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Guten Morgen zum heutigen Silvestertag!

Wir haben es fast geschafft, das Jahr 2018. Heute Nacht dann gibt’s Salut und Sekt.  Aber  - noch nicht jetzt! Noch liegt der ganze Tag davor, mit all seinen inneren und äußeren Vorbereitungen. Und da gehen bei vielen die Gedanken so hin und her zwischen Sorge und Freude. Vermutlich lässt dieser Tag niemand ganz gleichgültig. Da sind so gemischte Gefühle, die Wehmut beim Abschied aus dem alten Jahr – und die Neugier, aber auch Sorge im Blick auf das unbekannte Neue. Wie wird es sein? Was wird es bringen? Mit dem Trubel und dem lauten Getöse in der Nacht lassen sich diese verschiedenen Empfindungen leichter ertragen.

Ich finde, dass sich diese gemischten Gefühle auch mit dem Glauben an Gott leichter ertragen lassen. Für mich ist das so. Im Blick zurück danke ich Gott, der an meiner Seite war. Er ist mit mir durch dick und dünn gegangen. Da war in diesem Jahr die ganze Palette, von Geburt bis Tod. Und in der weiten Welt war es nicht anders.

Genau da mitten drin ist Gott. Mitten in dem Gemischtwarenladen dieses Jahres. Gott schafft nicht die heile Welt für uns. Das ist schon unsere eigene Aufgabe. Aber er bleibt an der Seite der Menschen. Ganz egal, was geschieht. Und deshalb kann ich dem alten Jahr gut Adieu sagen. A dieu heißt: hin zu Gott – ich gebe mein persönlich erlebtes Jahr Gott in die Hand zurück. Ich bedanke mich für alles, was es mir gegeben hat. Reifer geworden bin ich und älter, gleichzeitig heiler und versehrter.

Und so umarme ich dieses Jahr. Du warst ein kostbares Jahr meines Lebens! Danke, dass ich es erleben durfte. Adieu.

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Sind Sie schon einmal im Abendkleid in einen öffentlichen Brunnen gestiegen? Oder haben Sie sich absichtlich in einen falschen Zug gesetzt, um zu gucken, was dann passiert? Ich grinse, als ich diese Fragen in einem Jahresrückblick lese. Und ich muss passen. Leider. Ich fürchte, ich habe in dem jetzt fast vergangenen Jahr nichts so richtig Verrücktes getan. Leider bin ich meistens viel zu vernünftig. Jeder andere vernünftige Mensch würde wahrscheinlich auch sagen: Mit dem Abendkleid in den Brunnen? In den falschen Zug einsteigen? Das ist doch verrückt!

Schade! Eigentlich hatte Astrid Lindgren recht, als sie feststellte: „Es gibt kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern.“ Das bedeutet: Macht doch mal absichtlich was Verrücktes. Das macht jung! Und schenkt neue Einsichten. Oder macht einfach nur Spaß.

Meine Oma fällt mir ein. Sie war eine feine Dame. In allem. Außer an ihrem 80. Geburtstag. Da gab's natürlich ein Fest. Ganz überraschend wollte ein Teil der Familie  früher als geplant wieder abreisen. Nur: die kalten Platten fürs Abendessen waren noch nicht gerichtet. Aber so ein Wurstbrot mit Gurke – wenns schnell geht, wäre das schon recht. Also haben wir eilig umgeplant, zum Wohnzimmerpicknick. Alle standen wir vergnügt und ausgelassen um den großen Wohnzimmertisch. In unseren feinen Kleidern. Auf dem Tisch eine feine Tischdecke. Darauf aber ein wildes Durcheinander von Wurst und Käse im Papier, Brot und Butter, Tellern, Gläsern - und alle langten zu. Meine Oma war hin und weg! Sie hat dieses Picknick im eigenen Wohnzimmer köstlich gefunden und total genossen. Alles war für eine kurze Zeit so einfach, unkompliziert, leicht. Auf einen Baum ist meine Oma nie geklettert! Aber an diesem  Abend  ihres 80. Geburtstages ist sie für eine halbe Stunde über die Grenzen ihrer strengen Erziehung gestiegen. Vom Wohnzimmerpicknick sprach sie noch jahrelang.

Vielleicht kann man so etwas Ungewohnt-Vergnügliches nicht immer planen – aber ich kann die Augen aufhalten, ob es sich ergibt – und dann zupacken. Jetzt oder nie….Das wäre kein schlechter Vorsatz fürs neue Jahr.

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Das Vaterunser ist das Gebet, das am weitesten verbreitet ist. Die ganze christliche Welt kennt es, in allen Sprachen. Ich habe schon öfter miterlebt, wie Menschen  es gleichzeitig in verschiedenen Sprachen sprechen. Jeder und jede in der eigenen Muttersprache. Wenn die verschiedenen Sprachen dann im gleichen Rhythmus klingen, ist das für mich immer sehr aufregend und bewegend. Ein schönes Zeichen für die weltweite Gemeinschaft. Die Worte des Vaterunsers verbinden mich mit Christen in der ganzen Welt. Es gehört sozusagen zur Muttersprache des Glaubens.

Wer es seit Kindesbeinen geübt hat, kann das Vaterunser oft auch dann noch mitsprechen, wenn der Kopf nicht mehr so richtig will. Davon erzählen Menschen immer wieder. Und ich habe es selbst erlebt bei einem Onkel. Er war schon lange krank. Gesprochen hat er nicht mehr, dazu war er zu schwach. Früher hatte er Zeitungen und Bücher gelesen, die ganze Welt war für ihn interessant. Das war jetzt vorbei. Von all dem wollte er nichts mehr wissen. Die meiste Zeit lag er schlafend im Bett. Aber wenn wir ein Vaterunser mit ihm gebetet haben, dann geschah etwas Erstaunliches: Da kam auf einmal ein wenig Leben in ihn zurück. Er versuchte, mitzusprechen. Wir sahen, dass er sich erinnert. Seine Lippen haben sich mitbewegt. Diese uralten Worte haben offensichtlich auf ihn gewirkt. Und sein Gesicht entspannte sich. Für einen Moment war alles gut.

Ich kenne viele Menschen, für die mit einem Vaterunser „alles gesagt ist“. Im Vaterunser finden sie sich, ihren Glauben und ihre Sehnsucht nach Leben wieder. Deshalb beten sie es gerne. Und es ist ja auch ein einfaches Gebet, das man immer bei sich haben kann, immer und überall. Für mich ist es aber am schönsten, wenn ich das Vaterunser zusammen mit anderen beten kann.

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Ein Schüssel voller Mehl, Wasser, Gewürze, eine Tüte Sauerteig– in der Generation meiner Kinder wird wieder selbst Brot gebacken. Die Hobbybäcker geben Rezepte und Erfahrungen hin und her. Am Abend ist die Mehlmischung noch unauffällig, am anderen Morgen blubbert der gesamte Teig. Welche Sauerteigmischung hilft da am besten und wieviel?

In der Bibel ist mehrfach vom Sauerteig die Rede. So sagt Jesus einmal: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Sea Mehl verbarg, bis das Ganze durchsäuert war.“ (Mt 13,33) Sauerteig wirkt kräftig! Und wie Sauerteig soll die gute Nachricht vom Himmelreich sich ausbreiten und ansteckend wirken. Und in der Tat – ein Sauerteig im Sinne von Jesus tut wirklich not. Dieser Sauerteig heißt Liebe. In Gottes neuer Welt, die auf der Erde anfängt, gilt die Nächstenliebe. Die Menschen sollen sich gegenseitig helfen, Schwache beschützen und Fremde achten. Vor allem aber sollen sie ihre Feinde lieben, dh. als Menschen betrachten. In einem solchen neuen Leben, von dem Jesus spricht, leben die Menschen aus dem Glauben an Gott – und hoffen auf Gott. Es geht um Gottes Macht, nicht um die Macht von Menschen. Und immer wieder geht es in Gottes neuer Welt um Liebe, Liebe, Liebe.

Stattdessen jedoch wird die Stimmung in unserer Gesellschaft immer gereizter und teilweise sehr gehässig. In manchen Bereichen gehen die einfachsten Regeln des Anstands verloren. Christliche Werte – die werden durchaus leider auch von Christen missachtet. Auf einmal werden Menschen wieder eingeteilt in erwünschte und nicht erwünschte. Das ist nicht nur politisch ein Skandal. Für Christen geht eine solche Unterscheidung absolut nicht! Vor Gott sind alle Menschen gleich. Ob mir das passt oder nicht. Jesus Christus war da ganz klar in seinen Worten. Wer diese ablehnt, kann sich nicht mehr Christ nennen. Christen müssten hier vielmehr Sauerteig sein. Für die Liebe, gegen nationalen Egoismus.

Für Christen muss deshalb die Liebe das Bindeglied unter den Menschen sein. Das ist ein Sauerteig. Der wird wirken!

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Christsein hat mit Liebe zu tun. Jesus hat viel über die Liebe gesprochen. Eigentlich sprach er über nichts anderes, in vielen Variationen. Von ihm ist das wichtigste Gebot überliefert: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. (z.B. Lk 10, 25-37) Das ist das ganze Paket! Es geht um die Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst. Und zwar gleichwertig. Keine der genannten Liebes-Aufgaben steht über der anderen, keine hinter der anderen. Jesus ist dabei wenig bescheiden: dieses Liebesgebot ist so groß und umfassend; weitere Gebote sind dadurch im Grunde überflüssig. 

Eigentlich ist das ja auch logisch. Wer Gott liebt, kann unmöglich andere Menschen hassen oder verachten oder noch Schlimmeres antun. Denn auch sie sind Kinder Gottes. Wer Gott liebt, sollte aber auch sich selbst liebhaben. Denn: Wenn ich mich selbst nicht leiden kann - wie könnte ich zu anderen gut sein, wenn ich nicht mal mir selbst gut bin? Und wieder weiter: Es wäre ebenso unmöglich, nur sich selbst zu lieben, den Nächsten aber zu vergessen. Da müsste ich mich vor Gott schämen. So hängt für Christen die Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu mir selbst eng zusammen, unlösbar ineinandergelegt. Dieses Liebesgebot ist eine ziemlich große Liebes-und Lebensaufgabe. Und es ist ganz wichtig. Das Wichtigste überhaupt. Aber wer kann das schon, immer lieben? Wer kann schon immer alle drei Seiten im Blick haben? Sich selbst, den Mitmenschen und auch Gott?

Weil das so schwer ist, hat dieses dreifache Liebesgebot eine Art Vorwort. Und das geht so: Alles geht immer zuerst von Gott aus! Was ich tue oder versuche, kann ich deswegen tun, weil Gott mich immer schon liebhat. Für mich ist das überhaupt das Schönste!

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Die zwei Buben spielen miteinander. Es geht friedlich zu. Meistens. Aber ab und zu gibt’s Geschrei. Einer hat dem anderen was weggenommen. Oder sie können sich nicht einigen. Sie streiten, sie schreien, rufen manchmal auch einen Erwachsenen, damit der schlichtet. Danach trotzen sie eine Weile und dann spielen sie weiter miteinander. So geht das immer, wenn sie zusammen sind. Die beiden Kinder lieben sich und streiten sich. Als sie klein waren, haben sie sich auch dabei weh getan. Allmählich haben sie gelernt, ihre Konflikte eher mit Worten als mit Fäusten zu lösen. Und als Oma staune ich, wie gut sie das oft schon hinkriegen. Da könnten wir Großen was von ihnen lernen.

 

Mit dem Streiten ist es ja so eine Sache. Seit Menschen leben, gehen sie nicht nur nett miteinander um, sondern streiten sich auch. Schon die Bibel ist voll mit Streit- und Kriegsgeschichten. Und aus gutem Grund ist sie auch voll mit vielen Mahnungen, sich zu mäßigen: „Woher kommen die Kriege bei euch, woher die Streitigkeiten? Doch nur vom Kampf der Leidenschaften in eurem Innern.“ lese ich da zum Beispiel im Jakobusbrief (Jak 4,1). Das ist die Erfahrung seit Generationen: Menschen können sehr grausam werden. Jeder Mensch hat in sich Kräfte und Leidenschaften, die nicht immer nur gut sind. Und diese Kräfte und Leidenschaften beschäftigen die Seele sehr. Manchmal toben sie sich darin auch richtig aus. Jedes Kind aber muss lernen, seine leidenschaftlichen Gefühle zu kontrollieren. Und wir Erwachsenen? Wir müssen das auch. Als Erwachsene müssen wir das immer weiter üben. Ein Leben lang. Klar: Ärger und Wut gehören zum Leben dazu. Sie sind sogar sehr wichtig. Ich muss um diese Gefühle wissen und sie auch zulassen – sollte sie aber im Griff haben. Denn das Schlimmste ist immer, wenn starke Gefühle wie Neid, Ärger, Enttäuschung ungebremst auf andere losgelassen werden. Ziel ist vielmehr, dass am Ende die guten Absichten und guten Leidenschaften gewinnen. Ich vermute, dass sich die meisten Menschen dabei wohler fühlen! Und darauf kommt es an!

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„Komm, wir gehen glücklich sein!“ steht auf der Postkarte. Ich stutze. Grammatikalisch geht der Satz gar nicht: „Komm, wir gehen glücklich sein!“ Aber inhaltlich ist er sehr weise! Deshalb muss ich auch schmunzeln über diese Einladung. Und am liebsten würde ich sofort aufbrechen und losgehen zum glücklich sein. In meinem Inneren höre ich aber schon die Einsprüche: Glücklich sein – ist das nicht so ein großes Gefühl? Ein Ereignis, das vom Himmel fällt und mich ganz und gar aus den Angeln hebt? Und ist Glück nicht eigentlich ein Schicksal? Das manchmal kommt, oft aber auch gar nicht? Wie soll ich also zum Glücklichsein „hingehen“? Geht das überhaupt?

Ja. Und wie! Da muss ich nur Kinder beobachten. Man geht mit ihnen raus, und sie quietschen vor Freude über einen Käfer an der Haustür. Oder wenn sie andere Kinder treffen, oder im Schlamm spielen können. Man geht mit ihnen raus und sie sind glücklich. Weil sie sich ganz hingeben an das, was sie jetzt gerade tun. Weil sie – zumindest wenn sie noch klein sind – überhaupt nichts bewerten. Sie erwarten auch nicht irgendwas Großes. Sie sind einfach. Alles, was sie tun und erleben, ist eine Überraschung.

Und das ist das Geheimnis für Glück: Ich BIN einfach. Ich erwarte nichts Großes, sondern tue das, was ich gerade tue. Ich tue es bewusst. Das macht glücklich. Tomaten essen oder Brot einkaufen. Ein Glas Wasser trinken. Eine schwierige Aufgabe lösen. Mit jemandem sprechen. Einen Konflikt lösen. Im Beruf seine Arbeit tun. Unkraut zupfen. Satt werden. Schubladen aufräumen… Glücklichsein kann ich jeden Tag! Zu all diesen Dingen kann ich immer aufbrechen, oder sie ergeben sich von selbst. Auch in schwierigen Zeiten habe ich glückliche Momente erlebt. Entscheidend ist: Bin ich dafür offen? Bin ich darauf eingestellt? Möchte ich zum Glück hingehen? Am schönsten ist es allerdings, wenn mich jemand dazu einlädt und sagt: Komm, wir gehen glücklich sein!

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„Wo begegnet dir Gott?“ wurden die Mitglieder der „Netzgemeinde“ im Internet gefragt. Schreibt uns, wo ihr Gott erlebt!

Ich finde Gott in der Natur, hieß es ganz oft. Im Frühsommer ist die Natur ja auch einmalig. Es ist oft noch nicht so heiß und alles leuchtet und blüht in den schönsten Farben. 

Ich finde Gott in kleinen Kindern, schrieben andere, Kinder zeigen etwas vom Himmel, wenn sie spielen, lachen, wachsen und lernen. Sie sind jeden Tag kleine Wunder.

Natürlich finde ich Gott in der Kirche, wurde geschrieben -  beim Singen und Beten, in den Gottesdiensten. Oder in der Stille.

Aber es ging noch weiter: Manche erfahren Gott in der Musik, in Klängen, Liedern, Sinfonien, Freiluftkonzerten oder beim Musik machen.

Wieder andere erleben Gott in der Liebe. In Freundschaft und Vertrauen. In vertrauten Gesprächen miteinander. In gemeinsamen Wegen, und in Treue und Zusammenhalten. Und natürlich zählten viele auch die Bibel auf. Gott begegnet ihnen in den Geschichten der Bibel, in den Psalmen, in den Evangelien...

Es gibt so viele Gelegenheiten, Gott zu begegnen! Mir fallen noch viel mehr ein. Denn ich habe erfahren: Gott begegnet mir immer - je nachdem, was gerade los ist. Ob ich hungrig bin – oder satt. Ob ich mich gerade nicht leiden kann – oder ganz zufrieden bin. Er kann mir in meinem Schlaf begegnen und in meinen Träumen. Er begegnet mir auch im Streit. Und ganz besonders, wenn eine schwierige Situation wieder versöhnt ist. Gott begegnet mir in allem und allen.

Es kommt also vor allem darauf an:  dass ich die Augen und die Ohren öffne - und vor allem das Herz, um Gott zu spüren - oder ihn wenigstens zu erahnen. Denn die Welt ist so voll von Gott. Gerade jetzt im Sommer kann ich das überall spüren.

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Müde und vornübergebeugt – so sieht sie aus, die Statue des Bischof Ketteler in Mainz. Ein Bild des Jammers! Dabei hat Emanuel von Ketteler Geschichte geschrieben! Seine Ideen zur sozialen Frage sind in jedem modernen Rechtsstaat umgesetzt. Als er gestorben ist im Jahr 1877, war das  alles noch nicht abzusehen. Da schien er wirklich gescheitert.

Bischof Ketteler war ein starker Charakter. Die erste Karriere als Jurist hatte er aus Gewissensgründen aufgegeben. Er wollte keinem Staat dienen, der das Gewissen eines Menschen missachtet. In seinem zweiten Beruf wurde er Dorfpfarrer. Da hat er gesehen, wie schlecht es den Leuten auf dem Land geht, finanziell, gesundheitlich, arbeitsmäßig. Das kann so nicht bleiben. Also organisiert er Gesundheitsfürsorge, Bildung für Frauen, Mittagessen für Schulkinder, die einen weiten Heimweg haben. Er hat viele Ideen, um Not zu lindern. Und in seinen Predigten nimmt er kein Blatt vor den Mund. Er wird zum Fürsprecher der „sozialen Frage“: Die Industrialisierung hatte verheerende Folgen für die Arbeiter.  Deshalb wird Emanuel von Ketteler doch noch Politiker. Und kurz darauf Bischof von Mainz. Er entwickelt eine Strategie: Erst die akute Not lindern – und dann die Verhältnisse. Damit die Armen nicht dauerhaft arm bleiben, müssen die Verhältnisse sich ändern, die zutiefst ungerecht sind. Ketteler plädiert für Streikrecht, Krankenkassen und Gewerkschaften. Er entwickelt viele Ideen, die unerhört sind. Heute sind sie selbstverständlich Die wichtigste Idee  sicherlich: „Eigentum verpflichtet“. 

Leider erlebt Bischof Ketteler die Erfolge seines Kampfes um mehr soziale Gerechtigkeit nicht mehr mit. Seine Ideen scheinen gescheitert. Er stirbt müde und gebrochen. Aber das wissen wir heute besser: Er war es, der den Politikern seiner Zeit die soziale Frage mit Nachdruck auf den Tisch gelegt hat. Er hat damit den Weg bereitet für den sozialen Rechtsstaat, den wir heute haben. Aber die Kirche braucht auch weiterhin Männer und Frauen, die für soziale Gerechtigkeit kämpfen.

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„Liebst Du Gott, oder übst Du Religion?“ lese ich bei Paul Coutinho, einem indischen Jesuiten. Diese Frage trifft mich wie ein Blitz. O weh, wie würde ich das beantworten?

 Als ich ein Kind war, liebte ich Gott wie ein Kind das tun kann, ganz und gar und mit heißem Herzen. Alles, was in der Kirche los war, hat mich gefesselt. Zweifel kamen später, viel später in der Pubertät, als Schülerin, Studentin. Dann aber stand alles in Frage, auch alles, was bisher Halt gegeben hatte. Ich selbst, Familie, Gesellschaft, Kirche und Glaube….musste alles erst neu zusammengesetzt werden. Nächtelang haben wir diskutiert unter Freunden und Kollegen, haben uns in ehrenamtliche Arbeit gestürzt. Tatsächlich, in diesen Jahren habe ich eher Religion geübt. Die sozialen Regeln der 10  Gebote, das theologische Wissen, Jesus der Sozialrevolutionär: das war Glauben als intellektuelle Auseinandersetzung. Das braucht es auch, um erwachsen zu werden.  Um im Glauben erwachsen zu werden. So ein bisschen Kinderwissen reicht da nicht aus.

Irgendwann aber merkte ich: das hat ja auf Dauer für mich keine Wurzeln. Da fehlt etwas. Die entscheidende Frage ist doch:  Wie hilft der Glaube dem Leben? Was lässt mich hoffen und lieben? Woher kommt Kraft? Und wie finde ich zu den Quellen? Was hat Gott mit mir vor? Und wieder, fast unbemerkt, begann ein neuer Weg. Ich habe gemerkt, dass mir das Herz aufgeht beim Beten. Dass ich gern zum Gottesdienst gehe, und mich nachher irgendwie froher fühle. Dass es wunderbar ist, mit Gleichgesinnten über den Glauben zu sprechen und  Erfahrungen zu teilen. Die Worte der Bibel höre ich jetzt anders. Sie gelten mir, sie sind Zuspruch - und sie geben mir Aufgaben mit, für mein Leben. Immer wieder kommen auch Fragen auf, und ich zweifle. Hört Gott mich wirklich?  Oder mache ich mir da was vor? Es gibt nicht „die eine Sicherheit“ im Glauben. Am allermeisten habe ich deshalb gelernt beim Zuhören – wie andere glauben, leben, Gott lieben. Wenn miteinander über den Glauben gesprochen wird. Dann  kann ich etwas davon fühlen, wie Gott jeden einzelnen liebt. Und wie die anderen darauf antworten. 

„Liebst du Gott, oder übst du Religion?“ bleibt eine spannende Frage.

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