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SWR Kultur Zum jüdischen Feiertag

31MRZ2026
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PESSACHFEST DER ISRAELTEN 31.3.2026

Zu Beginn unserer Sendung zum Pessachfest, hören Sie ein volkstümliches Lied des Sederabends:  Wehi scheamdaEine jüdische „Bewältigung der Vergangenheit“…  Der Text:  Nicht nur Einer wollte uns vernichten, sondern zu jeder Zeit, in jedem Geschlecht stand man wider uns auf, um uns zu vertilgen.  Der Herr allein hat uns aus ihren Händen gerettet....Es singt der L’chaim Chor.

Musik: L’chaim Productions; „Kulanu Messubin. Songs from the Hagodo“

 

Pessach – das Fest der Freiheit – gehört zu den tragenden Säulen des Judentums. Wenn wir im Frühling zusammenkommen, um des Auszugs aus Ägypten zu gedenken, erinnern wir nicht nur an ein historisches Ereignis, wie es im zweiten Buch der Tora, dem Sefer Schemot, Exodus, überliefert ist. Wir begehen vielmehr die Geburtsstunde unseres Volkes. Vor mehr als dreitausend Jahren wurden aus versklavten Hebräern im altertümlichen Ägypten freie Menschen – und aus einer Schar von Familien wurde Israel. Pessach ist daher kein bloßes Erinnerungsfest; es ist die jährliche Vergewisserung unserer geistigen Herkunft und unserer moralischen Sendung.

Der biblische Bericht schildert nicht nur die Dramatik der zehn Plagen, nicht nur den nächtlichen Aufbruch, nicht nur das Wunder am Schilfmeer. Er zeichnet den Weg eines Volkes von der Ohnmacht zur Verantwortung. Freiheit bedeutet im jüdischen Verständnis niemals Zügellosigkeit. Kaum sind die Israeliten der Knechtschaft Ägyptens entronnen, stehen sie am Sinai, um die Gebote zu empfangen. Erlösung und Gesetz gehören zusammen. Wer frei ist, ist nicht sich selbst überlassen – er ist gerufen.

Am 15. des jüdischen Monats Nissan, wenn das Licht des Frühlings stärker wird und die Natur ihre Erstlingsblüten zeigt, versammeln sich Juden in aller Welt am Abend um den festlich gedeckten Tisch. Der Seder ist kein gewöhnliches Mahl. Er ist ein geordnetes Ritual – „Seder“ bedeutet Ordnung – das Schritt für Schritt durch Erinnerung, Dank und Hoffnung führt. Seine Dramaturgie ist in der Haggada niedergelegt, jenem Text, der biblische Verse, rabbinische Deutungen, Psalmen und Lieder miteinander verbindet und die wir während der Seder Zeremonie lesen.

Die Haggada ist dabei nicht bloß Liturgie, sondern Pädagogik. Sie stellt das Kind in den Mittelpunkt. „Warum ist diese Nacht anders als alle anderen Nächte?“ Mit dieser Frage beginnt das Gespräch zwischen den Generationen. Der Glaube lebt vom Dialog. Die Überlieferung wird nicht diktiert, sondern erzählt. Und indem wir erzählen, bekennen wir: Unsere Geschichte ist nicht stumm geworden.

Von zentraler Bedeutung ist der Satz in der Haggada, der Lektüre des Abends: „In jeder Generation ist der Mensch verpflichtet, sich so zu sehen, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen.“ Diese rabbinische Lehre verleiht Pessach seine existenzielle Tiefe. Ägypten – „Mizrajim“, das Land der Enge – ist nicht nur ein geografischer Ort der Vergangenheit. Es steht für jede Form von Bedrängnis, von Entwürdigung, von geistiger Gefangenschaft.

 

Und nun hören Sie ein Psalmlied aus der Haggada (Ps. 114): Betzet Jisrael. Die Übersetzung lautet: „Als Israel aus Ägypten zog, das Haus Jakob aus dem fremden Volk, da wurde Juda sein Heiligtum, Israel sein Königreich.  Das Meer sah es und floh, der Jordan wich zurück… Was ist mit dir, Meer, dass du fliehst, und mit dir, Jordan, dass du zurückweichst? Vor dem Herrn erbebe, du Erde, vor dem Antlitz des G-ttes Jakobs,“ Es singt ein chassidischer Chor. 

Musik: L’chaim Productions; „Kulanu Messubin. Songs from the Hagodo “

 

Die Symbolik des Seder-Tellers spricht in eindringlichen Zeichen. Bittere Kräuter erinnern an die Härte der Knechtschaft. Charosset, eine Mischung aus Äpfeln, Nüssen, Zimt und Wein, süß und doch von dunkler Farbe, verweist auf den Mörtel der Zwangsarbeit. Salzwasser steht für Tränen. Die Mazza schließlich – das ungesäuerte Brot – bleibt das Herzstück des Mahles. Sie ist schlicht, unscheinbar, beinahe karg. Und doch trägt sie eine gewaltige Botschaft: Freiheit beginnt im Aufbruch. Es blieb keine Zeit, den Teig gehen zu lassen. Wer gerufen wird, darf nicht zögern.

Der Verzicht auf Chametz, auf alles Gesäuerte, ist mehr als eine kulinarische Vorschrift. Er ist eine Übung in geistiger Disziplin. Das Überhebliche, Selbstzufriedene soll aus unserem Besitz entfernt werden. Die sorgfältige Suche nach den letzten Krümeln wird so zu einer symbolischen Selbstprüfung. Welche Gewohnheiten halten uns gefangen? Welche Bequemlichkeiten verhindern unseren Aufbruch?

Pessach ist darum auch ein Fest der Verantwortung gegenüber dem Fremden. Immer wieder mahnt die Tora: „Denn ihr seid Fremde gewesen im Land Ägypten.“ Die eigene Erfahrung der Unterdrückung verpflichtet zur Empathie. Freiheit ist kein Privileg weniger, sondern ein Recht aller. In einer Welt, die von neuen Abhängigkeiten, Ängsten und Unsicherheiten geprägt ist, gewinnt diese Botschaft besondere Aktualität.

Das Fest dauert sieben Tage in Israel und in der traditionellen Diaspora acht Tage. An diesen Festtagen werden die „Hallel“- Lobpsalmen gesprochen. Zwischen diesen Polen von Erinnerung und Dank entfaltet sich eine Zeit der bewussten Einfachheit: kein gesäuertes Brot, keine gewohnte Selbstverständlichkeit – stattdessen Konzentration auf das Wesentliche.

Am Ende des Sederabends erklingt der Ruf: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Dieser Satz ist mehr als geografische Sehnsucht. Er ist Ausdruck der Hoffnung auf eine Welt, in der die Erlösung nicht bruchstückhaft bleibt. Jerusalem steht für Ganzheit, für Frieden, für die Vision einer versöhnten Menschheit.

So bleibt Pessach ein Fest der Familie – und zugleich ein Fest von universaler Bedeutung. Es lehrt, dass Geschichte Sinn hat. Dass Unterdrückung nicht das letzte Wort behält. Dass der Mensch zur Freiheit berufen ist – und dass diese Freiheit ihn verpflichtet, selbst zum Befreier zu werden: im Kleinen, im Alltag, in der Art, wie er dem Mitmenschen begegnet.

In jedem gesungenen Lied, in jedem gebrochenen Stück Mazza, in jeder erzählten Passage aus der Haggada erneuert sich das uralte Versprechen: Aus Enge kann Weite werden. Aus Knechtschaft Würde. Und aus Erinnerung Zukunft.

 

Zum Schluss unserer Sendung hören Sie ein Lied des Sederabends: Chassal Siddur Pessach: Der Pessach-Seder ist bis zum Ende vollendet worden, gemäß seinen Gesetzen und all seinen Geboten.  Oh, Herr, bring den Tag näher, an dem Du das Volk, das Du gepflanzt hast, erlöst hast,  nach Zion führst, verzaubert. Es singt der L’chaim Chor.

Musik: L’chaim Productions; „Kulanu Messubin. Songs from the Hagodo“;

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

27MRZ2026
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Wir leben in einer Zeit, in der vieles perfekt sein soll.
Der Lebenslauf. Der Körper. Die richtige Antwort – am besten sofort.
Und doch wissen wir: Das Leben ist selten perfekt. Es ist brüchig. Und wir sind es auch. Die jüdische Tradition geht damit überraschend nüchtern um. Die Tora rechnet nicht mit fehlerlosen Menschen. Sie geht davon aus, dass Menschen sich irren, scheitern, falsche Entscheidungen treffen – nicht als Ausnahme, sondern als Teil des Menschseins.

Die Tora weiß: Nicht jeder Fehler ist böser Wille. Oft ist er Überforderung, Unachtsamkeit oder schlicht menschliche Begrenzung. Entscheidend ist nicht, ob wir Fehler machen. Entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen. Ob wir sie verdrängen, anderen zuschieben – oder Verantwortung übernehmen.

Im Judentum heißt dieser Weg Teschuwa, Umkehr. Kein dramatischer Akt, sondern ein stiller Prozess. Er beginnt mit dem Eingeständnis: Ich bin nicht vollkommen. Und ich muss es auch nicht sein. Aber ich bin verantwortlich für mein Handeln. Erst dort, wo der Mensch seine Unvollkommenheit annimmt, wird er offen – für Veränderung und für Mitgefühl.

Wir müssen nicht perfekt sein. Aber wir können ehrlich sein. Lernbereit. Und menschlich. Vielleicht beginnt genau dort ein guter Tag.

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SWR3 Worte

06MRZ2026
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Am Schabbat tritt der Mensch von seinen eigenen Sorgen zurück und wird Gast im Haus G‑ttes. Der Schabbat ist ein heiliger Zufluchtsort mitten in der Hast und Mühe der Welt. Es ist ein Tag, an dem wir von der Tyrannei der Dinge befreit sind und die Würde des Lebens wiederentdecken. Der Schabbat ist ein Geschenk für die Seele, ein Fest für den Geist, eine Erinnerung daran, dass nicht Besitz, sondern Zeit unser wahres Erbe ist. Es ist ein Palast, in dem wir wohnen, nicht aus Stein gebaut, sondern aus Stunden, und in ihm finden wir die tiefe Bedeutung dessen, Mensch zu sein.“

 

Abraham Joshua Heschel: The Sabbath: Its Meaning for Modern Man, New York: Farrar, Straus and Giroux, 1951, Kapitel 1 „A Palace in Time“.

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SWR Kultur Zum jüdischen Feiertag

02MRZ2026
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Zu Beginn unserer Sendung zum Losfest PURIM, hören Sie nun ein chassidisches Lied aus der Liturgie, vorgetragen von Kantor David Werdyger:  Hu osse Gedolot.  Die Übersetzung lautet: „Der Herr schafft Mächtiges und ungezählte Wundertaten...“

„Cantor David Werdyger sings Skulaner Nigunim I“ Interpret: D.Werdyger; Komponist: D.Werdyger; 

Purim ist eines der ungewöhnlichsten Feste im jüdischen Kalender. Anders als Pessach oder Chanukka erzählt es keine Wunder im klassischen Sinn: kein geteiltes Meer, kein Feuer vom Himmel. In der Megillat Esther, der Esther-Rolle, fällt nicht einmal der Name G‑ttes. Und doch ist Purim ein Fest der Rettung – ein Fest, das Mut, Klugheit und menschliche Verantwortung feiert.

Die Geschichte spielt im Perserreich des 5. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, im Hof des Königs Achaschwerosch – historisch oft mit Xerxes I. identifiziert. Das Reich reichte von Indien bis Äthiopien, und die jüdische Minderheit lebte darin integriert, aber rechtlos. Sie war abhängig vom Schutz des Hofes, den Gunstlaunen des Königs und dem Einfluss mächtiger Berater.

Im Zentrum stehen drei Figuren: Mordechai, der weise jüdische Beamte, seine Cousine Esther, die zur Königin wird, und Haman, der mächtige Berater des Königs. Haman wird von Stolz und Eitelkeit getrieben. Er lässt Lose, auf Persisch – „Pur“ – werfen, um den Tag zu bestimmen, an dem alle Juden im Reich vernichtet werden sollen. Dieses Edikt bedroht ein ganzes Volk allein aufgrund seiner Identität.

Alles scheint entschieden. Und genau hier beginnt die eigentliche Botschaft von Purim: Rettung kommt nicht durch Wunder, sondern durch Menschen, die handeln. Esther, zunächst verborgen und unscheinbar, steht vor einer existenziellen Wahl: Schweigen – oder sprechen. Mordechai erinnert sie: „Wer weiß, ob du nicht gerade für eine Zeit wie diese Königin geworden bist.“ Esther wählt den Mut. Sie tritt ungerufen vor den König und wendet das Schicksal ihres Volkes.

Die Geschichte spiegelt die Realität vieler jüdischer Gemeinschaften in der Diaspora wider: Wie Minderheiten unter mächtigen Reichen überleben konnten, wie Solidarität und kluges Handeln lebensrettend sein können.

Es folgt ein liturgischer Abschnitt. Sie hören einen Lobgesang G-ttes: Mi jidme lach.  Es singt „The Miami Boys Choir“ unter der Leitung von Yerachmiel Begun. Die Übersetzung lautet:  Wer gleicht Dir, wer ist Dir ähnlich (O Herr)? Wer kann sich Dir gegenüberstellen, mächtiger, ehrfurchtbarer Herr, Schöpfer von Himmel und Erde...?

Musik Noam CDH 638 „It’s min haschamajim“; Interpret: Miami Boys Choir; Komponist: Yerachmiel Begun;

Heute wird Purim laut und fröhlich gefeiert. In Synagogen wird die Esther-Rolle vorgelesen. Jedes Mal, wenn Hamans Name fällt, wird er mit Ratschen, Klopfen oder Rufen übertönt. Kinder und Erwachsene verkleiden sich – Masken und Kostüme erinnern an die verborgene Identität Esthers, die versteckt agiert, und an die Unsichtbarkeit g-ttlicher Fügung. Verkleidungen machen die Feier fröhlich und erlauben es, die Welt für einen Moment spielerisch auf den Kopf zu stellen.

Geschenke werden verteilt – Mischloach Manot, kleine Pakete mit Speisen für Freunde und Nachbarn. Bedürftige erhalten Spenden, Zedaka, um Freude und Fürsorge zu teilen. Und schließlich gibt es das festliche Purim-Mahl, das Herzstück des Tages: reich gedeckte Tische, herzhafte Speisen, Wein und Musik. Das Festessen verbindet Freude, Gemeinschaft und Erinnerung – und macht erfahrbar, wie Rettung und Leben gefeiert werden.

Die Speisen selbst sind symbolisch. Die berühmten Hamantaschen, dreieckige Teigtaschen, erinnern an Haman und sein Scheitern. Sie sind süß gefüllt – ein Zeichen der Freude über die Rettung. Alles an Purim ist eine Mischung aus Ernst und Freude: lauter Lärm, Verkleidungen, Gelächter – und dennoch liegt darunter eine ernste Botschaft.

Purim ist ein Fest der verdeckten Hoffnung, der Solidarität und der Erinnerung: Die Rettung kommt nicht durch Macht, sondern durch Menschen, die mutig handeln. Die Megilla, die Lesung der Esther-Rolle erinnert uns daran, dass Geschichte oft nicht geradlinig verläuft, dass das Verborgene wirksam werden kann und dass das Richtige zu tun, manchmal riskant ist.

Historisch betrachtet ist Purim ein frühes Zeugnis jüdischer Erinnerungskultur in der Diaspora: Es zeigt, dass Identität, Text und kollektives Handeln zentral für das Überleben waren. Die Megillat Esther ist nicht nur ein literarisches Werk, sie ist ein Gedächtnistext, der lehrt, dass Mut und Verantwortung lebensrettend sein können.

Die Geschichte hat auch eine psychologische Dimension: Sie thematisiert Angst, Bedrohung und Unsicherheit von Minderheiten. Esther und Mordechai handeln klug und mutig – doch im Verborgenen, in einer Welt, in der jede falsche Bewegung tödlich sein könnte. Purim lehrt: Mut ist nicht immer spektakulär. Er kann leise wirken – und dennoch alles verändern.

Purim verbindet Vergangenheit und Gegenwart, Geschichte und Handlung, Ernst und Freude, Bedrohung und Rettung.

Zum Abschluss unserer Sendung erklingt ein klassisches Stück aus der Liturgie:  Ki lekach Tow.  Auf Deutsch:  Ein köstliches Gut- die Tora- habe Ich euch gegeben,- Meine Lehre verlasset nicht.  Ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr festhalten, und der sie erfasst ist glücklich….Es singt Kantor Leibele Waldman.

„Golden Voices of the Synagogue“; Interpret: Leibele Waldman; Komponist; Traditionell;

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

27FEB2026
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„Machet euch die Erde untertan“ – ein Satz aus dem ersten Buch Mose, Bereschit. Oft wird er falsch verstanden: als Erlaubnis, die Welt zu beherrschen oder zu zerstören. Doch im hebräischen Originaltext steckt etwas viel Verantwortlicheres.

Dort heißt es: „Füllt die Erde, und kawschuha – macht sie euch untertan – und radu – herrscht – über die Tiere.“

Der hebräische Begriff Kawschuha bedeutet: die Welt erschließen, gestalten, in Besitz nehmen – kreativ, nicht zerstörerisch.
Radu heißt: fürsorglich leiten, wie ein Hirte. Wer schlecht handelt, macht daraus harte Herrschaft – das ist nicht G-ttes Wille.

Die Botschaft der Rabbinen ist klar: Wir sind Verwalter, nicht Eigentümer der Erde. G-tt sagte:„Ich habe die Welt um deinetwillen geschaffen – aber sei vorsichtig, sie nicht zu verderben. Denn wenn du sie zerstörst, gibt es niemanden, der sie reparieren kann.“

„Machet euch die Erde untertan“ heißt also: bewusst nutzen, schützen, bewahren, Balance halten zwischen Entwicklung und Erhalt. Verantwortung übernehmen, nicht tyrannisch herrschen.

Die Erde ist unser Auftrag, kein Eigentum. Wir sind ihre Hüter – und diese Verantwortung ist ein Geschenk und eine Pflicht zugleich.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

30JAN2026
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Es gibt im Talmud eine Stelle, die ich besonders schätze. Dort heißt es:
„Der weise Mensch ist der, der von jedem lernt.“ Nun, das hört sich einfach an. Und doch steckt in diesem Satz ein wunderbar jüdischer Gedanke:
Wir wachsen nicht, indem wir immer recht haben, sondern indem wir Platz machen – Platz für den anderen.

Unsere Weisen nennen diesen Platz Makom. Und HaMakom – „der Ort“ – ist einer der Bezeichnungen für G-tt, als Ort des Weltalls. Das klingt beinahe poetisch: G-tt ist der Raum, in dem wir atmen dürfen. Kein strenger Aufseher mit erhobenem Zeigefinger, sondern ein Gastgeber, der sagt: „Komm herein, setz dich, nimm dir Zeit – ich renne dir nicht davon.“

Da verstand ich: Manchmal ist der größte Dienst, den wir einander erweisen können, schlicht das Hinhalten unserer Ohren.

Die chassidischen Meister sprechen davon, dass jeder Mensch ein kleiner Tempel ist – und in einem Tempel macht man Platz. Platz für Gedanken, für Zweifel, für Geschichten, für die Freude und manchmal sogar für die schlechte Laune des anderen. Denn auch die braucht gelegentlich einen Parkplatz.

Ich denke oft: Unsere Welt wäre schon ein bisschen friedlicher, wenn jeder von uns nur einen einzigen Zentimeter mehr Raum gäbe. Einen winzigen Moment Geduld im Treppenhaus. Ein Lächeln, wenn der andere im Verkehr nicht sofort losfährt.

Vielleicht ist das der jüdische Impuls für heute: Geben wir einander Raum – einen warmen, menschlichen, humorvollen Raum.
Denn dort, wo Menschen einander Platz machen, da sagt der Talmud: „Dort wohnt der Segen.“ Und glauben Sie mir – der Segen sucht immer Wohnungen mit guter Nachbarschaft.

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SWR3 Gedanken

02JAN2026
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Manchmal denke ich darüber nach, wie viele Dinge uns verbinden – und wie oft wir nur das Trennende sehen.
Im Judentum heißt es: Jeder Mensch ist nach dem Ebenbild G-ttes geschaffen. Egal, welche Religion, Hautfarbe oder Herkunft – in jedem Menschen steckt ein Stück G-ttliches.

Diese Vorstellung berührt mich. Sie ist so alt – und doch so aktuell.
Denn sie erinnert daran, dass Würde nicht verdient werden muss. Sie ist da. Von Anfang an.

In einer Zeit, in der Antisemitismus wieder lauter wird, tut es gut, sich daran zu erinnern: Das Judentum ist nicht fremd – es ist ein Teil unserer gemeinsamen Geschichte.
Ohne jüdisches Denken gäbe es vieles nicht: den Glauben an Gerechtigkeit, an Barmherzigkeit, an Hoffnung.

Vielleicht fängt Frieden genau da an – wenn wir das G-ttliche im anderen wieder sehen.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

19DEZ2025
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Wenn Schabbat und Chanukka zusammentreffen, gibt es zwei Lichtquellen: die Schabbatleuchter und den Chanukkaleuchter. Zwei verschiedene Lichter – und doch erzählen beide vom selben Wunsch: Licht in die Dunkelheit zu bringen. Die Schabbatkerzen brennen im Haus. Sie bringen Frieden, Ruhe, und ein wenig Wärme in den Alltag. Sie erinnern daran, dass es im Leben Zeiten geben muss, in denen man loslässt – von Arbeit, von Sorge, von Lärm.

Die Chanukkakerzen dagegen stehen am Fenster. Sie sollen gesehen werden – draußen, auf der Straße. Sie erzählen von einem alten Wunder: Als der Tempel in Jerusalem nach seiner Entweihung durch die griechischen Eroberer, von den Makkabäern wieder eingeweiht wurde, fand man nur einen kleinen Krug reinen Öls, gerade genug für einen einzigen Tag, um das Licht im Tempelleuchter brennen zu lassen. Doch das Öl brannte acht Tage lang, bis neues bereitet war. Dieses Licht ist eine Botschaft an die Welt: Freiheit ist möglich, auch aus der Dunkelheit heraus.

Wenn beide Lichter zusammen brennen, dann treffen sich zwei Welten: das Licht der inneren Ruhe und das Licht der Hoffnung. Schabbat lehrt uns, Frieden im eigenen Haus zu finden. Chanukka ruft uns zu, diesen Frieden hinauszutragen. Vielleicht ist das die Botschaft dieses besonderen Wochenendes: Erst wenn wir im Inneren Licht haben, können wir auch draußen leuchten.

Schabbat Schalom – und Chag Urim Sameach. Einen friedlichen Schabbat Chanukka.

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SWR Kultur Zum jüdischen Feiertag

15DEZ2025
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Wir beginnen unsere Sendung zum Chanukkafest mit Kantor Dudu Fischer. Er singt mit seinem Chor ein Psalmlied aus dem Psalm 113:  Mekimi Meafar dal.  Die Übersetzung lautet:  Der aus dem Staube emporhebt den Geringen, aus dem Abfall erhöht den Armen, um ihn sitzen zu lassen bei den Edlen seines Volkes. Der, die Unfruchtbare des Hauses wohnen lässt als eine fröhliche Mutter von Söhnen. Lobet den Herrn.

Musik.  CD. “Dudu Fisher sings The Malavsky Songs“; Interpret: Dudu Fischer; Komponist: M. Malawsky

 

Wenn in den dunklen Winterwochen jüdische Familien überall auf der Welt die kleinen Flammen der Chanukkija entzünden, leuchtet weit mehr als nur Kerzenlicht. Chanukka, das achttägige Lichterfest, erinnert an den Sieg des Lichts über die Dunkelheit, des Glaubens über die Unterdrückung – und an die unerschütterliche Kraft kultureller Identität. Jedes Licht der Chanukkija erzählt eine Geschichte, ein Stück Erinnerung, ein Stück Zuversicht. In unseren Häusern stehen heute moderne Leuchter, aus Silber oder Messing, manchmal auch bunt aus Glas. Aber ihr Licht ist dasselbe wie damals im Tempel zu Jerusalem, zur Zeit der Makkabäer.

Der Ursprung des Festes liegt über 2.000 Jahre zurück:  Im 2. Jahrhundert v. d. Z. besiegten die Makkabäer, eine jüdische Widerstandsgruppe, das seleukidische Heer des Königs Antiochus IV. Epiphanes. Dieser hatte den Tempel in Jerusalem entweiht und das Ausüben der jüdischen Religion verboten. Nach dem militärischen Sieg der Makkabäer wurde der Tempel gereinigt und neu geweiht – „Chanukka“ bedeutet wörtlich „Einweihung“. Der Legende nach fand man beim Wiederaufbau nur ein einziges Krüglein reinen Öls, versiegelt mit dem Siegel des Hohepriesters. Genug, um den siebenarmigen Tempel- Leuchter, die Menora, für einen Tag zu entzünden. Doch das Öl brannte acht Tage lang – Zeit genug, um neues, reines Öl herzustellen. Dieses „Ölwunder“ steht bis heute im Mittelpunkt unseres Festes.

War es ein physikalisches Wunder? Vielleicht. Oder vielleicht ein anderes: Dass Menschen in einer Zeit der Verzweiflung überhaupt den Mut fanden, dieses eine kleine Krüglein Öl anzuzünden – das war das eigentliche Wunder.

Der Frankfurter Rabbi Samson Raphael Hirsch, der im 19. Jahrhundert lebte, schrieb einst, das Licht der Chanukkia sei „kein Licht der Macht, sondern der Treue“. Es erinnert uns daran, dass jüdisches Leben nie selbstverständlich war – und doch immer fortbesteht.

Der neunarmige Chanukka-Leuchter heißt auf Hebräisch Chanukkija.  Acht Lichter stehen für die acht Festtage, das neunte – der Schamasch („Diener“) – dient zum Entzünden der anderen Kerzen. An jedem Abend kommt eine weitere Kerze hinzu, bis alle Lichter strahlen. Wir stellen unsere Chanukkia nicht in den hinteren Winkel des Zimmers, sondern an das Fenster, zur Straße hin und tragen damit unser Licht in die Welt hinaus. Das war schon im alten Diasporaland Babylon so, und es ist so überall, wo Juden leben – trotz allem.

Es folgt nun ein chassidisches Lied aus der Liturgie:  Schejibane bet Hamikdasch. Auf Deutsch:  Es sei zum Wohlgefallen vor Dir, O Herr, dass wieder erbaut werde das Heiligtum bald in unseren Tagen.  Und gib uns unseren Anteil an Deiner Tora.... Es singt die Effie-Netzer - Gruppe.

Musik.  CD. Acum. 103.  Chass. & Sabbat Songs; Interpret: Effie-Netzer-Gruppe; Komponist: Traditionell; 19 – 26307

Traditionell werden Segenssprüche gesprochen und Lieder gesungen.  Die Küche duftet nach Öl- nach Latkes, den goldbraunen Kartoffelpuffern, und nach Sufganiot, den süßen Krapfen. Diese Speisen erinnern uns an das Ölwunder im Tempel. Auch das ist Chanukka: das gemeinsame Essen, das Lachen der Kinder, die Wärme der Familie.

Auch der Dreidel, ein kleiner Kreisel mit hebräischen Buchstaben, die den Satz ergeben – Nes gadol haja scham, „Ein großes Wunder geschah dort“, gehört zu Chanukka. Das Kreiselspiel, einst ein Mittel, heimlich Tora zu lernen, ist heute ein fröhlicher Bestandteil des Familienfestes.

Chanukka ist nicht nur Erinnerung an ein Wunder, sondern eine Aufgabe: das eigene Licht zu finden und weiterzugeben. In einer Welt, die manchmal kalt und zynisch scheint, sind acht kleine Flammen ein leises, aber beharrliches Bekenntnis zum Glauben, zur Hoffnung und zur Menschlichkeit.

In der Diaspora ist Chanukka zu einem sichtbaren Zeichen jüdischen Lebens geworden. Das Entzünden der Lichter ist dabei nicht nur religiöses Ritual, sondern auch ein Akt des Stolzes und der Zugehörigkeit.

Gerade heute, in einer Zeit wachsender Unsicherheiten und Spannungen, gewinnt Chanukka neue Aktualität. Die Flamme in der Chanukkija erinnert daran, dass Hoffnung und Glaube selbst in der tiefsten Dunkelheit Bestand haben können. Chanukka ist somit weit mehr als ein Erinnerungsfest – es ist ein Bekenntnis zum Leben, zur Freiheit und zur Würde des Menschen.

Wenn die letzte Kerze brennt, und die Flammen still im Fenster flackern, dann wird man still. Man sieht, wie das Wachs zergeht, wie das Licht kleiner wird – und weiß doch: Nächstes Jahr wird es wieder brennen. Denn das ist das Geheimnis von Chanukka: Nicht das große Wunder der Vergangenheit trägt uns, sondern das kleine Wunder der Treue – das wir nie aufhören, Licht zu entzünden. Chanukka sameach! – Möge das Licht des Festes unsere Herzen wärmen und die Dunkelheit der Welt erhellen.

Zum Schluss erklingt ein Gebet aus der Liturgie: Ledor Wador. Es singt Kantor Schmuel Barzilai mit seinem Wiener Kinderchor. Die Übersetzung lautet:  Von Geschlecht zu Geschlecht wollen wir Deine Größe verkünden und in alle Ewigkeit Deinen Namen heiligen.  Die Lobpreisung soll nicht aus unserem Munde weichen. Für immer und ewig.

Musik.  CD. 13170; „Kantor Shmuel Barzilai-The Vienna Jewish Boys”; Interpret: Kantor Shmuel Barzilai-The Vienna Jewish Boys; Komponist: Sol Zim; 

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

28NOV2025
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Im Talmud (Traktat Kidduschin 29a), finden wir eine bemerkenswerte Liste elterlicher Pflichten. Dort heißt es unter anderem: „Ein Vater ist verpflichtet, seine Kinder Tora zu lehren, ihnen einen Beruf zu lehren – und sie schwimmen zu lehren.“ Schwimmen? Zwischen Tora und Berufsbildung wirkt das beinahe banal. Aber unsere Weisen setzen es auf eine Stufe mit der religiösen und existenziellen Lebensvorbereitung. Weil Schwimmen Leben retten kann. Es ist eine Fähigkeit, die – wortwörtlich – vor dem Ertrinken bewahren kann. Und das ist im Judentum ein heiliger Wert. Pikuach Nefesch – die Pflicht, Leben zu schützen – steht über fast allen anderen Geboten.

Schwimmen hat auch eine tiefere symbolische Bedeutung. Der deutsche Rabbiner Samson Raphael Hirsch, der im 19. Jhdt. lebte,  sah darin ein Bild für das Leben selbst: Der Mensch muss lernen, sich über Wasser zu halten, sich zu orientieren, nicht unterzugehen – auch wenn die Strömung stark ist.

Tora lernen heißt nicht nur Texte studieren, sondern auch das Leben verstehen. Ein Beruf bedeutet nicht nur Geld verdienen, sondern Verantwortung übernehmen. Und Schwimmen? Es heißt: Standhalten. Vertrauen lernen. Wenn wir unseren Kindern beibringen zu schwimmen – im Wasser und im Leben – dann geben wir ihnen Mut, Herausforderungen zu begegnen und sie zu meistern.

So wird aus einer scheinbar einfachen Fähigkeit ein Symbol für jüdische Erziehung insgesamt: körperlich, geistig und seelisch – ganzheitlich.

Möge uns das gelingen – für unsere Kinder, für uns selbst, und für unsere ganze Gemeinschaft.

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