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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

16JUN2024
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Die Schrift auf den Verpackungen wird auch immer kleiner, habe ich in letzter Zeit öfter gedacht – und beim Kochen in der Küche das Licht eingeschaltet und den Kopf verdreht, um die winzigen Buchstaben entziffern zu können. Meine Kinder haben mich beobachtet und nur gegrinst: Du brauchst halt eine Lesebrille!

Echt jetzt? Im Drogeriemarkt habe ich mich unauffällig an den Brillenständer herangeschlichen und mal so eine Lesebrille ausprobiert. Wow! Wie einfach man damit alles erkennen kann. Eine ganz neue Sicht auf manche Dinge.

Das Erlebnis mit der Lesebrille hat mich nachdenklich gemacht. Es gibt vermutlich auch sonst in meinem Leben einiges, dass ich nicht deutlich fokussiere, sondern nur verschwommen wahrnehme wie die kleinen Buchstaben: Manchmal sehe ich zum Bespiel nicht klar, dass mein Körper signalisiert: Mach mal eine Pause. Oder ich nehme gar nicht richtig wahr, wie es eigentlich der Nachbarin geht, die ich ab und zu im Vorbeigehen grüße. Ja, es gäbe vieles, was wichtig wäre zu sehen – und es ist wie mit der Altersweitsichtigkeit: Mir fehlt die richtige Brille dafür – aber ich habe mich daran gewöhnt und merke es gar richtig.

Die Sache mit der richtigen Brille hat übrigens auch den Reformator Johannes Calvin beschäftigt, der im 16. Jahrhundert in Genf gelebt hat. Calvin meint, die Bibel, die Heilige Schrift, ist so etwas wie eine Brille, mit der man Gott und die Welt genau erkennen kann.

Sinngemäß sagt er: Wenn jemand schlecht sieht, kann man ihm ein Buch so lange vor die Nase halten, wie man will. Er merkt zwar, dass da etwas geschrieben steht, kann aber kaum etwas erkennen. Mit einer Brille dagegen kann er mühelos alles lesen und verstehen. Und so wie eine Brille Klarheit in die Buchstaben bringt, so bringt die Heilige Schrift, schreibt Calvin, unser sonst so verworrenes Wissen um Gott in die richtige Ordnung.

Mir leuchtet das ein. Geschichten aus der Bibel helfen mir, an manchen Punkten in meinem Leben genauer hinzusehen. Wenn ich in der Bibel lese, dass ich wunderbar geschaffen bin und mein Leben ein Geschenk von Gott ist – dann verändert das meinen Blick auf mich selbst. Ich schaue mich selbst freundlicher an – und versuche, besser auf mich achtzugeben. Und wenn ich die Geschichte vom Barmherzigen Samariter höre, der als einziger einem Schwerverletzten geholfen hat, obwohl der eigentlich sein Feind war – dann überlege ich, wie ich’s damit halten würde. Und bei wem ich bereit bin zu helfen.

Ja, die Bibel kann wie eine Brille sein, die hilft, scharf zu sehen – Gott, die Welt und mich selbst.

Fürs Lesen habe ich mir übrigens inzwischen eine Lesebrille angeschafft. Nicht immer setze ich sie auch auf. Aber sie erinnert mich daran, immer mal wieder zu prüfen, was ich gerade so wahrnehme im Leben. Ob ich scharf sehe. Und durch welche Brille ich die Welt betrachte.

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SWR Kultur Zum Feiertag

20MAI2024
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Ein Geist der Verständigung – auch das ist der Heilige Geist, dessen Kommen wir als Christinnen und Christen an Pfingsten feiern. Von einem Sprachenwunder erzählt die Pfingstgeschichte in der Bibel – Menschen unterschiedlicher Muttersprache konnten einander plötzlich verstehen. Wo ist dieser Geist der Verständigung heute zu erfahren – in Kirche und Gesellschaft?

Darüber spreche ich mit Achnasia Manganang – sie stammt aus Indonesien und ist Theologin und Kirchengemeinderätin in der Kirchengemeinde in Stuttgart-Botnang – und mit Stephan Mühlich, er ist Pfarrer in Botnang. Frau Manganang, Herr Mühlich – könnte man sagen, dass bei Ihnen in Botnang jede Woche Pfingsten ist?

 

Mühlich: Naja, jede Woche Pfingsten, das klingt etwas enthusiastisch, würde ich sagen. Wenn Pfingsten allerdings bedeutet, sich herausfordern zu lassen davon, dass jeder Mensch für jeden Menschen ein Fremder ist mit einer eigenen Muttersprache, die ich gerne lernen will besser zu verstehen, und dass wir zugleich durch Christus alle zu Geschwistern geworden sind in der einen Welt, dann kann tatsächlich jede Woche Pfingsten sein.

Rittberger-Klas: Auch in Botnang – sehen Sie es auch so, Frau Manganang?

Manganang: Ja, in Botnang auch…

Rittberger-Klas: Herr Mühlich, in ihrer Kirchengemeinde scheint es eine besondere Offenheit für internationale Kontakt zu geben – wie ist das entstanden?

Pfarrer sind ja auch Migranten in gewisser Hinsicht. Ich bin zwar in Stuttgart geboren haben eine Frau aus Brandenburg und war als junger Pfarrer zwei Jahre in Italien gewesen in der italienischsprachigen Gemeinde in der Waldenserkirche, das hat mich geprägt. Ich war dann anschließend dreizehn Jahre hier in Württemberg Gemeindepfarrer und neun Jahre im ökumenischen Zentrum auf dem Campus der Universität in Stuttgart-Vaihingen. Und da gibt es ein ökumenisches Haus, also ein gemeinsames evangelisch-katholisches Haus für Studierende, für Hochschulangehörige, und das war immer auch schon ein internationales Haus gewesen. Und Frau Manganang habe ich tatsächlich dort kennengelernt, weil sie mit ihrer indonesischen Gemeinde dort im Ökumenischen Zentrum oft schon gefeiert haben und zu Gast waren. Und dann war sie eine Einheimische, die ich in Botnang wiedergetroffen habe vor fünf Jahren. Und außerdem habe ich dann gesehen in Botnang die Mitarbeiter der Kirchengemeinde, die mir dort begegnet sind: ein iranischer Mesner und Hausmeister, eine Hausmeisterin aus Kasachstan, eine Kantorin aus Russland, eine Instrumentalkreisleiterin aus Japan, eine Organistin aus Südkorea, also ziemlich breit aufgestellt – nicht nur die Indonesier sondern auch die verschiedenen Mitarbeiter, die da einfach dabei sind. Und ich fand immer schon, das sind nicht nur Gastarbeiter für unsere deutsche Gemeinde, sondern das sind welche, die auch mit dazu gehören, und deshalb hat es mir da von Anfang an gut gefallen.

Rittberger-Klas: Eine Kirchengemeinde, in der sich Welten und verschiedene Menschen begegnen… Sie, Frau Manganang, sind in der Botnanger Kirchengemeinde, in der evangelischen Landeskirche engagiert als Kirchengemeinderätin – und treffen sich auch regelmäßig mit anderen Christinnen und Christen aus Indonesien. Sie haben also quasi eine doppelte kirchliche Heimat. Was ist daran spannend, was schätzen Sie daran?

Manganang: Diese doppelte Kirchen-Heimat, also, ja kann man so sagen… Wir bieten das Studenten, die hier studieren, oder allen Indonesiern, die schon lange hier wohnen. Wir wollen dann einfach nur ein Stück Heimat geben, dass wir einmal auf Indonesisch beten, wir singen, wir hören Gottes Wort auf Indonesisch und essen auch unser Essen. Aber am Samstag treffen wir uns, und Sonntag wir gehen dann in die Kirche, wo wir dazugehören, weil bei unseren Mitgliedern sind ja auch ganz viele Denominationen, Evangelische, auch Freikirchen, auch Katholiken. Und dann am Sonntag gehen wir eben in die eigene Kirche hier im Deutschland, wo sie wohnen, damit sie dann gut aktiv und integriert werden. Also, quasi können wir sagen, dass wir eine doppelte kirchliche Heimat hier in Stuttgart haben. Und dann habe ich mich in Botnang richtig engagiert, wo Herr Stefan Mühlich mich dann gefragt als Kirchengemeinderätin. Da bin ich noch mehr integriert.

Mühlich: Ja, das finde ich schon, das gehört eigentlich dazu, dass auch in den Gremien die internationalen Leute vertreten sind. Deswegen hatte ich gleich versucht, das irgendwie hinzubekommen, und dann waren bald die Kirchenwahlen und ich war sehr froh, dass du zugesagt hast und auch, dass es dann bei der Wahl wirklich auch gut geklappt hat. Und das hat auch das Gremium verändert bei uns. Also das ist, finde ich, auch spannend zu sehen, wie auch die Kirchengemeinderäte einer württembergischen Gemeinde sich dadurch verändern.

Rittberger-Klas: Jetzt ist es ja so: Wenn Menschen aus unterschiedlichen Traditionen und Kulturkreisen zusammen leben, feiern und arbeiten, ist immer auch ein Lernprozess. Wo haben Sie voneinander gelernt – und wo gab es vielleicht auch mal Reibungspunkte, wo Sie erstmal gemeinsam ins Laufen kommen mussten?

Mühlich: Also ich finde, es gibt da nichts Besonderes. Ich sag: Das Übliche was es in jeder Familie und Gemeinde gibt, Themen wie Ordnung, Sauberkeit, Zeitvorstellungen… Aber das sind Geschmacksfragen, also das ist eigentlich nichts, was so typisch das Interkulturelle war, sondern das habe ich auch mit Jugendgruppen…

Manganang: Richtig Reibungen, das haben wir nicht, nur dass anders ist, dass es bei uns manchmal sehr laut ist. Und wir sind manchmal nicht richtig strukturiert, spontan. Und manchmal müssen wir dann klarkommen. Und das haben wir dann auch gewusst: Wenn wir deutsche Gäste haben oder einladen, haben wir darauf hingewiesen, dass sie bitte nicht so pünktlich kommen, zum Beispiel.

Rittberger-Klas: Und haben Sie das Gefühl, dass diese besondere geistliche Gemeinschaft, die man auch als Christen hat in der Kirchengemeinde, dass das manchmal auch hilft?

Manganang: Meiner Meinung nach also diese geistliche Verständigung wird wirken, wenn wir dann auch offen dafür sind, dann wirkt er, dieser Heilige Geist der Verständigung. Das sage ich dann immer, wenn neue Studenten zu uns kommen, die noch kein Deutsch sprechen können und die dann nicht zur Kirche gehen wollen, weil sie dann nicht verstehen und so weiter – und dann hab ich gesagt: Nee, da musst du auch hingehen, also Gott wird dann auch zu dir sprechen, mit seinem Heiligen Geist, durch die Musik, alles…

Rittberger-Klas: Durch die Atmosphäre…

Manganang:Ja, also Gott wird dann auch in dein Herzen reinkommen und dann wirst du verstehen.

Mühlich: Und ich denke auch der Heilige Geist funktioniert ja nicht so sehr wie eine Medizin in der Krise, der dann erlebbar ist, wenn wir irgendwie Stress miteinander hatten und dann wird es wieder geheilt oder so. Sondern es ist tatsächlich mehr so das Überraschungselement, dass manchmal Dinge passieren, mit denen man nicht unbedingt gerechnet hat. Und wenn man das zulässt einfach erstmal eine Zeit lang auch so eine Fremdheit auszuhalten und auch was nicht zu verstehen – da gibt es dann auch immer wieder schon Dinge, wo man sagt: Ja, das war jetzt was, wo diese Gemeinschaft auch spürbar geworden ist.

Rittberger-Klas: Der Heilige Geist als Geist der Verständigung – heute am Pfingstmontag wird er in der Stuttgarter Innenstadt auf besondere Weise gefeiert, und zwar mit dem „Tag der weltweiten Kirche“, der vomInternationalen Konvent christlicher Gemeinden in Württemberg gestaltet wird, in dessen Vorstand auch Sie, Frau Manganang, sitzen. Der Tag beginnt mit einem Gottesdienst um 11 Uhr mit der Stuttgarter Stiftskirche, danach wird um die Stiftskirche herum weitergefeiert.

Manganang: Ja, das ist dann der Höhepunkt für unseren internationalen Konvent, dass wir den Pfingstmontagsgottesdienst in der Stiftskirche gestalten können jedes Jahr. Und es werden auch viele verschiedene Sprache auf einmal in diesem Gottesdienst gesprochen und auch gesungen und auch auf viele Themen werden von verschiedenen Gemeinden präsentiert.

Mühlich: Also, ich find‘s immer schön, wenn ich selber auch beim Tag der weltweiten Kirche in der Stiftskirche dabei sein kann, und tatsächlich haben wir in Botnang dieses Jahr Pfingstmontag keinen eigenen Gottesdienst, sondern laden auch dazu ein. Wir haben bisher immer ökumenisch evangelisch-katholisch Gottesdienste gemacht, was auch schön ist, aber in besonderer Weise ist der Tag der weltweiten Kirche nochmal sowas, wo gezeigt wird, wie es eigentlich werden kann, sag ich mal. Und der Konvent der internationalen Gemeinden macht es ein Stück weit vor, weil die sind schon untereinander auch sehr, sehr unterschiedlich – also untereinander sind die mindestens so unterschiedlich wie zwischen den deutschen und den internationalen Gemeinden. Und dass die sich die Mühe machen, so einen Gottesdienst zusammen zu gestalten, zusammen an einem Thema zu arbeiten, die Fremdheit auszuhalten und dann trotzdem wieder zu zeigen: wir sind miteinander christliche Gemeinde – das ist ein ziemliches Vorbild auch für die deutschen Gemeinden.

Rittberger-Klas: Frau Manganang, Herr Mühlich, ich danke Ihnen für das Gespräch – und den Hörerinnen und Hörern wünsche ich einen geistreichen Pfingstmontag. Pfarrerin Karoline Rittberger-Klas, Tübingen, Evangelische Kirche.

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

28APR2024
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Hören Sie es auch so gerne – das vielstimmige Vogelkonzert, das in diesen Frühlingstagen erklingt?
Ich gebe zu: Oft nehme ich den Gesang der Vögel gar nicht wahr. Weil ich zu viel drinnen hocke oder anderer Lärm draußen die feinen Vogelstimmen übertönt. Oder weil ich im Alltag schlicht nicht drauf achte.
Aber immer wieder, wenn ich ein Fenster öffne oder auf dem Rad unterwegs bin, merke ich: wie schön! Die Vögel sind wieder zu hören. Es ist Frühling. Und sofort habe ich die Melodie des alten Liedes im Ohr, das ich schon als Kind gerne gesungen habe:

Strophe 1, Dresdner Kreuzchor

Welch ein Singen, Musiziern, Pfeifen, Zwitschern, Tiriliern!
Was hören Sie, woran denken Sie, wenn Sie den Vogelstimmen lauschen?
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der den Text des Volkslieds 1837 als Gedicht veröffentlicht hat, hat aus dem Gesang der Vögel viel herausgehört. Das Gezwitscher weckt für ihn nicht nur Frühlingsgefühle, sondern bringt allen, die es zu deuten wissen, auch eine besondere Botschaft:

Strophe 2, Solo Bettina Pahn

Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar wünschen dir ein frohes Jahr, lauter Heil und Segen: ein Segenswunsch aus Vogelkehlen! Mit dieser unscheinbaren Zeile bekommt das beschwingte Frühlingsliedchen eine weitere, eine geistliche Dimension. Die Vögel, heißt das doch, erzählen mit ihrem Gesang auch von Gott. Oder mehr noch: In ihrem Gesang wird Gottes Segen, also sein liebevoller Blick auf die Welt und mich selbst, hörbar und spürbar.

Melodie Geige und Klavier, Christina Busch

Gottes Segen lässt sich auf verschiedene Weise erfahren. Das ist eine Spur, auf die ich mich gerne begebe. Denn wenn die Vögel mit ihrem Gesang mir Gottes Segen bringen, dann kann ich ihn sicher auch anderswo hören. Oder riechen, schmecken, sehen und spüren – wenn ich nur meine Sinne dafür öffne: für die Bienen mit ihrem leisen Summen, den intensiven Geruch der Fliederblüten, die Frühlingsblumen und ihre leuchtenden Farben oder für die warme Sonne auf meinem Gesicht. Sie alle wünschen mir – und dir – ein frohes Jahr, lauter Heil und Segen.
Ja, es tut gut, wahrzunehmen, was die Natur im Frühling verkündet. Und es sich zu Herzen zu nehmen – so wie es in der dritten Strophe heißt:

Strophe 3, Rundfunkchor Wernigerode

Einmal am Tag bewusst dem Pfeifen der Vögel lauschen – und auf die Spuren des Segens zu achten, den sie mir wünschen: Das ist, finde ich, eine gute Idee in diesen Frühlingstagen. Vielleicht macht mir das ja auch gute Laune, wie das Lied es beschreibt. Singen, springen und scherzen – das wäre nicht schlecht. Oder zumindest mal ein bisschen mitpfeifen.

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SWR2 Lied zum Sonntag

17MRZ2024
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Wie kann man in einem leidenden Menschen Gottes Liebe erkennen? Den Dichter und Philosophen Christian Fürchtegott Gellert hat diese Frage umgetrieben. Und er hat seine Gedanken dazu Mitte des 18. Jahrhunderts in einem Lied verdichtet –einem Passionslied: Herr stärke mich, dein Leiden zu bedenken.

Gellert findet Gottes Liebe in Jesus am Kreuz. Aber er spürt: Das, was er dort erkennt, erschließt sich nicht einfach. Es ist nur zu erfassen, wenn man sich darauf einlässt, sich versenkt in das Meer von Gottes Liebe, wie er es sagt.

 

Unermesslich groß und tief wie das Meer muss Gottes Liebe sein, so empfindet es der Gellert, dass Gott in Jesus selbst leidet und stirbt – damit ich vor ihm nicht verurteilt werde für meine Schuld. Denn unsere menschliche Schuld, das Unrecht, das wir tun, ist bei Gott nicht einfach egal und vergessen. Gott ist gerecht, ein Rächer alles Bösen, dichtet Gellert, und Gott ist die Lieb und lässt die Welt erlösen. Das ist der Widerspruch, den er am Kreuz verbunden sieht.

Ein Gott, der Mensch wird und wie ein Verbrecher stirbt – Gellert, Philosoph der Aufklärung, weiß, dass das ein kühner Gedanke ist. Ein Gedanke weit ab von jedem philosophischen Gottesbild. Ein Gedanke, der schon von Anfang an Kopfschütteln bei den Gelehrten hervorgerufen hat. Für ihn aber ist es anders – wie er mit Rückgriff auf Worte des Apostels Paulus in der 5. Strophe betont:

Seh ich dein Kreuz den Klugen dieser Erden ein Ärgernis und eine Torheit werden, so sei’s doch mir, trotz allen frechen Spottes, die Weisheit Gottes.

Diese Weisheit aber – und darum gefällt mir Gellerts Passionslied – bleibt für ihn nicht Theorie. In der Liebe, die er in Jesu Leiden entdeckt, sieht er eine Richtschnur für sein eigenes Handeln.

 Ich will nicht Hass mit gleichem Hass vergelten,

wenn man mich schilt, nicht rächend widerschelten.

Du Heiliger, du Herr und Haupt der Glieder, schaltst auch nicht wieder.

 

Hass nicht mit gleichem Hass vergelten – das, habe ich den Eindruck, bleibt die entscheidende Voraussetzung für Frieden. In der Politik genauso wie in meinem privaten Leben. Dafür aber brauchen wir die Kraft eines inneren Friedens. Und auch den findet Gellert bei dem Gott, der aus Liebe zu uns selbst leidet.

Ja, das glaube auch ich: Wem es gegeben ist, wirklich in Gottes Meer der Liebe einzutauchen, findet Frieden. Heute, am Ende des Lebens – und darüber hinaus.

 

Musikquellen:

  • Strophe 1-2, Martini-Kantorei Braunschweig, Archivnummer 1904904(HAN), 0:00-1:05
  • Intonation Orgel Ellwein, Archivnummer 63061990002(DIG), 0:00-0:04
  • Strophe 10, Bachchor Leverkusen, Archivnummer 6078159105.001.001(DAAS), 1:54-2:33

 

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

16MRZ2024
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In der Unterkunft für Geflüchtete bei uns im Ort wohnen Menschen aus den unterschiedlichsten Winkeln der Erde, aus Kamerun, der Ukraine oder Afghanistan – immer nur für kurze Zeit. Manche können ein wenig Deutsch, mit anderen kann ich mich auf Englisch oder Französisch verständigen. Aber ganz ohne gemeinsame Sprache sind die Möglichkeiten, sich auszutauschen, beschränkt. Das macht das Miteinander manchmal schwer.

In solchen Momenten kann ich nachvollziehen, was in der Bibel von den vielen verschiedenen Sprachen erzählt wird: Sie sind laut Bibel nämlich eine Strafe.

Die Menschen, so erzählt es die Geschichte vom „Turmbau zu Babel“ (1. Mose 11), haben sich so stark und mächtig gefühlt, dass sie dachten, es gäbe für sie keine Grenzen. Als Beweis wollten sie einen Turm bis in den Himmel bauen. Da hat Gott ihnen für ihren Hochmut einen Dämpfer verpasst: Davor haben alle dieselbe Sprache gesprochen und alle waren alle ein einziges Volk. Dann hat sie Gottes Strafe getroffen: Sie begannen, verschiedene Sprache zu sprechen und wurden über die ganze Erde zerstreut. Die Geschichte steht am Anfang der Bibel. Die ersten Kapitel der Bibel wollen erklären, warum wir Menschen sind wie wir sind. Und warum manches so schwierig ist und schiefläuft. In diesem Fall eben die Sache mit der Verständigung.

Verschiedene Sprachen als Strafe – ja, es gibt Momente, in denen ich verstehe, was gemeint ist. Andererseits sind Sprachen auch ein großer Reichtum. Ich merke: Wenn ich selbst eine andere Sprache spreche, verändert sich unwillkürlich mein Tonfall, meine Mimik, meine Körperhaltung – und in gewisser Weise sogar mein Lebensgefühl. Es ist toll zu erleben, dass Sprache mehr ist als Worte. Und ehrlich gesagt: Es liegt ja nicht nur an fremden Sprachen, dass wir einander nicht verstehen.

Deshalb gefällt es mir, dass es eine zweite Geschichte aus der Bibel gibt, in der es um Sprachen geht. Es ist die Geschichte vom Pfingstfest (Apostelgeschichte 2). Sie erzählt, wie sich auf einmal alle Menschen verstehen – egal, welche Sprache sie sprechen. Weil der Heilige Geist, Gottes Geist der Liebe, dafür sorgt.

Leider passiert so ein Wunder wie damals nicht immer dann, wenn es gerade geschickt wäre. Wenn ich in der Flüchtlingsunterkunft bei uns am Ort nicht weiterkomme, weil mich die Mutter aus Afghanistan einfach nicht versteht und ich sie auch nicht…

Trotzdem macht mir die Geschichte vom Sprachenwunder Mut, weiter miteinander zu kommunizieren und zu versuchen, einander zu verstehen. Es braucht manchmal das Übersetzungsprogramm auf dem Handy, oft Hände und Füße und immer viel Geduld. Aber dann ist manchmal plötzlich doch alles klar. Wie durch einen Geistesblitz. Ein Mini-Sprachenwunder…

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

15MRZ2024
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Vor kurzem hat jemand zu mir gesagt: Neidisch zu sein auf andere, das ist doch ganz normal. Vor allem als Kind, wenn man oft weniger hat und darf als andere. Da ist man doch traurig und möchte das auch! Die Frau, die das zu mir gesagt hat, hat es als Kind schwer gehabt. Kopfschüttelnd hat sie dann noch dazugesetzt: Dass Neid in der Kirche als Sünde gilt, finde ich gemein.

Seitdem habe ich mir über Neid Gedanken gemacht. Und es stimmt: Neid ist ein Gefühl, gegen das man sich kaum wehren kann. Es trifft einen, wenn es einem sowieso nicht gut geht. Und wenn man dann noch versucht, sich dieses Gefühl selbst zu verbieten, kann es einen erst recht ziemlich fertigmachen.

Wie sehr Neid Menschen bewegt, kann man schon in einer der allerersten Geschichten der Bibel sehen (1. Mose 4). Sie erzählt von zwei Brüdern, Kain und Abel. Der ältere, Kain, war Bauer, der jüngere, Abel, war Schäfer. Beide bringen Gott eine Opfergabe. Sie machen Gott sozusagen ein Geschenk. Aber dann heißt es in der Geschichte: Gott schaute wohlwollend auf Abel und sein Opfer. Doch Kain und sein Opfer schaute er nicht wohlwollend an.

Die Menschen in biblischen Zeiten wussten, was damit gemeint ist: Nämlich, dass Abel mit seiner Arbeit erfolgreich war. Kain dagegen nicht. Unfair – aber leider eine Erfahrung, die es bis heute gibt: Beim einen gelingt fast alles, beim anderen wenig – auch wenn sich beide richtig anstrengen. Wer sollte da nicht neidisch werden?

Und so ist es auch in der biblischen Geschichte: Kain ist neidisch. Mehr noch: Er ist außer sich vor Neid und Wut. So sehr, dass er seinen Bruder schließlich umbringt.

Eine heftige Geschichte. Aber wenn man genau hinschaut, zeigt sie auch: Das eigentliche Problem ist nicht der Neid. Das Problem ist, dass Kain keine Möglichkeit findet, mit seinem Neid umzugehen – außer durch Gewalt.

Neidisch zu sein ist doch normal! Ja, das stimmt. Und mit „Sünde“ hat Neid nur deshalb zu tun, weil er gefährlich werden kann, wenn man ihn in sich hineinfrisst. Denn dann wird womöglich Hass daraus – und aus Hass Gewalt. Das zeigt die Geschichte von Kain und Abel. Dagegen hilft nur: Aufeinander achten und miteinander reden. Und nicht alles in sich hineinfressen, sondern sich beklagen über Ungerechtigkeit – bei Gott und anderen Menschen.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

14MRZ2024
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Wir Menschen sind ganz eng mit der Erde verbunden. Wir sind richtige „Erdlinge“. Also, nicht nur aus der Sicht von irgendwelchen Marsmännchen. Ich meine das ganz ernst. Wir Menschen sind „Erdlinge“ – weil wir mit diesem besonderen Material, mit der „Erde“ eng verbunden sind:
Erde zu Erde.... Als Pfarrerin sage ich das, wenn ich an einem offenen Grab stehe und es heißt, von einem Verstorbenen Abschied zu nehmen. Dazu werfe ich Erde ins Grab: eine handfeste Geste, die mir wichtig ist. Weil so das Ende eines Lebens spürbar und begreifbar wird. Das kann Trauernden helfen auf dem schweren Weg des Abschieds.

Mir ist das mit der Erde aber auch deshalb wichtig, weil es allen zeigt: Jedes Leben ist begrenzt, auch meins und deins. Trotz allem, was wir als Menschen für andere bedeuten, trotz allem, was wir haben oder leisten – letztlich sind wir vergänglich und kehren zur Erde zurück, so wie alle anderen Geschöpfe auch.

Der allererste Mensch in der Bibel wird Adam genannt. Eine der Schöpfungsgeschichten der Bibel erzählt, wie Gott Adam aus Erde vom Acker formt (1. Mose 2,7). Und genau das bedeutet auch der Name Adam: aus Erde. Ein „Erdling“ eben – zu dem Gott in der Bibel sagt: Du bist Erde und sollst zu Erde werden (1. Mose 3,19). Das gilt nicht nur für Adam, sondern für uns alle. Erde zu Erde… sage ich deshalb auch auf dem Friedhof.

Wir Menschen sind „Erdlinge“. Wie geht es Ihnen mit diesem Gedanken? Mich stimmt es traurig, dass alles Leben so begrenzt ist. Und gleichzeitig ist der Gedanke, dass auch ich irgendwann wieder zu Erde werde, für mich auch tröstlich. Wenn ich ein „Erdling“ bin – das heißt doch auch: Ich bin verbunden mit der Erde und so mit allem, was lebt. Ich bin begrenzt, aber Teil eines großen Ganzen.

Mir ist es wichtig, das immer wieder zu bedenken: Ich und alle, die mir begegnen, sind endlich und letztlich zerbrechlich. Und: Wir alle sind Teil der Natur – und auf sie angewiesen.

Und noch etwas ist mir wichtig: Die Bibel spricht zwar sehr nüchtern davon, dass Menschen nur Erde und Staub sind. Aber sie erzählt auch davon, dass für Gott genau diese „Erdlinge“ wertvoll sind. Jedes einzelne Leben – auch über den Tod hinaus. Das hilft mir, wenn ich wieder auf dem Friedhof stehe.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

13MRZ2024
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Wenn ich abends die letzten Teller in die Spülmaschine stelle, dann bleibt mein Blick manchmal am Küchenfenster hängen. Die Fenster gehen nach Westen, und wenn an einem klaren Abend die Sonne untergeht, dann leuchtet plötzlich alles in zartem Rosarot und Violett, in strahlendem Gelb, in grellem Glutrot und orange. Staunend stehe ich dann am Fenster und bewundere das Bild, das sich da bietet – wie ein einzigartiges Gemälde aus Gottes Tuschkasten. Die Arbeit bleibt dann liegen. Die muss ich dann später machen. Aber der Sonnenuntergang ist genau jetzt – und ich muss ihn jetzt „sein lassen“. Verschieben kann ich ihn nicht. 

Der Psychologe Carl Rogers hat gesagt: Menschen sind genauso wundervoll wie ein Sonnenuntergang. Ein passender Vergleich, finde ich. Aber nicht nur, weil Sonnenuntergänge so einzigartig sind. Carl Rogers Erkenntnis ist: Menschen sind genauso wundervoll wie ein Sonnenuntergang – wenn ich sie sein lassen kann.

Ja, vielleicht bewundern wir einen Sonnenuntergang gerade deshalb, so schreibt der Psychologe, weil wir ihn nicht kontrollieren können. Wenn ich einen Sonnenuntergang betrachte, höre ich mich nicht sagen:
'Bitte das Orange etwas gedämpfter in der rechten Ecke und etwas mehr Violett am Horizont und ein bisschen mehr Rosa in den Wolken.' Das mache ich nicht. Ich versuche nicht, einem Sonnenuntergang meinen Willen aufzuzwingen. Ich betrachte ihn mit Ehrfurcht."

Mein Gegenüber mit Ehrfurcht zu betrachten wie ein Kunstwerk Gottes: Das passt für mich ganz wunderbar zur Schöpfungsgeschichte in der Bibel. Die erzählt ja davon, dass wir Menschen ein Bild Gottes sind, ja sogar sein Ebenbild. Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, heißt es im ersten Kapitel der Bibel (1. Mose 1,27). Als Ebenbild Gottes hat jeder Mensch eine einzigartige Würde und verdient Respekt.

Menschen sind genauso wundervoll wie ein Sonnenuntergang – wenn ich sie sein lassen kann, sagt Carl Rogers. Ich gebe zu: Das Seinlassenkönnen fällt mir nicht leicht. Es braucht Geduld und gute Nerven. Andere korrigieren und kontrollieren zu wollen, liegt oft näher. Aber ich bin sicher: Es lohnt sich, so oft wie möglich die Perspektive von Rogers einzunehmen: Über die Einzigartigkeit von Menschen zu staunen und sie mit Ehrfurcht zu betrachten – wie die Schönheit des Sonnenuntergangs vor meinem Küchenfenster.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

12MRZ2024
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In unserer Kirche hängt ein altes Gebet. Genauer: es hängt im Nebenraum der Kirche, in der Sakristei – da, wo ich mich als Pfarrerin für den Gottesdienst vorbereite. Und wenn ich es sehe, bin ich jedes Mal froh darüber. Das Gebet findet man übrigens in fast allen evangelischen Kirchen. Martin Luther hat es geschrieben. Es beginnt so:
Herr Gott, lieber Vater im Himmel, ich bin wohl unwürdig des Amtes und Dienstes, darin ich deine Ehre verkündigen und der Gemeinde pflegen und warten soll.

Sie merken sicher: Die Sprache ist alt, klingt für unsere Ohren ein bisschen fremd – aber eigentlich geht es um einen einfachen Gedanken. Einen Gedanken, den ich nicht nur als Pfarrerin vor dem Gottesdienst kenne: O Gott, sagt das Gebet, was mache ich bloß hier? Ich bin für diese Aufgabe doch gar nicht geeignet, gar nicht gut genug.

Ich finde ja, dieses Gebet könnte – etwas umformuliert – nicht nur in der Sakristei hängen, sondern auch anderswo.

Zum Beispiel in der Küche über der Kaffeemaschine: Gott, ich weiß nicht, ob ich das heute wieder kann: Verantwortung für die Familie übernehmen, gut für alle da sein... Oder an der Pinnwand im Lehrerzimmer: Gott, eigentlich ist diese Aufgabe zu schwer, allen Schülerinnen und Schülern gerecht zu werden… Einen ähnlichen Stoßseufzer können wohl viele morgens in den Himmel schicken – egal ob sie als Busfahrerin arbeiten oder einen Angehörigen pflegen.

Ich jedenfalls bin froh, dass dieses Gebet seit vielen hundert Jahren Pfarrerinnen und Pfarrer in den Gottesdienst begleitet. Weil es mir zeigt, dass ich nicht die Einzige bin, die sich manchmal ungeeignet oder überfordert fühlt. Vor allem aber, weil das Gebet mit diesem Stoßseufzer nicht endet, sondern weitergeht:

Ich bin dieser Aufgabe nicht würdig, sagt Luther. Aber, fährt er fort, du, Gott, hast sie mir ja anvertraut, und die Menschen brauchen mich. Und so bittet er Gott: Sei du mein Helfer und lasse deine heiligen Engel bei mir sein.

Martin Luther war tatsächlich davon überzeugt, dass Gott uns unsere besonderen Aufgaben anvertraut hat – und dass sie alle gleich wichtig sind! Ob wir einen Bus lenken, Kinder unterrichten, im Haushalt oder in der Kirche arbeiten...

Ich finde: Im Kern ist sein Sakristeigebet deshalb ein gutes Morgengebet für alle, die täglich Verantwortung übernehmen. Vielleicht so: Das ist viel für mich, heute, Gott. Ich weiß nicht, ob ich es kann. Aber es muss ja getan werden – und du traust es mir zu. Deshalb hilf mir dabei. Amen.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

11MRZ2024
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Wundervoll und Glücklich – das sind zwei Jungs aus meiner dritten Klasse. Also, sie heißen so: Marvellous und Lucky – auf Deutsch: wundervoll und glücklich.

Was für schöne Namen! So wie auch Favour – Gunst oder Praise – Lob. Eltern aus afrikanischen Ländern geben ihren Kindern oft solche positiven Namen. Namen, die sofort zeigen: Ein Kind, ja genau dieses Kind, ist ein Glück, ein Geschenk. Ein Grund dankbar zu sein – und Gott zu loben.

Mir gefällt das. Bei uns, habe ich den Eindruck, neigt man dazu, eher die Probleme zu sehen, die Familien haben. Und die gibt es ja: Kinder kosten Zeit und Geld, sie stellen das Leben auf den Kopf – und es gibt in einem durchgeplanten Lebenslauf selten den wirklich guten Zeitpunkt fürs Kinderkriegen. Kinder sind nicht immer gesund, zufrieden und glücklich – und Kinder machen auch nicht unbedingt glücklich, dazu sind sie auch nicht da.

Das gilt natürlich auch für Kinder, die Joy und Grace, Freude und Gnade, heißen. Auch deren Eltern wissen das – und sie haben manchmal sogar mehr Probleme zu bewältigen als andere Familien. Vielleicht wählen sie gerade deshalb so positive Namen für ihre Kinder und drücken so aus: Wir wissen nicht, was kommt, wir können auch nicht voraussehen, was aus unserem Kind einmal werden wird. Aber jetzt freuen wir uns – und empfinden es als Gnade von Gott, dass dieses Kind zur Welt gekommen ist.

Jedes neugeborene Kind bringt die Botschaft, dass Gott sein Vertrauen in den Menschen noch nicht verloren hat. So hat es der Dichter Tagore gesagt. Und ich glaube, dass er recht hat: Mit jedem Kind wird die Hoffnung neu geboren, dass sich auf der Welt etwas zum Besseren wenden kann.

Deshalb ist es auch so wichtig, die Sorgen ernst zu nehmen und Familien zu unterstützen. Wie gut, dass viele das tun – als Opa oder Nachbarin, als ehrenamtliche Kinderturnleiterin oder als Lernpate. Entscheidend ist es aber auch, dass wir als ganze Gesellschaft dafür sorgen, dass alle Kinder gute Chancen bekommen – und die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer wirklich anerkennen.

Denn: Jedes Kind schenkt neue Hoffnung – und ist ein Glück. Das zeigen Lucky und Marvellous mit ihren Namen. Und übrigens auch Benjamin – das heißt Glückskind – oder Johanna – Gott ist gnädig. Vielleicht ja auch Sie, mit Ihrem Namen?

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