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03DEZ2022
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Ich war schon überrascht. Unter meiner Geburtstagspost befand sich auch der Gruß eines Arztes, bei dem ich in Behandlung bin. Eine schöne Kunstkarte. Der Text handschriftlich geschrieben. „Ich wünsche ihnen alles Gute, vor allem Gesundheit! Wenn ich etwas dazu beitragen kann, tue ich das gerne!“

Er hat ja recht, habe ich gedacht. Ich bin wirklich längst überfällig mit dem nächsten Termin. Ehrlich gesagt: Ohne den freundlichen Gruß hätte ich mich vermutlich immer noch nicht auf den Weg in die Praxis gemacht. Der persönliche, handgeschriebene Gruß, hat mir gutgetan. Der Arzt, so habe ich gedacht, hatte mich in dem Moment im Blick. Und er hat mir auch eine klare Botschaft gesendet. Nicht ohne Erfolg!

In diesen Tagen geht mir diese Erfahrung wieder durch den Kopf. In den Wochen vor Weihnachten wird traditionell viel Post verschickt. Werbung, die mir Dinge anpreist, die sich als Geschenk eignen. Oder die ich angeblich unbedingt brauche. Organisationen, die gleich noch eine Zahlkarte mitschicken.

Ich verschicke auch gerne Post. Und ich freue mich über die, die ich selber erhalte. Am meisten freue ich mich über Grüße, die mich persönlich ansprechen. Mit ein paar handschriftlichen Sätzen, bei denen ich spüre, sie sollen mir guttun. Solche Grüße versende ich auch selber gern. Noch ganz traditionell. Mit Füller geschrieben. Mit einer Briefmarke auf dem Umschlag in den Briefkasten gesteckt. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Solche Briefe verfehlen ihre Wirkung nicht. Briefe können die Welt verändern. In der Bibel finden sich gleich eine ganze Reihe von Briefen. Interessant zu lesen bis heute. Der fleißigste Briefschreiber ist Paulus. Er musste noch ohne Computer auskommen. Dafür hat er anderen diktiert, die schneller und besser schreiben konnten als er. Aber manchmal fügt er am Ende noch seinen eigenen handschriftlichen Gruß hinzu. „Schaut! Dies schreibe ich, Paulus, mit eigener Hand.“ (Galater 6,11)

Ich möchte sie verlocken, in dieser Vorweihnachtszeit ein paar Briefe zu schreiben. Oder mindestens ein paar Kartengrüße zu versenden, ehe dafür dann wieder keine Zeit mehr bleibt. Vor allem mit eigener Hand. Vielleicht an jemandem, mit dem sie lange nicht mehr in Kontakt gewesen sind. Oder an jemanden, bei dem sie wissen, der oder die freut sich ganz besonders darüber. Weil sonst kaum jemand anders schreibt. Packen Sie ruhig auch eine Botschaft hinein. So wie mein Arzt. Bei mir hat’s ja auch geholfen.

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02DEZ2022
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Vor wenigen Wochen habe ich mein erstes Enkelkind bekommen. Eine unglaublich überwältigende und schöne Erfahrung! Und eine Erfahrung, die sehr gut in diese Zeit passt. Schließlich ist die Adventszeit auch vom Warten auf die Geburt eines Kindes geprägt, mit dem die Welt ein neues Gesicht bekommt.

Der Geburt unserer Enkeltochter ging auch eine Zeit des Wartens voraus. Nicht nur bei den Eltern. Nein, auch bei mir und meiner Frau. Schließlich wollten wir uns auf unsere neue Rolle als Großeltern einstellen. Advent ist es in diesem Jahr für uns also schon geworden, ehe der Advent im Kalender begonnen hat.

Das Warten haben viele Menschen in diesem Jahr aber auch aus anderen Gründen neu lernen müssen. Viele Dinge, die uns anscheinenden immer selberverständlich und in Hülle und Fülle zur Verfügung gestanden haben - plötzlich gibt es sie nicht mehr. Nudeln und Öl im Lebensmittelgeschäft. Nägel im Baumarkt. Viele Kleinigkeiten auch, die derzeit einfach nur sehr schwer zu kriegen sind. Eine neue Erfahrung für eine Gesellschaft, die die Kunst des Wartens über Jahrzehnte gar nicht mehr erst hat lernen müssen. Die Lieferketten sind unterbrochen, so wird das in den Nachrichten in der nüchternen Sprache der Wirtschaft beschrieben.

Ich frage mich: Ist also angesichts des schrecklichen Krieges in der Ukraine die Lieferkette für Frieden auch einfach unterbrochen? Und die Lieferkette für einen vernünftigen Umgang mit unserer Umwelt dazu? Vielleicht geht es ja in diesem Advent gerade darum, aushalten zu lernen, dass die Lieferketten für ein Leben, wie ich es gerne hätte, auch immer wieder unterbrochen sind?

Advent ist für mich darum eine Zeit der Zusage, dass die Lieferkette Gottes hält. Gerade auch dann, wenn ich es neu lernen muss, das Warten auf das, was das Leben ausmacht, auszuhalten. Weil die Welt eben nicht so aussieht, wie ich sie mir wünsche. Und sicher auch nicht so, wie sie nach Gottes Willen sein soll. Im Neuen Testament wird dieses Warten mit folgenden Worten beschrieben: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, voll von Gerechtigkeit. Weil wir der Zusage Gottes vertrauen.“ (2. Petrus 3,13) Am Ende also lohnt sich das Warten. Weil die Hoffnung auf das, was kommt, meinen langen Atem stärkt. Und weil ich meiner Enkeltochter wünsche, dass die Welt, in die hinein sie aufwächst, wieder friedlicher sein wird als im Moment.

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01DEZ2022
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Vielleich haben Sie in diesem Jahr auch wieder einen Adventskalender aufgehängt. Heute, am 1. Dezember, da wird dann das erste Türchen geöffnet. Das geht dann so weiter bis zum 24. Dezember. Bis Heiligabend. In den alten Adventskalendern war das Türchen am 24. meist deutlich größer als die anderen Türchen. An dem Tag kommt der Weg durch den Advent nämlich ans Ziel.

Als Kind war ich jeden Tag aufs Neue gespannt, was sich hinter dem Türchen verbirgt. In meinem Lieblingsadventskalender waren das Bilder. Häufig haben sie sich auf den Tag bezogen. Den Barbaratag. Oder den Nikolaustag. An anderen Tagen war es einfach ein adventliches Symbol. Wie etwa eine Kerze. Oder ein Stern. Auch die Tür ist ein uraltes Symbol für den Advent. Viel älter als etwa der Adventskranz. Hinter der Tür, da wartet Neues auf mich. Überraschendes. Genauso wie im Adventskalender.

Wenn ich durch eine fremde Tür gehe. Zu einem Gespräch. Oder weil ich eingeladen bin, da geht es mir oft genauso. Ich ahne, hinter der Tür beginnt eine andere Welt. Da trete ich in einen Raum ein, der nicht meiner ist. Da lasse ich mich auf etwas ein. Ein schönes Essen vielleicht. Oder ich treffe Menschen, auf die ich mich freue.

Manchmal schwingt aber auch etwas anderes mit. Die Sorge, was mich hinter der Tür wohl erwartet. Ein schwieriges Gespräch. Eine Nachricht, die mir den Boden unter den Füßen wegzieht. Da halte ich vorher kurz inne, atme noch einmal durch, ehe ich die Schwelle übertrete.

Ich finde: Die Tür ist ein gutes Symbol für das, was ich mit dem Advent verbinde. Nicht nur, dass da einer vor der Tür steht, auf den ich warte. Auch in umgekehrter Richtung. Mit dem 1. Dezember betrete ich so etwas wie ein neues Haus. Gehe jetzt jeden Tag durch eine neue Tür. Bis ich am Ende – hoffentlich – mitten im Weihnachtsgeschehen ankomme. Bis ich am Ziel bin. Da, wo ich die Erfahrung mache: Gott ist mittendrin in der Welt. In dem Kind, das später von sich sagen wird: „Ich bin die Tür! Die Tür ins Leben!“ (Johannes 10,9)

Ich will versuchen, jeden Tag ganz neu und bewusst durch eine neue Tür zu gehen. Mit kleinen adventlichen Übungen. Stelle mir zum Beispiel vor, wie ich mir die Welt wünsche. Oder auf wen ich ganz bewusst zugehen will. Vielleicht auch, was ich ändern will in meinem Leben. 24 kleine Gelegenheiten, aus dem Advent etwas zu machen. Und mich auf Weihnachten einzustellen.

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10SEP2022
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Jeden Morgen hat er auf derselben Bank gesessen. Direkt vor dem Strandzugang. Immer mit dem Handy in der Hand. Unverkennbar ins Gespräch vertieft. Keine Augen für sein Drumherum. Einmal habe ich dann doch gefragt: „Warum immer hier?“ Seine Antwort: „Hier ist das beste Netz weit und breit. Die beste Verbindung!“ – Er hat dabei gelächelt. Ich habe ihm nicht widersprochen, obwohl ich längst auch andere Ort mit gutem Netz entdeckt hatte. Aber für ihn war es diese Bank. Sie war sein Kommunikationsort. Über die kleine begrenzte Lebenswelt hinaus.

Mir ist da plötzlich Jakob in den Sinn gekommen. Die Bibel erzählt von seiner Flucht vor seinem Zwillingsbruder. Jakob hatte ihn zuvor ordentlich um sein Erbe betrogen. Und nun fürchtet er um sein Leben. In unwirtlicher Umgebung, auf kargem Boden verbringt er seine erste Nacht. Er träumt. Aber keinen Alptraum. Er träumt, dass er Verbindung hat. Dass sein Netz hält. Dass Gott ihn nicht abschneiden wird von den lebensnotwenigen Verbindungen. Von Engeln träumt er, die auf einer Leiter erst heruntersteigen. Und dann wieder hinauf.

Am nächsten Morgen markiert Jakob diesen Ort. Für ihn ein ganz besonderer Ort. Der Ort, an dem er erfährt: Ich habe Verbindung. Jakob gibt dem besonderen Ort einen Namen. „Haus Gottes“ nennt er ihn. (1. Mose 28,17) Es ist ein entscheidender Knotenpunkt im Netz der tragenden Verbindungen seines Lebens. Zumal wenn es um die Verbindung zu Gott geht.

Vor meinem inneren Auge taucht der Mann auf der Bank wieder auf. Und ich frage mich: Wo sind meine Orte, die die besonderen Kommunikationspunkte meines Lebens markieren? Wo ist der Ort mit der besten Verbindung zu Gott? Die kleine Kapelle mitten in den Weinbergen, zu der es mich immer wieder hinzieht. Und das kleine Vaterunser, das mit einem Mal wie von allein aus mir aufsteigt. Der Augenblick Ruhe am Morgen, wenn ich mich noch einmal hinsetze und bei einer Tasse Kaffee innerlich meinen Tag strukturiere. Und die besonderen Herausforderungen in den Blick nehme. Und sie dann auch immer wieder Gott in den Blick zu rücken versuche.

Ich bin sicher: Die meisten Menschen kennen ihre Bank. Die besonderen Orte, an denen Sie ihr lebensnotwendiges inneres Beziehungsnetz pflegen. Mit den Menschen, auf die sie angewiesen sind. Und immer wieder auch mit Gott. Ich will darauf achten, dass diese Orte in meinem Leben nicht zu kurz kommen.

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09SEP2022
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„Wann war Ihnen zum letzten Mal so richtig langweilig?“ Ihm sei diese Frage bei einem Führungsseminar gestellt worden – das hat mir ein Mann erzählt, der beruflich viel Verantwortung trägt. „Was haben Sie geantwortet?“, wollte ich von ihm wissen. „Dass das wirklich lange her sein muss“ hat er gemeint, „Aber auch, dass ich mich manchmal danach sehne. Dass es nichts mehr gibt, das unbedingt noch erledigt werden muss. Keine Teamsitzung. Keine Pläne für den Abend. In Wirklichkeit erlebe ich das Gegenteil! Immer muss ich klären, was als nächstes dran ist. Muss Abläufe steuern. Muss Entscheidungen treffen.“

Ich habe mir die Frage dann auch gestellt. Wann war mir zum letzten Mal so richtig langweilig? So viel anders als bei dem Mann sieht es bei mir - ehrlich gesagt - auch nicht aus. Gar nicht so schlimm, habe ich erst gedacht. Nichts mit mir und der mir zur Verfügung stehenden Zeit anfangen können - das ist doch kein erstrebenswerter Zustand. Eher verschwendete Lebenszeit. Langeweile und sinnerfülltes Tun – das schließt sich doch eigentlich aus.

Oder doch nicht?! Es muss doch herrlich sein, einmal keine Verpflichtungen mehr zu haben. Keine Projekte. Es muss doch guttun, einmal am Ziel zu sein. Einfach die Zeit anzuhalten. Keine Fragen mehr. Für eine kurze oder eben eine lange Weile. Jesus verspricht denen, die mit ihm unterwegs sind, eine solche Zeit. „Wenn ich wieder zu euch zurückkomme, dann werdet ihr mich nichts mehr fragen!“ (Johannes 16,23) Auch irgendwie langweilig, wenn ich keine Fragen mehr habe. Wenn alles geklärt ist. Darauf bin ich gespannt. Ich habe nämlich eigentlich eine ganze Liste von Fragen. Im Blick auf den Lauf der Welt. Krieg. Ungerechtigkeit. Aber auch, was mein eigenes kleines Leben angeht. Und die Menschen, die es mit mir teilen. Es muss ein besonderes Gefühl sein, wenn all diese Fragen plötzlich verschwinden.

Ob es Gott dann nicht auch langweilig ist, frage ich mich. Die Welt im Lot. Die Menschen so, wie sie sein sollen. Keine Gebete mehr, in denen die Menschen endlos Fragen stellen. Wohl eher nicht. Gott wäre dann am Ziel. Für eine lange, lange Weile. Womöglich für immer. Und meine kleine Langeweile – sie könnte eine Art Vorahnung sein, wie das sein könnte. Den Versuch wäre es doch allemal wert. Womöglich stellt sich ein großes Glücksgefühl ein, wenn ich doch einmal so richtig Langeweile habe. Und zumindest für den Moment keine Fragen mehr.

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08SEP2022
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Seit wenigen Wochen kann man im Naumburger Dom ein neues Altarbild bestaunen. Gemalt im Stil eines mittelalterlichen Künstlers. Es ersetzt ein im 16. Jahrhundert mutwillig zerstörtes Altarbild von Lucas Cranach. Die beiden Seitenflügel des alten Altars gibt es noch. In der Mitte ist nun dieses neue Bild zu sehen. Der Leipziger Künstler Michael Triegel hat es gemalt.

Maria mit dem Kind, dazu ihre Mutter Anna, Petrus und Paulus – alle sind sie zu sehen. Aber irgendwie doch ganz anders als gewöhnlich. Paulus ist als Rabbiner dargestellt. Für Petrus mit roter Baseballmütze hat dem Künstler ein Nichtsesshafter in Rom Modell gestanden. Dietrich Bonhoeffer habe ich entdeckt. In Maria und ihrer Mutter hat der Künstler seine Tochter und seine Frau verewigt.

„Das sind ja Menschen wie du und ich. Das sind doch keine Heiligen!“ So reagieren viele Menschen, wenn sie das neugeschaffene Altarbild zum ersten Mal zu Gesicht bekommen. Der Künstler dürfte mit dieser Deutung mehr als zufrieden sein. Weil genau das für ihn Heilige ausmacht, dass sie „von dieser Welt“ sind, wie er sagt.

Mit seiner Deutung dessen, was einen Menschen heilig macht, verbindet er eine besondere Botschaft: Menschen sollen nicht ausgegrenzt werden, weil sie irgendwie anders sind. „Kein Mensch ist mehr oder weniger wert, weil er bestimmte Erkennungsmerkmale an sich trägt. Weil er arm oder reich ist, mächtig oder ohnmächtig, hell- oder dunkelhäutig. Alle sind einfach Menschen, genau wie Gott in Christus Mensch geworden ist. So ähnlich hat Paulus das einmal formuliert. (Galater 3,28). Mit den Augen Gottes betrachtet, sind alle Menschen gleich. Und alle auch heilig.

Etwas davon müsste auch in der Kirche zu spüren sein, denke ich. Ich bin sicher, dass viele Menschen diese Sehnsucht teilen. Die Sehnsucht nach einer Einheit, die die widerspiegelt, dass alle Menschen von gleichem Wert sind und ihnen dieselbe Würde zukommt.

Etwas von der Verwirklichung dieser Sehnsucht habe ich in den letzten Tagen in Karlsruhe erlebt. Bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen. Mehr als viertausend Menschen aus aller Welt haben sich da getroffen. Menschen wie du und ich. Sie alle geben dieser Sehnsucht nach gleichem Wert und gleicher Würde Gesicht.

Alles Menschen wie du und ich. Viele Altarbilder könnte man mit ihnen gestalten. Weil sie für Gott alle heilig sind. So gesehen müsste es für jeden Menschen Platz auf irgendeinem Altarbild geben.

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04MAI2022
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„Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd’s Nachbars an!“ Der Namensgeber dieses sogenannten St. Florians-Prinzips hätte sich gegen diese Art der Problemlösung wahrscheinlich heftig gewehrt. Denn er hat selber Verantwortung für sich und das Leben anderer übernommen.

Florian von Lorch wurde am 4. Mai des Jahres 304 als Märtyrer hingerichtet. Heute ist also sein Todestag. Er hat seinem christlichen Glauben nicht abschwören wollen. Und ist deshalb nach schweren Folterungen in der Enns in Oberösterreich ertränkt worden. Diese eher grässliche Verbindung zum Element Wasser ist wohl die Ursache dafür, dass man ihn in der Tradition zum Schutzpatron der Feuerwehrleute gemacht hat – eine zynische Verbindung, aber leider schon über Jahrhunderte so wirksam.

Florian hat es über die mehr als siebzehnhundert Jahre hindurch durchaus zu einiger Prominenz gebracht. Das mag zum einen daran liegen, dass in früheren Jahrhunderten das Feuer für die Menschen eine der ganz großen Gefährdungen gewesen ist. Deshalb hat Florian wohl zu den am häufigsten angerufenen Schutzheiligen gehört. Warum sich die schlichte Bitte um seine Hilfe im Lauf der Zeit in den Wunsch verwandelt hat, dass doch bitte des Nachbars Haus abbrennen möge statt das eigene, ist nicht bekannt. Was für ein egoistischer Missbrauch der Geschichte eines Menschen, der gerade für andere seinen Kopf hingehalten hat. Denn einer der Gründe, die Florian sein Leben gekostet haben, war sein Einsatz zur Rettung von 40 Männern und Frauen, die wegen ihrer christlichen Überzeugung eingesperrt worden waren. Nach dem Handlungs-Prinzip, das heute seinen Namen trägt, hätte er froh sein müssen, dass es nicht ihn getroffen hat. Und hätte damit sogar sein Leben retten können.

Florian hat aber eher nach dem Jesus-Prinzip gehandelt. Der hat gesagt: „Was ihr einem eurer Schwestern und Brüder an Gutem habt angedeihen lassen, das habt ihr mir zugute getan!“ (Matthäus 25,40) Menschen, die nach diesem Prinzip handeln, Menschen, wie Florian, haben wir derzeit richtig nötig. Und es gibt sie auch bis heute – Gott sei Dank. Menschen, die sich für andere einsetzen. Menschen, die den Mut haben, zwischen alle Fronten zu geraten. Auch im wörtlichen Sinn. Menschen, die ihre Türen offen halten für andere. Für Geflüchtete. Für Nachbarn, die jemanden brauchen, der ihnen einfach einmal zuhört. Dies möchte ich von Florian lernen. Und daher erinnere ich mich heute gerne an ihn.

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03MAI2022
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„Wonach ist dir?“, steht in großen Buchstaben auf der Scheibe einer Bäckerei.  Jeden Tag springt mich diese Frage an, wenn ich auf dem Weg in die Stadt an ihr vorbeigehe. Natürlich soll sie den Blick auf die süßen Köstlichkeiten im Schaufenster lenken. Aber ich ertappe mich jedes Mal dabei, dass ich die Frage ganz grundsätzlich verstehe. Und es sind jedes Mal neue Antworten, die mir durch den Kopf gehen.

Unlängst fiel mir ein Satz aus der Bibel ein. Einer meiner Lieblingssätze. „Seid jederzeit bereit, Rechenschaft abzulegen über die Hoffnung, von der ihr erfüllt seid!“ (1. Petrus 3,15) Ja, danach ist mir, habe ich gedacht. Für die Hoffnung einstehen, die in mir ist. Im Zusammensein mit anderen Menschen. Auch öffentlich.

Nichts ist derzeit nötiger – so kommt es mir vor. Ich höre so viele Sätze, aus denen die pure Hoffnungslosigkeit spricht. Wenn ich mich nur auf meinen Verstand verlasse, dann ist mir auch so zumute. Ich kenne den Ausweg aus der verfahrenen politischen Situation ja auch nicht. Und wenn ich ihn wüsste, fehlte mir der Einfluss, meine Ideen einzuspielen.

Aber genau hier liegt der Schwachpunkt dieser Argumentation. Glauben heißt hoffen, sogar gegen alle Vernunft. Nur mit Vernunft und Faktenwissen wäre die Jesus-Bewegung schon am Karfreitag für immer zusammengebrochen. Dass viele Menschen vor gut zwei Wochen aber wieder Ostern gefeiert haben, mehr als 2000 Jahren nach den damaligen Oster-Ereignissen in Jerusalem, das ist für mich ein Beleg für das, was Auferstehung meint. Da hat Gott den ins Recht gesetzt, den die Herrschenden eigentlich schon aus dem Spiel genommen hatten. Da gab es ein Weiter so der ganz anderen Art. Da hat sich ein Ausweg aus der Spirale des Todes eröffnet, mit dem niemand gerechnet hat. Was für eine unglaubliche Hoffnungsgeschichte!

Danach ist mir! Die vielen kleinen und großen Hoffnungsgeschichten der Bibel in Erinnerung zu halten. Und darauf zu vertrauen, dass auch in der gegenwärtigen politischen Situation irgendwo schon ein Weg der Hoffnung begonnen hat. Danach ist mir - wenn ich von meinen Hoffnungen spreche, auch wenn diese nur ein winziger Beitrag sind, um die große Kraft der Hoffnung zu stärken, nach der sich gerade so viele Menschen sehnen. Danach ist mir, dass die Handlanger des Bösen ihrer Macht beraubt werden. Und dass ich mit meinem kleinen Glauben diesem großen Osterglauben, den es hier braucht, auch einen kleinen Schub verleihen kann. Und wenn ich morgen wieder an der Bäckerei vorbei gehe, wird dies meine Antwort sein: Mir ist nach Hoffnung!

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02MAI2022
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„Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ Bert Brecht hat diese Frage gestellt.  In seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“. Entstanden in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts. Unter den Vorzeichen der Naziherrschaft. In diesen Tagen lässt sie mich nicht mehr los. Immer dann, wenn ich doch auch wieder einmal über irgendetwas anderes reden möchte – etwas anderes im Fernsehen sehen oder in der Zeitung lesen will als immer nur dieses belastende Thema: Krieg! Manchmal vielleicht noch ergänzt mit den neuesten Fakten zum aktuellen Stand der Corona-Pandemie. Fast ein Verbrechen sei das, zu den entscheidenden Themen zu schweigen, sagt der Dichter Bert Brecht. Keine Möglichkeit gibt es, sich in anderes zu flüchten. Einfach einmal vergessen zu können. Das Leben zu feiern. In seiner ganzen Buntheit und Vielfalt.

Selbst wenn ich es versuche, es gelingt mir ohnedies nicht. Jede Nachrichtensendung gräbt sich mit ihren schrecklichen Bildern in meine Seele ein. Es gehört zu meiner menschlichen Grundausstattung, dass mir das Leid anderer nicht gleichgültig ist. Und eine biblische Einsicht ist es ja auch: „Wenn ein Mensch leidet, leiden wir anderen alle mit.“ (1. Korinther 12,26) Empathie nennen wir das heute, was der Apostel Paulus da vor zweitausend Jahren so beschreibt. Empathie ist aber nicht nur eine Haltung, mit der Menschen einander begegnen. Für mich zeichnet es gerade auch Gott aus, empathisch zu sein. Und uns unser Leben auch genießen und feiern zu lassen. Jesus hat deshalb von der Welt, wie Gott sie gemeint hat, immer wieder im Bild eines großen Festes gesprochen. Ein Hausherr lädt Gäste ein. Aber gerade nicht die, die ohnedies immer feiern. Seine Einladung gilt gerade denen, die eigentlich nichts zu feiern haben. Den Menschen am Rande. Den Habenichtsen und den Ausgestoßenen. Auch denen gilt sie, denen der Krieg einen Strich durch die Rechnungen ihres Lebens macht.

Darum möchte ich dem Satz von Bert Brecht doch auch etwas entgegenhalten. Ich möchte, ja ich muss manchmal auch über Bäume sprechen. Über Vögel. Über die Schönheit der Berge und Seen. Und die Schönheit des Lebens überhaupt. Ich muss manchmal auch feiern, dass ich bin, dass ich geliebt werde. Dass ich andere lieben kann. Ich würde das Leben sonst nicht aushalten. Und wäre denen keine Hilfe, die doch auf meine Unterstützung angewiesen sind. Und deren Leiden ich nicht verschweigen möchte. Ich hoffe, dass mir das immer wieder geling.

 

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15JAN2022
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Als Kind war er für mich etwas ganz Besonderes: ein fünfeckiger, sehr alter Grenzstein, an dem die Gemarkungen von fünf Dörfern aneinanderstoßen. Wenn ein Spaziergang an diesem Stein vorbeiführte, bin ich immer um den Stein herumgelaufen. In kürzester Zeit hatte ich auf diese Weise fünf Ortschaften hintereinander besucht. Oder ich konnte mit einem Bein im einen und mit dem anderen im anderen Dorf stehen. Faszinierend!

Vor einiger Zeit ist mir dieser besondere Grenzstein meiner Kindheit wieder in den Sinn gekommen. Als Bild für die Art und Weise, in der sich meine eigene Identität wahrnehmen und beschreiben lässt. An die Stelle des Ortswechsels ist der Rollenwechsel getreten. Mal bin ich beruflich im Einsatz, mal privat, mal Patient beim Arzt, dann Referent bei einer Bildungsveranstaltung, mal begleite ich jemanden in einer schwierigen Situation, dann suche ich selber Rat. Mal habe ich mehrere Hüte auf oder übernehme mit dem einen Fuß die eine und mit dem anderen eine andere Rolle. Dieser ständige Rollenwechsel gehört zum Menschsein dazu. Nicht nur zu meinem. Er hält mein Leben in Bewegung und macht es spannend.

Mag der ständige Rollenwechsel also zu den unveränderlichen Kennzeichen des Menschseins gehören – mir fällt auf, dass in der Bibel von Gott ganz anders geredet wird. Derselbe sei er, oder dieselbe, gestern, heute und morgen. Von Ewigkeit zu Ewigkeit. Auf der anderen Seite weiß ich: Gott verändert sich auch. Lässt sich erweichen. Wagt ein ums andere Mal den Neuanfang mit den Menschen. Wenn ich meine Gedanken zurück auf das Fest der Weihnacht richte, dann geht es da um den radikalsten Rollenwechsel, den ich mir vorstellen kann: Gott wird Mensch. Wechselt nicht nur den Ort wie ich beim Gang um den Grenzstein. Gott tauscht im Bild gesprochen auch oben und unten.

Kein Zweifel also: Gott scheut die Veränderung nicht. Passt sich meinen Lebens- und Erfahrungsgewohnheiten an. Doch dieser Wandel in Gott selber ist etwas anderes als unser menschlicher Rollenwechsel. Gott läuft nicht um irgendeinen Grenzstein herum wie ich als Kind. Er ist selber die Mitte, die meine aufgesplittete Existenz zusammenhält. Im ständigen Wandel bleibt Gott eins mit sich.

Für mich bedeutet das: Es kommt also gerade nicht darauf an, in schnellem Schritt um die vielen Grenzsteine meines Lebens herumzulaufen. Viel wichtiger wäre es doch, bei jedem Schritt die Mitte, die alles zusammenhält, nicht aus dem Blick zu verlieren.

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