus Erdbeben und Zerstörung zu zeichnen, als könne nur sowas die Welt retten. Jesus malt dazu aber ein sanftes, ein weiches Bild: „Wenn der Feigenbaum Früchte trägt, dann weißt du, dass der Sommer nah ist.“ Und nimmt damit ernst, dass wir selbst ein Gefühl haben für die Zeit, die vergeht. Natürlich. Aber auch für die Zeit, die noch kommt. Ein nächster Sommer. Mit Früchten und Aufblas-Einhorn.
Ich habe mir an diesem Nachmittag bei Edwine den ersten Sonnenbrand des Jahres geholt. Aber keinesfalls hätte ich im Schatten sitzen wollen da bei ihr auf der Terrasse.
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Vor einiger Zeit ist meine Brille zerbrochen. Ich habe sie abends auf den Nachttisch gelegt, morgens war einfach der Steg in der Mitte gebrochen. Merkwürdig war das.
„Hast dich sicher, draufgesetzt, kenn ich!“, haben alle gesagt, denen ich davon erzählt habe. Dass man sich draufsetzt, scheint die größte Gefahr für eine Brille zu sein.
Die Optikerin schaut verständnisvoll und wissend, ohne weiter nachzufragen: „Ja, das passiert. Ich kann das kitten. Aber eine Sollbruchstelle wird bleiben. Sie werden sich über kurz oder lang ein neues Gestell aussuchen müssen.“ Man sieht die feine Kitt-Naht fast gar nicht als ich die Brille wieder aufsetze.
Danach ist meine Brille noch zweimal an dieser Stelle gebrochen. Klar, Sollbruchstelle. Beim letzten Mal habe ich sie nicht mehr kitten lassen, sondern sie mit schmalem Tape-Streifen geklebt bis das neue Brillengestell da war.
Ob Menschen auch „Sollbruchstellen“ haben? Also sowas wie empfindliche Stellen, an denen man sie immer wieder treffen kann? Wir sprechen ja manchmal von „Triggern“ und meinen damit Reize, die bei Menschen Angst, Wut, auch schlechtes Gewissen hervorrufen.
Wenn jemand es geschafft hat, dass ich so richtig an mir zweifle. Wo mich jemand klein gemacht hat. Manchmal ist das schon ewig her. Und ich habe es mühsam gekittet - mit Selbstbewusstsein und erhobenem Haupt und mit viel Liebe zu mir selbst. Bleibt das meine Sollbruchstelle? Vielleicht.
Aber bevor ich dem Vergleich mit der Brille allzu schnell zustimme, lese ich in der Bibel von Jesaja, der gesagt hat: Gott wird den Halm, der geknickt ist, nicht ganz abbrechen. Kann also sein, dass es Bruchstellen gibt. Aber es gibt keinen Automatismus, dass du immer wieder an der gleichen Stelle verletzt wirst. Denn die gleiche Stelle ist auch diejenige, die vom Kitt weiß. Von Selbstbewusstsein, erhobenem Haupt und viel Liebe zu dir selbst. Und von Gott.
Meine kaputte Brille hatte ich übrigens mit einem pinkfarbenen Streifen Leukoplast geklebt. Wenn schon Kitt, dann pink. Mitten im Gesicht.
„Ah, hast dich draufgesetzt, kenn ich!“ haben wieder alle gesagt.
Und ich ahne, dass alle das kennen mit den Sollbruchstellen – bei ihren Brillen und in ihrem Leben.
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Ich stehe mit dem Auto an einer Kreuzung. Mir gegenüber steht ein Linienbus. Es ist keine viel befahrene Kreuzung und nicht viel Verkehr heute. Der Busfahrer sitzt mit Sonnenbrille und weißem Hemd hinter der großen Windschutzscheibe, schaut nochmal nach links und rechts, bevor er losfährt. In diesem Moment schwebt eine große, wirklich sehr große Seifenblase wabernd und schillernd vom Gehweg aus vor seinen Bus. Der Busfahrer, der schon langsam angefahren war, stoppt nochmal sanft als wolle er die Seifenblase vorbeilassen. Es reicht trotzdem nicht. die große Seifenblase zerplatzt an der Frontscheibe und hinterlässt einen kleinen nassen Fleck an der Scheibe. Ein Junge mit Schirmkappe steht am Straßenrand, er stampft mit dem Fuß auf und ich sehe mehr als dass ich ihn höre wie er ruft: „Oh nein, die war so schön!“ Sein Vater klopft ihm auf die Schulter und sagt vermutlich sowas wie: „Mach dir nichts draus. Mach einfach eine neue Blase!“
Ich warte, dass der Bus abbiegt. Aber der fährt rechts ran, hält am Straßenrand und schaltet den Warnblinker an. Der Busfahrer steigt aus und geht zu dem Jungen, fragt, ob er mal Seifenblasen pusten darf? Er darf. Und am Ende schafft er eine richtig große wabernde Seifenblase, die über die Kreuzung schwebt. Sie zerplatzt auf dem Asphalt, der Junge klatscht vor Freude in die Hände, der Busfahrer verabschiedet sich von ihm mit einem „High Five“. Die wenigen Fahrgäste im Bus applaudieren.
Natürlich darf der Busfahrer eigentlich nicht ohne Not rechts ranfahren oder aus dem Bus aussteigen, wenn Fahrgäste drin sind. Allen Erwachsenen auf dieser Kreuzung und im Bus war das klar. Und wir feiern ihn auch nicht wegen des Riskos, sondern weil er ganz kurz abgeschätzt hat: Ach, komm, das geht. Handbremse rein und los.
Wir nennen es Zivilcourage, wenn jemand beherzt dort eingreift, wo ein anderer in Gefahr ist oder Unterstützung braucht. Ich mag das Wort auch für den Busfahrer hier. Couragierte Menschen brauchen die Unterstützung aller, wenn sie sich beherzt einsetzen. Ob sie für Seifenblasen bremsen und mehr noch, wenn sie eingreifen, wo jemand zu Schaden kommt.
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„Was fehlt Ihnen zum Glück?“ Das ist die 23te Frage aus Max Frischs Fragebogen. Max Frisch, ein Schriftsteller aus der Schweiz, hat ein ganzes Büchlein voller Fragen veröffentlicht. Und keine einzige beantwortet er. Manchmal folgt aus der einen Frage die nächste, meistens stehen sie unverbunden nebeneinander.
Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle ihre Bekannten nicht mehr sind, noch interessiert?
Keine Antworten, keine Lösungen. Eindeutigkeit ist hier nicht das Ziel. Eher soll es anregen zum Herumdenken, zum Nachsinnen. Auch zum kurz stutzen, ob man lachen oder eher zucken soll – z.B. bei dieser Frage: Gesetzt dem Fall, Sie haben noch nie einen Menschen umgebracht, wie erklären Sie sich, dass es nie dazu gekommen ist?
Die Fragebögen sind Teil von Max Frischs Tagebüchern. Deshalb mag man ihn einerseits mit sich selbst sprechen hören, andererseits wird durch das „Sie“ der Anrede auch klar, dass er Leserinnen und Leser fragt. Mit diesem kleinen Stück Literatur der späten 60er Jahre tut Frisch, was auch sonst in seinen Werken immer wieder Thema ist: Sich selbst zu befragen dient nicht dazu, sich immer neu zu erfinden, sondern im Gegenteil: Sich zu vergewissern: Was ist mir wichtig? Was macht mich aus? „Was fehlt Ihnen zum Glück?“ Frage Nummer 23.
Der Fragebogen von Max Frisch liegt in gebundener Form seit Jahren als kleines Büchlein in meiner Schreibtisch-Schublade. Und immer, immer wenn ich mit biblischen Geschichten zu tun habe, in denen Fragen vorkommen, denke ich an Max Frisch.
„Mensch, wo bist du?“, fragt Gott Adam in dieser Geschichte ganz am Anfang der Bibel, in der der Anfang der Menschheit poetisch erzählt ist. Gott fragt das nicht, weil er Adam auf dem Erdenrund nicht finden kann. Sondern Gott fragt, damit Adam mit ihm, mit Gott in Kontakt kommt. „Hier bin ich“. Adam findet sich im Gegenüber zu Gott. So geht in der Bibel mit den Menschen alles los. Frage – Antwort: „Hier bin ich.“
„Was fehlt Ihnen zum Glück?“ Es gibt jeden Tag Grund zu fragen und auf die Suche nach Antworten zu gehen. Und vermutlich geht Glauben immer mit Fragen los. Nicht mit Antworten.
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„Was unterscheidet diese Nacht von allen Nächten?“ Als ich die Frage zum ersten Mal höre, sitze ich in einem Vorort von Jerusalem bei einer Familie, die meine Gastfamilie als Studentin ist. Es ist der Abend vor dem höchsten jüdischen Fest, Pessach, an dem die Jüdinnen und Juden an ihre Befreiung aus Ägypten denken. Zum Ablauf dieses Festmahls am Vorabend gehört diese Frage dazu. Das jüngste Kind der Familie darf sie stellen. Der Siebenjährige Noam steht stolz, aber auch zaghaft auf und fragt: „Was unterscheidet diese Nacht von anderen Nächten?“
Die Erwachsenen antworten und erzählen die Geschichte vom Volk Israel und seiner Wanderung durch die Wüste, von Entbehrung und Hoffnung, von Gott und von Menschen. Die Geschichte muss erfragt werden. Erst dann wird sie erzählt. Und die Frage lautet nicht: Warum glaubt ihr an Gott? Manchmal ist Erzählen so viel wichtiger als Erklären.
In der Stadt, in der ich lebe, wird Karneval gefeiert, nicht erst an Rosenmontag, die Kampagne läuft schon seit Wochen. Heute Abend feiern wir Karnevalisten-Gottesdienst. Ich weiß noch, dass ich, als ich hier neu war, gedacht habe: Das ist eben so eine Tradition, eine heitere Gottesdienst-Tradition. Mal was anderes.
„Alles fing in dem Jahr an als wegen des so genannten Golfkriegs Karneval abgesagt wurde“, hat mein katholischer Kollege mir damals erklärt. Die Karnevalisten aus den verschiedenen Vereinen hatten sich damals gewünscht, dass sie alle samt Prinzenpaar, in die Kirche kommen - in den traditionellen Karnevals-Uniformen der Vereine, verkleidet und bunt geschminkt. Und miteinander um Frieden beten. Weil wir an Karneval nicht die Realität der Welt ausblenden. Im Gegenteil: Karneval setzt sich kritisch - und mit Humor - auseinander.
Seitdem - seit über 30 Jahren feiern wir diesen Karnevalistengottesdienst in unserer Stadt. Und seit 30 Jahren gehört neben viel Lachen und Karnevalsschlagern ein Friedensgebet fest zu diesem Gottesdienst dazu.
Ich merke, das Gebet gewinnt noch mehr an Kraft, wenn wir jedes Jahr kurz erinnern, nein besser: erzählen, woher es kommt. Was unterscheidet diesen Dienstag vor Karneval von anderen Dienstagen?
Hier bei uns beten Menschen um Frieden. Sie werden heute Abend bunte Uniformen und Kostüme und glitzernde Schuhe tragen. Wir werden „Amen“ und auch „Helau“ sagen und damit die Geschichte des Karnevals-Friedensgebets weiter erzählen.
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Tanja ist Lehrerin in einer 2. Klasse und fängt – wie immer freitags morgens - die Klassenrunde mit einer Frage an. So eine ungewöhnlich gewöhnliche Frage wie: Ist sieben viel? Eine Regel gibt es für ihre Runden: Keiner darf seine Antwort anfangen mit: „Hm, das kommt darauf an…“ Die Kinder kennen die Regel, sie legen los.
Sieben Kugeln Eis sind viel. Jedenfalls auf einmal. Wenn ich nur sieben Minuten am Tablet spielen dürfte, dann wäre das nicht viel. Ich hatte mal sieben Mückenstiche auf einmal. Das war blöd.
Hej, wir sind ja alle sieben Jahre alt! Ist das viel? Nee, man kann ja noch viel älter werden! Die Lehrerin sagt: Ich hatte sieben Stunden Wehen bevor meine Tochter auf die Welt kam, das war lang. Die Zweitklässler gucken erstaunt. Hat es meiner Mama bei mir auch weh getan. Ja, aber kannst du ja nichts dafür.
Tun Erwachsenen denn Sachen weh? Nee, meinem Papa tut nichts weh, glaube ich. Aber Erwachsene weinen doch auch manchmal. Aber eher, wenn sie traurig sind. Also, wenn ihnen innen was weh tut. Nach zehn Minuten beendet die Lehrerin die Runde. Ohne Zusammenfassung, ohne Antworten. Sie sagt: Mensch, da haben wir ja mal wieder gut gefragt und gut geantwortet!
Als Tanja mit diesen Runden angefangen hat, lief’s noch anders: Da wollte immer ein Kind recht haben, oder wollte, dass die Lehrerin sagt, wer Recht hat.
Die Kinder haben nicht lange gebraucht, vielleicht drei Freitage, vielleicht auch sieben, bis sie die Runden so genutzt haben wie heute. Einfach zum Fragen fragen. Mehr noch: Zum Philosophieren, zum Herum-Denken.
Apropos „Sieben“ - im vergangenen Jahr habe ich auch etwas über die Zahl Sieben gelernt. Ich war bei einem Argumentationstraining und ich habe dort gelernt, wie ich in Alltagsgesprächen besser antworten kann auf Aussagen, die menschenverachtend oder demokratiefeindlich sind.
Der Coach hat am Ende zusammengefasst: „Machen Sie sich klar, dass ein Mensch sieben Impulse braucht bis er oder sie von einer fest gefassten Meinung ablässt. Was wir also vor allem brauchen ist Geduld und sieben gute Ideen. Und was noch wichtiger ist: Wir werden uns sechsmal aufregen, sechsmal Antworten kriegen, die wir nicht hören wollen.“
Ist sieben viel? Für ungeduldige Menschen wie mich auf jeden Fall. Aber was neugierige Kinder können, das können ungeduldige Erwachsene auch.
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Ich schiebe meinen Einkaufswagen durch den Supermarkt. Es ist nicht besonders viel los heute. Im Gang etwas weiter sitzt eine Frau auf ihrem Rollator, vorne im Rollatorkorb einige Einkäufe. Ich höre wie sie einem Mann mit karierter Kappe zuruft: Salz brauchen wir, das mit Jod! Der geht gerade suchend an einem Regal entlang: „Was sagst du?“ „Sa-halz, Jodsalz, hier vorne, hier steht’s!“ Der Mann ist schon fast um die Ecke: „Steaks? Ah, da muss ich gleich nochmal zurück zur Fleischtheke.“ Eine Frau im grünen Mantel grinst, bückt sich nach dem Salz in der gelben Verpackung und gibt es der Frau auf dem Rollator. Beide lächeln. Der Mann kommt von hinten zurück, hat ein Päckchen in der Hand und sagt: Ich habe Schokoladenpudding geholt, den mache ich uns heute Abend.“
Ich glaube, er merkt gar nicht, wie seine Frau lächelt. Er geht schon weiter mit dem Einkaufszettel in der Hand.
Es gibt ja diese Orte in unserem Alltag, da treffen wir Menschen, die zufällig im gleichen Ort und zur gleichen Zeit leben. Oder mindestens dort einkaufen, wo ich einkaufe. Manche trifft man häufiger, etwa diejenigen, die an der Kasse sitzen. Manche nur einmal.
Manchmal reden wir von „Zeitgenossen“, aber doch vor allem dann, wenn es um wichtige Persönlichkeiten geht. Wenn wir es so sagen, wie die Geschichtsbücher: „Der und der war ein Zeitgenosse von Goethe“.
Zeitgenossinnen und -genossen. Diese beiden im Supermarkt: die Frau mit Rollator, ihr Mann mit der karierten Kappe. Und ich. Ich weiß gar nichts über sie, nur dass sie ein bisschen schlecht gehen kann und er ein bisschen schlecht hört.
Kluge Menschen haben solche schönen Sätze in die Bibel aufgeschrieben wie: „Lasst uns aufeinander achten“ (Hebräer 10,24). Nicht bedauern, dass sie nicht mehr gehen kann. Oder dass er bisschen tattrig geworden ist. Nicht auf das sehen, was jemand nicht mehr kann. Sondern Acht haben, Achtung haben vor der Art und Weise, wie jemand seinen oder ihren Alltag meistert. Und vor allem: Wahrnehmen, was jemand liebt.
Lasst uns aufeinander achten und bei Menschen, denen wir zufällig begegnen, ihre Geschichte ahnen. Und einfach vermuten, dass sie gern Schokoladenpudding essen. Das ist nicht das schlechteste, was man über einen Menschen annehmen kann.
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„Und was haben Sie heute vor 48 Jahren gemacht?“ Eine Frau fragt mich das. Sie steht neben mir im Blumenladen. Ich lächle, schaue weiter nach den Blumen. „Ich bin vor 48 Jahren geboren worden.“, redet sie weiter und streicht mit den Fingern über leuchtend orangefarbene Lampionblumen, die in einer großen Vase stehen. Es braucht einen Moment bis ich kapiere, dass sie also heute Geburtstag hat. Dann gratuliere ich ihr schnell und finde die Situation ein bisschen merkwürdig.
„Was haben Sie heute vor 48 Jahren gemacht?“ Ich muss jetzt echt lachen, weil sie so beharrlich ist. „Ok, ich erinnere mich nicht mehr daran, aber man sagt, ich sei ein ganz zufriedenes Kind gewesen.“ Das war eine eher ausweichende Antwort, aber mehr schaffe ich in einem knallvollen Blumenladen einfach nicht.
Die Frau spricht unbeirrt weiter: „Ist doch manchmal verrückt, was man alles noch nicht weiß, wenn das Leben anfängt. Dass ich mal nach Deutschland auswandern würde. Ich komme aus dem Iran. Dass ich ein Kind adoptiere. Und eins verliere. Dass ich einen Beruf lerne, den ich hasse. Und dass ich 48 werde in einer Stadt, die ich bis letztes Jahr nicht gekannt habe.“. Wir stehen nebeneinander im Blumenladen, ich frage nichts nach, nicht zum Job, den sie hasst, nicht zu den Kindern. Nichts zum Schmerz. Am Ende kaufe ich Lampionblumen.
Vor 48 Jahren - längst haben sich Bilder von damals in meine Gedanken geschlichen: Unser riesiger orangefarbener Sessel, der im Flur stand als ich klein war. Und der Geruch in der Küche, wenn’s Nudelsuppe gab. Verrückt, was man alles noch nicht weiß, wenn das Leben beginnt.
Ich gebe zu, dass es mir in diesem vollen Blumenladen etwas unangenehm war, die Geschichte der Frau in Stichworten zu hören. Aber auch berührend. Kein Mensch ist ohne Geschichte, ohne das, was ihn oder sie geprägt hat, was ihn jetzt gerade glücklich macht und was ihr jetzt gerade Kummer macht.
Vielleicht ist das der Grund, warum es die Vorstellung gibt, dass bei Gott alle Geschichten in einem Buch aufgehoben sind. Kein goldenes Buch. Sondern wertvoll, weil orangefarbene Sessel genauso drin vorkommen wie Berufe und Begabungen, Kinder, die geboren werden. Und alles Verlorene auch.
Und, was haben Sie vor 48 Jahren gemacht?
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Ich sitze im Wartezimmer beim Zahnarzt. Mir gegenüber hängt eine große Weltkarte an der Wand. Ein Vater und sein Sohn sind auch im Wartezimmer. Der Junge rutscht mit der Hand ein Spielzeugauto über seinen Oberschenkel, immer hin und her und brummt dabei leise. Plötzlich sagt er: „Papa, ich möchte mal in ein Land fahren, in dem es Giraffen gibt. Und wo möchtest du gern mal hin?“
Der Mann überlegt: „Oh, Giraffen! Giraffen wären toll. Ich möchte gern mal mit einem Boot auf einem Meer fahren, in dem es Delphine gibt.“ „Ja-aaa!“, sagt der Junge. „Können wir mal zu so einem Meer fahren? Gleich morgen!“ „Ok“, sagt der Vater, „vielleicht besser übermorgen, da ist Samstag, da gehst du nicht in den Kindergarten und wir haben Zeit.“
Das Träumen gehört zur Würde eines Menschen, habe ich neulich jemanden sagen hören. Und damit sind nicht unsere Träume im Schlaf gemeint. Jeder Mensch hat ein Recht auf Träume. Auch auf solche, die vielleicht nie wahr werden. Vielleicht auf die am allermeisten. Und wir Menschen sind verbunden darin, dass wir träumen.
Ich denke, dass es auf dieser Welt eine ganze Reihe Menschen gibt, die sich verbieten zu träumen. Weil zerplatzte Träume mehr wehtun als zerplatzte Pläne. Und ich sehe Menschen, die so tief im Elend sitzen, dass Träumen das allerletzte ist, was ihnen einfällt. Gleichzeitig sind die größten Visionen, etwa für das Zusammenleben von Menschen, in Zeiten entstanden als genau dieses Zusammenleben schwer war. Sie haben Kraft, die Träume.
Der Vater im Wartezimmer hätte seinem Sohn viele Erwachsenen-Sätze sagen können. Sätze wie: „Ja, das machen wir mal. Irgendwann.“ Oder: „Können wir uns leider nicht leisten.“ Und natürlich ist es wichtig, Kindern auch realistisch und ehrlich zu antworten. Aber das hier war ein Träume-Teilen-Gespräch. Ich hatte das Gefühl, dass der Junge am Ende ganz genau wusste, dass sie nicht am Samstag losfahren, um Delphine zu sehen. Aber sie haben einen Traum geteilt.
Träume teilen hat mit Augenhöhe zu tun. Und mit Würde.
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Es gibt ja so Sachen, die machen gute Laune, einfach weil es sie gibt:
Ich hab‘ so eine Sache auf Menorca gesehen. Typisch für Menorca sind diese Garten- und Hoftore, die an den weiß getünchten Mauern hängen. Sie sind aus dem Holz der wilden Olivenbäume und die Streben sind so geschwungen wie die knorzigen Äste eben sind. Und es gibt noch eine Besonderheit an diesen Toren: Das Tor ist nicht mit einem Scharnier am Torpfosten befestigt. Es hängt mit einem Ring – ziemlich locker - am Torpfosten und damit es unten am Boden nicht ausbricht, sitzt es in einer Vertiefung als Führung. Für diese Vertiefung werden Flaschen, solche mit diesem ganz bauchigen Böden, kopfüber in den Boden einbetoniert. Man nimmt Sekt- oder Champagnerflaschen, denn die haben die schönste Bodenwölbung. Natürlich gäbe es technisch andere Möglichkeiten, gibt es ja sonst überall auf der Welt auch.
Ich frage eine Menorquinerin, warum sie das so machen. „Keine Ahnung“, sagt sie. „Ist doch schön, oder? Du musst zugeben, es ist schöner, Flaschen als Befestigung zu vergraben als einfach Scharniere anzubringen.“
Das muss ich zugeben. Und ich mag die Leichtigkeit, mit der sie antwortet. Sie erzählt nicht, dass diese Technik vermutlich mal irgendwann aus der Not geboren wurde mit dem Material, was man eben hatte. Sie erzählt auch nicht davon, dass „man“ das halt so macht, weil das irgendwie seitdem Tradition ist. Sie sagt: Ist doch schön, oder?“ Und ihre Augen leuchten.
Ich stelle mir vor, dass die Augen der Menschen, die erlebt haben, wie Jesus, Wasser in Wein verwandelt hat, auch so geleuchtet haben. Sie hatten fast diebische Freude daran, dass er sich nicht zu schade war für so ein Fest-Wunder.
Wie die menorquinischen Tore ist das weder etwas zum Nachahmen noch ist es ein praktischer Tipp. Es erinnert uns daran: Leben, das ist nicht nur das, was notwendig ist. Oder das, was praktisch ist. Leben, das sind auch diese herrlichen Dinge, die wir mit leuchtenden Augen erzählen und damit von uns selbst preisgeben, was das Leben für uns einzigartig und wiedererkennbar macht. So wie die vergrabenen Sektflaschen unter Gartentoren. Ist doch schön, oder?
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