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SWR Kultur Wort zum Tag

26AUG2026
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Bei uns Zuhause war die BRAVO verboten! Dabei wollte ich sie so gerne haben. Heute wird sie 70 Jahre alt. Die Zeitschrift meiner Jugend: coole Bands, Interviews mit den Stars, schrille Outfits, Poster der Lieblingsbands, Liebesgeschichten und natürlich nackte Haut und Dr. Sommer – der Aufklärungsguru meiner Jugendzeit. In der BRAVO hat er Fragen rund um jugendliche Sexualität beantwortet. Das alles war natürlich total geheimnisvoll und für mich als Pubertierende spannend hoch zehn. Manchmal habe ich sie dann heimlich gelesen. Ich hab viel gelernt über mich und andere Körper. Ich hab vermeintlich viel über das Leben und das Lieben der Stars damals erfahren.
Und damit bin ich beim Knackpunkt: inzwischen weiß ich natürlich, dass viele der Geschichten rund um die Promis meiner Jugend erfunden waren. Oder sagen wir mal: sie haben nicht der Realität entsprochen. Die Redaktion der Zeitung hat natürlich konstruiert, was die Jugendlichen lesen wollten. Und sie haben damit Nähe geschaffen – trotz der hohen Auflage. Und natürlich waren die gezeigten nackten Körper auch nicht dick oder entstellt, sondern der Norm entsprechend. Es ist schon eine Welt entstanden, zu der ich gerne gehört hätte, und in die ich dank BRAVO eintauchen konnte.
Genau das ist das Problem - und das bieten heute Soziale Medien. Es ist sehr einfach, sich Menschen dort nahe zu fühlen und Teil ihrer imaginären Welt zu sein. Die Influencer sind Profis darin, mir vorzugaukeln, dass ich auch ihre beste Freundin bin. Und natürlich ist das Video echt und vor allem entspricht alles vollkommen der Realität.
Keine Frage, es gibt viele Menschen, die meinen es 100%ig ernst und bilden ab, was wirklich ist. Aber ich sehe auch viel auf verschiedenen Plattformen, das mir sehr seltsam vorkommt und mich mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt. Und sei es nur die toughe junge Frau, die mit Mitte dreißig alles unter einen Hut bekommt: Vollzeit-Job, zwei Kinder, Hund und Haus, Sport – sie hat einen super trainierten Körper und den Abend mit ihrem Partner auch noch. Entschuldigung, das weiß ich aus eigener Erfahrung, das kann klappen – manchmal. Meistens tut es das nicht. Macht ja auch nichts. Aber in dem Moment, in dem ich das bei ihr sehe, macht es mir Druck: das müsste ich doch auch irgendwie hinkriegen.

Wenn ich bei Social Media unterwegs bin, fällt mir wirklich immer wieder das Wort „wahrhaftig“ ein. Seid wahrhaftig. Der Wahrheit entsprechend und der Wahrheit verpflichtet – das finde ich da leider nicht immer. Und in der BRAVO auch nicht.
Aber genau das will ich inzwischen: Wahrhaftigkeit. Ehrliche Berichte über das Leben mit allem was dazu gehört. Dann würde ich auch wieder die BRAVO lesen. Inzwischen bin ich ja alt genug.

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SWR Kultur Wort zum Tag

25AUG2026
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„Der Friedhofsclown ist heute da.“ Das steht jeden Mittwochmorgen in großen Buchstaben am Eingangstor des Erfurter Hauptfriedhofes. Und wer sich jetzt fragt, was ein Clown auf einem Friedhof zu suchen hat, bekommt eine Antwort, wenn man „Finovo“ kennenlernt. Das ist der Name des Erfurter Friedhofsclowns. Dahinter steckt die Theologin und Trauerbegleiterin Katrin Lehmann-Buss. Sie hat lange nach einer Möglichkeit gesucht, auf dem Friedhof ein Angebot zu machen. Mit ihrer Person, aber nicht so klassisch, á la: wollen Sie reden? Der Clown Finovo ist leise und tastet sich ran. Manchmal gesellt er sich einfach dazu, wenn jemand mit hängenden Schultern über den Friedhof geht. Ein anderes Mal packt er seine kleine Harke aus und hilft der älteren Witwe das Grab ihres Mannes sauber zu machen. Hin und wieder schrubbt er auch einen Grabstein, oder er schenkt Kindern einen Stein mit einem lachenden Clownsgesicht, obwohl sie am Grab ihres toten Geschwisterchens stehen. Der erste Kontakt ist meistens leise oder sogar ganz still, vorsichtig.
Katrin Lehmann-Buss erlebt, dass die Menschen neugierig auf sie sind, oder besser gesagt: auf Clown Finovo. Nach ersten skeptischen Blicken nehmen sie den Clown und sein Gesprächsangebot an, und es kommt oft vor, dass sich die Seele bei Finovo Luft macht, und die Menschen erzählen, was Ihnen auf dem Herzen liegt und im Kopf rumgeht.
Die Theologin arbeitet in einem Trauer- und Traumatherapiezentrum, und sie war auf der Suche nach einem unkonventionellen Angebot, um Menschen in Trauer zu begegnen und für sie da zu sein. Dazu scheint ihr die Figur eines Clowns ideal. Dabei ist ihr klar, dass der Friedhof kein Zirkus ist, und sie möchte die Situation keineswegs lächerlich machen, im Gegenteil. Katrin Lehmann-Buss erzählt: „Der Clown zaubert durch seine Art, die Dinge anzugehen, Menschen ein Lächeln aufs Gesicht. Und genau das brauchen Menschen, auch wenn sie traurig sind.“ Dabei will sie die Trauer nicht weglächeln, sondern für einen Moment erreichen, dass es nicht ganz so schwer ist. Und ein Lächeln ermöglicht immer einen nächsten Schritt, das hat sie erfahren. Dieser Schritt kann ganz unterschiedlich aussehen: über den Verstorbenen erzählen, weinen, wütend sein oder sogar das Lieblingslied der Verstorbenen singen. Das passiert wirklich manchmal auf dem Friedhof.

Der Name „Finovo“ steht dabei für Ende „Fin“ und Neuanfang „novo“. Und das in doppeltem Sinn: Wenn jemand Liebes gestorben ist, müssen die Hinterbliebenen neu anfangen. Und die Verstorbenen machen auch einen Neuanfang. Ich glaube ja fest: einen göttlichen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

24AUG2026
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„Tochter Zion, freue dich.“ Das Adventslied funktioniert auch im Hochsommer. Bei uns im Dorf wird groß Schützenfest gefeiert - und das natürlich im Sommer. Am Schützenfestsonntag wird dann ein Festgottesdienst gefeiert mit allem drum und dran und vor allem mit unserer Blaskapelle. Und die spielen dann mitten im Sommer „Tochter Zion, freue dich“ und alle singen lauthals mit. Das „Tochter Zion“ ist eigentlich der Höhepunkt des Festmarsches. Der baut sich langsam auf, und zum Höhepunkt erklingt dann „Tochter Zion“ mit Pauken und Trompeten – im wahrsten Sinne des Wortes. Gänsehaut pur. Es gibt Leute bei uns im Dorf, die kommen nur wegen „Tochter Zion“ und dem Festmarsch in den Gottesdienst. Und das gibt es zweimal im Jahr: an Weihnachten und eben zum Schützenfest im Sommer.
Für mich passt dieser Festmarsch und alles so gut zum Inhalt des Liedes. Der Text stammt aus dem Alten Testament. Das Volk Israel hat die Erfahrung im Nacken, dass es Jahrzehnte von zu Hause weg war. Knapp 50 Jahre hat es im „babylonischen Exil“ gelebt. Ein riesiger Teil der Bevölkerung ist nach einem verlorenen Krieg verschleppt worden. Sie mussten dann in einem fremden Land unter widrigen Umständen leben. Und immer immer hat sich die Frage gestellt: Kommen wir je wieder heim? Wie können wir das schaffen? Hat unser Gott uns vergessen?
Und dann kommt der Prophet Sacharja und sagt: „Tochter Zion, also Tochter Jerusalems, Volk Israel, freue dich. Dein König kommt. Das bedeutet, die Rettung ist nahe. Ihr werdet heimkommen. Es wird anstrengend, aber dass Ihr ausgehalten habt, hat sich gelohnt. Und: Gott ist dabei. Er hat euch weder vergessen noch im Stich gelassen, er hält sein Versprechen und geht mit.“ Wenn das kein Zuspruch ist. Ein Zuspruch, der belastbar war, denn das Volk Israel konnte tatsächlich wieder nach Hause zurückkehren.

Zuspruch finde ich ganz wichtig. Sich etwas Gutes zusagen, sich Vertrauen aussprechen, sich Kompetenz zusprechen, sich bestärken – ohne Menschen, die mich unterstützen, wäre in meinem Leben vieles nicht möglich. Ich genieße es sehr, dass ich Leute um mich habe, die bei einer kniffligen Aufgabe sagen: das schaffst Du. Denk nochmal hier und da nach, aber das wird. So komme ich meistens weiter.

Zuspruch hat für mich wesentlich etwas mit meinem Glauben zu tun. Ich glaube wirklich, dass Gott jedem einzelnen Menschen sagt: Du bist gewollt und geliebt und gut! Und jetzt mach was draus.

Auch deshalb feiere ich diesen Zuspruch mitten im Sommer so. „Tochter Zion“ mit Pauken und Trompeten – das geht zu jeder Jahreszeit.

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SWR Kultur Wort zum Tag

20JUN2026
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Was für eine Baustelle! Birgit und Volker haben sich ein altes Fachwerkhaus gekauft, am alten Standort abgebaut, und jetzt bauen sie es bei sich Zuhause wieder auf.
Ich war jetzt da und hab mir das Haus angeschaut. Zwei große Torbögen und das alte Fachwerk ist auch innen sichtbar. Und dann bleibt mein Blick an etwas besonderem hängen. Mittendrin, zwischen rohen Wänden und Schutthaufen stehen eine alte Eckbank, ein Tisch und ein paar Stühle.
Voll die Baustelle, aber das Wesentliche ist schon da. Der Platz zum Sitzen, zum Besprechen, und vor allem zum Essen, Trinken und sich kurz ausruhen.

Alles noch provisorisch, aber Eckbank und Tisch sind schon da. Ich kenn das selbst auch von Umzügen: nichts ist fertig, überall Kisten, aber der Platz zum Sitzen und Essen, den gibt es schon.
Ich musste auch gleich daran denken, dass die besten Partys nun mal in der Küche, rund um den Küchentisch stattfinden.

Es sitzt wohl tief in uns Menschen drin, dass wir auch im größten Chaos einen Ruheplatz brauchen, und vor allem einen Platz, an dem wir uns stärken können. Es gibt ganz viele biblische Erzählungen, die sich rund ums Essen und sich stärken drehen. Der Prophet Elija zum Beispiel. Der kann nicht mehr, legt sich unter einen Strauch und will sterben. Aber Gott weckt ihn und stellt ihm Essen und Trinken hin. So lange bis Elija wieder stark genug ist, seine Aufgabe anzugehen.
Oder das letzte Abendmahl. Es ist das Pessachfest, also wird miteinander gefeiert, gegessen und getrunken. Aber dieses Essen bekommt eine ganz andere Richtung. Es ist das letzte Mal, dass Jesus mit seinen Freunden zusammen ist, und so wird es zum besonderen Abschiedsmahl.
Auch in schwierigen Situationen gehört es dazu, zusammen zu essen und zu trinken, sich zu stärken.

Zum Beispiel auch, wenn jemand stirbt. Als meine Oma gestorben ist, sind erstmal alle zusammengekommen, haben gegessen, geweint und geplant, was getan werden muss.

Egal wie viel Chaos herrscht, ob das Haus fertig ist oder nicht, ob man Abschied feiert oder ein Wiedersehen: einen Platz, um sich zu stärken, zusammen zu sein, zu essen und zu trinken, der entsteht immer irgendwie. Weil es das ist, was wir Menschen brauchen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

19JUN2026
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Mein Sohn ist Fußballfan, und deshalb war ich mit ihm bei einer Stadionführung in München. Was mich am meisten beeindruckt hat: der Spielertunnel. Durch den Tunnel müssen die Mannschaften unmittelbar vor dem Spiel durch, um auf den Platz zu gehen: erst ein paar Stufen runter, und dann ein paar Stufen rauf auf den Platz. Das muss ein unglaubliches Gefühl sein! Du kommst auf den Platz als ein König! Da wirst Du gefeiert und bejubelt. Wenn die Spieler den Rasen betreten, heißt es: jetzt geht’s los: gewinnen oder verlieren.

Interessant ist: die Fußball Arena in München ist architektonisch dem Kolosseum in Rom nachempfunden. Und da geht es – wie beim Fußball auch - um Sieg und Niederlage – um viel mehr noch: um Leben und Tod. Und soweit ich weiß, mussten die Gladiatoren in Rom auch wie durch einen Spielertunnel: erst runter und dann rauf in die Arena, wo die jubelnde Menge sie gefeiert hat wie Könige. Wer die Arena lebend verlässt und weiter bejubelt wird, stand auf einem anderen Blatt. Also ein königlicher Auftritt zwar, aber mit offenem Ende.


Da bin ich gedanklich ziemlich schnell bei Jesus. Der zieht damals, kurz bevor er stirbt, von allen umjubelt in Jerusalem ein. Alle hoffen, dass Jesus jetzt wirklich was ändert. Dass er die Menschen von der römischen Herrschaft befreit. Also feiern sie ihn wie einen König.

Bemerkenswert: Es geht auch hier wieder um Sieg und Niederlage, um Leben und Tod – wie bei den Gladiatoren. Denn dieselben Menschen, die Jesus erstmal als König bejubeln, die fordern kurz darauf seinen Tod. Und – sie setzen sich durch: Jesus stirbt. Wie nah doch Sieg und Niederlage, Erfolg und Scheitern beieinander liegen!

Beim Fußball ist es letztlich nur ein Spiel.

Und bei Jesus? Er kommt als König nach Jerusalem, gefeiert und bejubelt – und dann stirbt er als Verlierer am Kreuz.

Jesus ist allerdings der Gamechanger. Einer, der das Spiel komplett dreht, denn es nimmt schließlich noch einen völlig anderen Verlauf als erwartet. Für mich ist das die wichtigste Aussage des Christentums – am Ende steht der größte Sieg: Jesu Auferstehung  nachdem er gestorben ist. Das heißt für mich: es geht weiter nach dem Tod.

Das gibt mir echt Hoffnung. Jetzt schon, hier in meinem Leben. Vor allem in Krisen. Gerade aktuell, wo scheinbar die Mächtigen durch Krieg und Erpressung die Welt beherrschen wollen.
Das heißt nicht, dass ich nicht jetzt schon alles gebe, damit es gut läuft. Aber der Gedanke, dass es weitergeht nach dem Tod entlastet mich und -um im Bild des Spieles zu bleiben: ich bin sicher: am Ende gewinnen alle. Und das sind königliche Aussichten.

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SWR Kultur Wort zum Tag

18JUN2026
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Was haben der Katholikentag und der Eurovision Song Contest gemeinsam?

Mehr, als man vielleicht denkt: Beides hat vor vier Wochen stattgefunden. Und ich war wirklich skeptisch: Was ist schon der Katholikentag im Vergleich zu einem internationalen Musikspektakel?

Als ich dann in Würzburg beim Katholikentag mittendrin war, bin ich der Sache ein bisschen auf die Spur gekommen: Wie in Wien beim Song Contest sind auch in Würzburg Leute zusammengekommen, um zu feiern, wovon sie überzeugt sind: friedlich zusammen zu sein trotz aller Unterschiede.

Mir kommt rund um den Eurovision Song Contest, der im Volksmund einfach ESC heißt, immer sofort der Song in den Sinn, mit dem Deutschland zum ersten Mal den Wettbewerb gewonnen hat: „Ein bisschen Frieden“. Nicole mit ihrer weißen Gitarre und der Botschaft vom Frieden mitten im Kalten Krieg.

Es ist doch verrückt: Heute, so viele Jahre später, ist das Lied leider wieder total aktuell: bei all den Despoten, die meinen, dass es miteinander nicht geht und über andere herfallen. Bei all den Populisten, die Ängste schüren und mit scheinbar einfachen Lösungen Menschen auseinanderbringen, statt zusammen. Dass das mit dem Frieden nicht so leicht ist und vor allem nicht selbstverständlich, haben die Diskussionen gezeigt, die es im Vorfeld des ESC rund um die Teilnahme Israels gab.

Für den Frieden müssen wir unsere Stimmen erheben. Und das ist sowohl beim Katholikentag als auch beim ESC passiert. In Würzburg ganz konkret mit vielen Aktionen und Gesprächen. Und beim ESC werden die Stimmen beim Singen erhoben und natürlich beim Abstimmen.

Ein anderes Beispiel, bei dem wir unsere Stimmen für den Frieden erhoben haben, da war ich dabei. Das war bei einem anderen Katholikentag. Da gab es einen Flashmob, also eine spontane Aktion, bei der Menschen zusammenkommen und irgendwas zusammen tun. Wir haben kurzerhand Zettel verteilt: Freitag, 13 Uhr, Schlossplatz - wir singen „Ein bisschen Frieden“.
Es sind echt viele wildfremde Menschen zusammengekommen und haben spontan miteinander gesungen. Danach sind wir alle wieder auseinandergegangen. Als wäre nichts gewesen. Aber es war etwas passiert: einen Moment lang waren wir verbunden durch die Musik, und dass wir uns alle so sehr den Frieden gewünscht haben.

Das ist die Botschaft vom ESC und dem Katholikentag: friedlich zusammen sein und zusammen feiern. Zusammenhalten - das zählt. Das ist „ein bisschen Frieden“ – und den brauchen wir – mehr denn je. Und dafür gibt’s von mir auf jeden Fall 12 Punkte.

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Begegnungen

07JUN2026
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Betty BBQ copyright: Privatfoto

... mit Johanna Vering und meine Gesprächspartnerin stellt sich am besten einfach selbst vor.

Ja, hallöchen, ich bin Betty BBQ, die Schwarzwald Drag Queen, Entertainerin.

Betty BBQ trägt einen roten Bollenhut und ein Kleid, das an eine Schwarzwälder Tracht erinnert. Und Betty BBQ ist eine Kunstfigur. 
Der Mensch hinter Betty BBQ ist ein homosexueller Mann. Und katholischer Christ. Jetzt ist unsere katholische Kirche ja nicht gerade bekannt dafür, dass sie queeren Menschen gegenüber wahnsinnig offen ist. Das finde ich echt spannend. Wie ist das mit der Kirche und ihm? Hat er seinen Platz gefunden?  

Ja, würd ich tatsächlich sagen, als Privatperson auf jeden Fall. Ich geh ja nicht als Betty Barbecue in die Kirche, das Bedürfnis hätte ich auch gar nicht. Das ist zwar eine Seite von mir, das ist mein Job, das ist zum Teil auch meine Berufung. Aber der Mensch dahinter, der glaubt, der muss sich nicht zweieinhalb Stunden aufhübschen, um in den Gottesdienst zu gehen, sondern vor dem Herrn stehe ich dann privat, so wie ich bin.
Also das ist für mich auch immer wieder ein Ausgleich, auch wenn ich in der Kirche ganz, ganz oft die Gemeinschaft vermisse, die so gepredigt wird, wenn ich ehrlich bin. Aber ich hab meine Wege gefunden, eben trotzdem dort willkommen zu sein.

Und dann erzählt Betty, wann sie Gott besonders spürt.

Da stutzen jetzt sicher einige Zuhörer, aber eben Gott und Glaube finden auch da statt, wo eben nicht nur Leid ist, sondern wo Menschen zusammenkommen, wo sie sich gemeinsam freuen, gemeinsam lachen, vielleicht auch mal die Sorgen vergessen und auch einfach Zwischenmenschliches, wo Bänder entstehen. Genau dort ist auch Gott und Glauben.
Und das ist das, was mir so unfassbar viel Energie gibt. Und ganz tief in mir drin bin ich überzeugt, dass ohne Gott das alles gar nicht möglich wäre.

Diese Energie nutzt sie unter anderem, um bei ihren Stadtführungen Menschen zusammen zu bringen und ihnen ihre Heimat Freiburg näher zu bringen. Betty BBQ ist so etwas wie die regionale Botschafterin für Vielfalt und gute Unterhaltung.

Ich habe ein Lebensmotto, das heißt, Heimat ist nicht nur schwarz-weiß. Vielfalt, das ist das, was wichtig ist und Vielfalt kann auch überall zu Hause haben.

Zur traurigen Wahrheit gehört leider auch, dass Betty schon mehrfach angegriffen worden ist. Von Menschen, die ein Problem mit einem Mann in Frauenkleidern haben oder mit Personen, die sich so öffentlich für Vielfalt und buntes Leben engagieren. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man solche Angriffe verkraftet. Wie hat Betty das geschafft?  

Mein Umfeld hat mir immer wieder zugesprochen und ich hab mich halt auch immer wieder auf meine Berufung bezogen, weil ich bin der tiefen Überzeugung, dass das, was

 

ich mit Betty BBQ hab, das ist, was in meinem Leben vorgesehen ist, das ist mein Weg.
Das Ganze auch in meinem Leben und meiner Arbeit nicht so viel Raum gewinnen zu lassen, weil man darf dem Bösen nicht so viel Raum geben.

Wow, ich bewundere, wie sie das schafft, unter allen Umständen für sich und das, was ihr wichtig ist, einzustehen.
Was macht die Drag Queen eigentlich gerne, wenn sie nicht mit Makeup und Bollenhut in der Stadt unterwegs ist?

Wenn manchmal nicht so viel los ist, einfach ein Käffchen trinken, draußen sitzen, die Leute beobachten und vor allem das dann privat, also nicht im Fummel, wie man bei Drag Queens ja sagt, sondern ganz einfach in Jeans und T-Shirt. Kein Mensch erkennt mich und ich kann mal ganz passiv einfach nur Beobachter sein.

Betty liebt die Stadt. Auf ihren Führungen geht es natürlich immer auch ins Münster, dem Wahrzeichen der Stadt. Was bedeutet diese Kirche für Betty?  

Das Freiburger Münster bedeutet tatsächlich viel für mich. Und vor allem ist es auch der Punkt, der einen begrüßt. Ob man vom Bahnhof kommt, ob man mit dem Auto in die Stadt fährt oder ob man gar zu Fuß Richtung Freiburg pilgert, das Münster mit seinem schönsten Turm der Christenheit, wie mal ein Historiker geschrieben hat, begrüßt einen von weitem.

Genau das erlebe ich auch. Ich hab in Freiburg studiert und bis heute geht es mir so. Wenn ich in Freiburg bin und das erste Mal den Münstertum sehe, bekomme ich Gänsehaut.
Für Betty BBQ und mich steht der Münsterturm auch für den Glauben.  Und der spielt eine wichtige Rolle in Bettys Leben. Was ist es, was sie daran schätzt?

Ich kann immer nur dazu sagen, der Glaube bedeutet mir wahnsinnig viel und hat mir auch schon sehr, sehr viel geholfen. Ob ich jetzt wirklich ein frommer oder gläubiger Mensch bin, das weiß ich nicht zu beurteilen. Aber auch als Sünder angenommen zu sein, das ist eine sehr, sehr schöne Botschaft, die mich schon über vieles gerettet hat in meinem Leben.

Betty BBQ hat nicht nur ihren Platz in der Kirche gefunden, sondern ...

... auch meine spirituellen Wege gefunden, indem ich zum Beispiel unfassbar viel pilgere und wallfahrte.

Betty ist schon nach Santiago de Compostela gepilgert, zum Heiligen Rock nach Trier, nach Köln, nach Walldürn im Odenwald oder auch auf den Hörnleberg im Elztal. Was reizt sie daran?

Die Ruhe, das Gottvertrauen und die Erfahrungen am Wegesrand. Einfach dieses in Einsamkeit Gemeinschaft erleben. Hört sich jetzt komisch an, aber genau das, das ist Pilgern zum Teil. Man ist zum Teil sehr, sehr viel wirklich einsam, hat Zeit, viel nachzudenken. Aber wenn der Weg und der Herrgott es will, dann hat man auch Leute an seiner Seite, weil man einfach jemand kennenlernt, weil man spontane Begegnungen hat.
Dieses komplett leben aus dem Gottvertrauen heraus und das mit nur einem Rucksack auf dem Rücken, mit den wenigsten Dingen, die man braucht, dieser Minimalismus auf Zeit, das ist so unfassbar befreiend und auch erfüllend.

Ich bin auch fest davon überzeugt, dass Gott mitten im Leben ist. Sei es unterwegs beim Pilgern, beim Feiern in der Freiburger Altstadt oder wenn es Zuhause drunter und drüber geht. Betty fasst es so zusammen:

 

Wer Gott ist, das wage ich nicht zu sagen. Ich wage es aber aus voller Überzeugung zu sagen, er ist da!

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SWR3 Worte

11APR2026
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Ich hab mich noch nie so sehr nach Frieden auf der Welt gesehnt, wie jetzt gerade. Dahin gibt es nur einen Weg. Den beschreibt der Theologe Dietrich Bonhoeffer, der von den Nazis im KZ umgebracht worden ist.

 

„Nur aus dem Frieden zwischen zweien und dreien kann der große Friede einmal erwachsen, auf den wir hoffen.“

 

Aus: andere Zeiten. Magazin zum Kirchenjahr, 01/26, Verlag Andere Zeiten e.V., Hamburg 2026, S. 4.

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SWR3 Worte

10APR2026
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Dieses Hoch auf die Geschwister ist mir auf Social Media über den Weg gelaufen. Und damit viele Grüße an alle Geschwister – in jeglicher Konstellation.

 

„Geschwister zu haben ist irgendwie seltsam, weil man als Kind ständig Zeit zusammen verbringt, vielleicht sogar ein Zimmer teilt, oft genervt ist oder sich streitet, und nicht wirklich darüber nachdenkt, wie viel Zeit man mit ihnen verbringt.
Und dann gibt es einen Punkt im Erwachsenenalter, an dem man plötzlich aufwacht, sie ansieht und realisiert, wie dankbar man für seine Geschwister sein kann. Man erkennt plötzlich, dass man nie wirklich allein war und auch niemals wirklich allein sein wird, solange man sie hat.“

 

Aus: https://www.instagram.com/reel/C-W1VbIoPzB/?igsh=ZGE1ZXd2NG9qZHZq

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SWR3 Worte

09APR2026
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Meena ist eine Powerfrau. Sie hat echt krasse Sachen erlebt. Ihr Gesicht ist entstellt, weil ihr Mann sie mit Säure überschüttet hat. Sie war für ihn zu unabhängig. Heute hilft Meena anderen Frauen in ähnlichen Situationen und ist ein Vorbild für Emanzipation. Sie erzählt:

 

„Je größer die Probleme der Frauen sind, je mehr ich mich anstrengen muss, eine Lösung zu finden, desto mehr Kraft und Liebe entdecke ich in mir. [...] Was macht es schon, dass ich ein entstelltes Gesicht habe – ich bin frei.

In unserer indischen Gesellschaft sagt man, eine Frau könne nichts alleine schaffen, aber ich möchte das Gegenteil beweisen.“

 

Aus: chrismon. Das evangelische Magazin. 12.2025, GEP Frankfurt, 2025, S. 62.

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