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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

01AUG2026
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Ich liebe Wasser. Egal, ob jetzt im Sommer am Badesee oder einfach zuhause unter der Dusche. Wenn ich ins Wasser eintauche, fühle ich mich wohlig und leicht – und für eine kurze Zeit weitab vom Alltagsstress. Auch das Gefühl danach mag ich gerne. Alles fühlt sich wunderbar frisch und sauber an. Fast wie neu geboren.

Ins Wasser einzutauchen oder den Körper zu reinigen, das spielt auch in vielen Religionen eine Rolle. Musliminnen und Muslime zum Beispiel waschen sich, bevor sie beten. Die äußere Sauberkeit ist für sie ein Zeichen für die innere Reinheit. Und so, rein, wollen sie vor Gott treten. Ich kann mir vorstellen: Es hilft, den Alltag zu unterbrechen. Und sich gleichzeitig bewusst zu machen: Es gibt auch in meinem Leben Ecken, in denen ich mal wieder saubermachen sollte.

Aber auch im christlichen Glauben kommt Wasser vor – und die Idee, dadurch rein zu werden: Nämlich bei der Taufe. Bei den ersten Christen wurde man bei der Taufe ganz im Wasser untergetaucht – auch heute gibt es das noch. Man taucht unter, um dann frisch und rein wieder aufzutauchen – und in ein sauberes weißes Gewand zu schlüpfen.

Auch bei der Taufe geht es also darum, dass man sich reinigt. Allerdings ist der Gedanke anders als beim Waschen vor dem Gebet: Nicht ich wasche mich, um vor Gott rein zu sein. Sondern Gott wäscht alles weg, mit dem ich anderen und mir selbst das Leben schwer mache. Er vergibt mir meine Schuld, damit ich neu und anders wieder anfangen kann. Der Apostel Paulus sagt sogar: Wer aus dem Taufwasser auftaucht, ist wie neu geboren.

Das Zeichen der Taufe mit Wasser – mir leuchtet das ein. Getauft wird man nur einmal – bei mir ist das schon sehr lange her. Aber es gilt fürs ganze Leben. Und es tut mir gut, mich immer wieder daran zu erinnern, was das heißt: Ich bin getauft. Und dem nachzuspüren, auch ganz körperlich: Wenn ich mich nach ein paar Schwimmzügen im See leicht und erfrischt fühle. Oder unter dem dampfenden Duschwasser vieles an mir abperlt, was mich vorher belastet hat. Dann kehrt eine innere Ruhe ein. Ich fühle mich belebt, frisch und sauber. So kann ich anders in den Tag gehen. Fast wie neu geboren.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

30JUL2026
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Einkehren, das mag ich. Jetzt in den Sommerferien sowieso. Beim Wandern Pause machen, in die Sonne blinzeln, die Beine strecken und ein kühles Radler trinken. Dazu vielleicht ein nettes Gespräch mit Leuten, die ich vorher gar nicht kannte. Das tut gut!

Eigentlich ist das ganze Leben nicht mehr als eine kurze Einkehr im Gasthaus. So hat es zumindest Martin Luther gesehen. In seinen Tischreden soll er es mal so gesagt haben: Wir sind in dieser Welt eilige Gäste. Wir sind hier bloß wie in einem Wirtshaus, wo man ein Glas Bier trinkt und dann wieder weiterwandert.

Das Leben – nicht mehr als ein Glas Bier in der Kneipe. Das ist krass. Aber irgendwie gefällt mir der Gedanke auch. So Wirtshaus, das kann ja ein guter Ort sein. Man könnte schlimmere Bilder fürs Leben finden als Luther an der Stelle.

Und ja, es leuchtet mir ein: Das Leben ist wie eine Reise. Selbst wenn man immer am gleichen Ort bleibt. Vieles verändert sich auf dem Weg. Allein schon, weil ich älter werde, weil andere Menschen in mein Leben kommen und gehen – eben wie in einem Wirtshaus.

Und irgendwann gehe auch ich wieder. Für Luther war dieser Gedanke ganz selbstverständlich. Und auch nicht erschreckend. Im Gegenteil. Sein Satz vom Wirtshaus geht nämlich noch weiter: Wir sind in dieser Welt eilige Gäste, sagt Luther. Wir sind hier bloß wie in einem Wirtshaus, wo man ein Glas Bier trinkt und dann wieder weiterwandert. Heimwärts!

Wir schauen in dieser Welt nur kurz auf ein Bier vorbei – um am Ende wieder nach Hause zu gehen. Und da zu bleiben. Bei Gott.

Mit dieser Perspektive lässt es sich aushalten, dass das Leben kurz ist wie ein Abend in der Kneipe. Und man kann über das Bild auch ruhig ein bisschen schmunzeln.

Mir tut das gerade gut. Im Herbst ziehen wir nämlich um. Neue Wohnung – und für mich auch ein Neustart im Beruf. Das ist spannend und ich freue mich – aber es heißt auch: Abschied nehmen von vielen Menschen und Aufgaben, die mir ans Herz gewachsen sind. Weiterziehen. Das ist gar nicht so einfach. Und ich spüre viel stärker als sonst: Leben ist Veränderung. Kaum schaut man sich um, ist wieder ein Lebensabschnitt vorbei.

Wir sind in dieser Welt eilige Gäste, sagt Luther. Wir sind hier bloß wie in einem Wirtshaus, wo man ein Glas Bier trinkt und dann wieder weiterwandert. Heimwärts!

Sagt Luther. Ich jedenfalls hoffe, dass ich auch die nächsten Jahre wieder einen guten Platz und eine gute Tischgesellschaft habe an meinem neuen Tisch im Wirtshaus des Lebens. Und dass es ab und an ein erfrischendes Getränk gibt.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

29JUL2026
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Wenn sie vorne stehen und alle Kinder ein Segenslied für sie singen, wird die eine oder andere Träne fließen – bei den Viertklässlern, die wir nachher im Schulgottesdienst verabschieden. Heute beginnen die Sommerferien, und es ist ihr letzter Schultag an der Grundschule. Der Abschied ist ein bisschen traurig. Und ziemlich aufregend.

Nach den Ferien geht es für sie an unterschiedlichen Schulen weiter. Für viele der Kinder haben in diesem Schuljahr deshalb die Noten eine große Rolle gespielt. Für manche ging es darum, ob sie auf die Schule gehen können, die sie sich gewünscht haben – oder eben nicht. Manche sind stolz auf ihre Leistungen. Andere sind enttäuscht. Die Zeugnisse, die heute ausgegeben werden, scheinen schwarz auf weiß zu zeigen, was jemand kann – und was nicht.

In der Bibel gibt es eine Geschichte, die zeigt: Was auf den ersten Blick zu sehen ist, täuscht oft. Der Prophet Samuel soll einen neuen König auswählen. Er schaut sich die Söhne Isais an. Da steht einer größer und stärker da als der andere. Samuel denkt: Der Größte und Stärkste muss es sein. Aber Gott sagt zu ihm: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“  (1. Samuel 16,7). Am Ende wird David ausgewählt. Nicht der Größte, nicht der Erfolgreichste, nicht der Eindrucksvollste. David ist damals noch ein Hirtenjunge. Übersehen von vielen. Aber Gott sieht mehr in ihm. Er sieht sein Herz. Er sieht, was wirklich in ihm steckt.

Das ist eine gute Botschaft für den Zeugnistag: Ja, Noten sagen etwas aus über eine Begabung in einem Fach, über Fleiß und Anstrengungsbereitschaft. Aber keine Note kann messen, wie gut jemand seinen Freund tröstet. Keine Klassenarbeit bewertet Hilfsbereitschaft oder Mut. Aus Zeugnisnoten kann man auch nicht erkennen, wer Humor hat oder wer es geschafft hat, nach Misserfolgen weiterzumachen.

Und außerdem: Ein Zeugnis ist immer nur eine Momentaufnahme! Wer weiß, auf welchen Wegen die Kinder ihre Begabungen neu entdecken werden – und was sie noch alles schaffen können.

Im Schulgottesdienst heute geben wir den Viertklässlerinnen und allen anderen Kindern Gottes Segen für die Ferien mit. Und die Botschaft: Gott schaut tiefer. Für ihn ist kein Kind eine Eins, eine Drei oder eine Fünf. Gott sieht genau dich, Tom, dich, Elif, dich, Malou, und sieht, dass du einmalig bist. Er sieht die Möglichkeiten, die noch wachsen. Und eine Würde, die niemand dir nehmen kann.

Deshalb wünsche ich allen Schülerinnen und Schülern auf dem Weg in die Sommerferien: Vergesst nicht: Ihr seid mehr als eure Noten. Oder wie Gott es dem Propheten Samuel gesagt hat: Der Mensch sieht, was vor Augen ist – Gott aber sieht das Herz.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

28JUL2026
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Die Wohnküche ist hell und aufgeräumt, das Baby liegt friedlich glucksend in seinem Körbchen. Trotzdem ist die Stimmung bei der jungen Familie gedrückt. „Es fällt mir schwer, an Gott zu glauben.“ Das sagt der junge Vater beim Taufgespräch zu mir. Er hat im Leben schon Schweres erlebt. Und zweifelt seither, ob es Gott gibt. Oder ob er sich für die Menschen interessiert.

Nun hat auch seine kleine Tochter einen harten Start ins Leben. „In den letzten Wochen“, hat mir der Papa erzählt, „habe ich mich trotz aller Zweifel manchmal dabei erwischt, dass ich gebetet habe: ,Bitte, Gott, lass alles gut werden.‘“

Seine Bitte ist nicht so erhört worden, wie er es sich gewünscht hat. Denn inzwischen ist klar: Die Kleine wird sich nicht entwickeln wie andere Kinder. Wie ihr Leben verlaufen wird, ist unklar. Die Ärztinnen und Ärzte können es nicht voraussagen. Für die jungen Eltern ist damit eine Welt zusammengebrochen. Die Zukunft macht ihnen Angst. Was ist mit Gott, fragen sie sich. Warum mutet er uns das zu?

Ich kann ihnen nur erzählen, wie ich mich selbst manchmal einfach nur an der Hoffnung festhalte: Dass Gott trotzdem da ist. Immer. Weil Jesus immer genau da hingegangen ist, wo das Leben weh tut. Wo Menschen am Ende sind.

Wie gut, denke ich, dass die Eltern gerade jetzt den Taufgottesdienst vorbereiten für ihr kleines Mädchen, trotz aller Sorgen und Zweifel. Und dass zur Taufe Paten und Freunde und Verwandte kommen und mit ihnen feiern.

In der Taufe bekommt die Kleine die Zusage von Gott: Wie immer dein Leben verlaufen wird, du bist mein geliebtes Kind. Und: Mit der Taufe wird sie in die Gemeinde aufgenommen, Teil einer Gemeinschaft. Für die junge Familie es gut zu spüren: Wir sind nicht allein mit unseren Sorgen. Da gibt es Menschen, die mit uns unterwegs sind – in der Familie und auch darüber hinaus.

Dass der Papa an Gott zweifelt, vielleicht sogar verzweifelt, das kann ich verstehen. Nein, es wird nicht alles „einfach gut“ werden mit seiner Tochter – obwohl er dafür gebetet hat. Es wird vieles anders und manches schwerer sein als bei anderen Kindern. Aber vielleicht, das hoffe ich, kann auch er als Papa im Taufgottesdienst etwas davon spüren, dass Gott trotz allem da ist. Und mitträgt – gerade, wenn man am Ende ist und eine Welt zusammenbricht.

Die Worte von Jesus, die zu jeder Taufe gehören, werde ich in diesem Gottesdienst jedenfalls noch einmal anders hören als sonst: Siehe, sagt Jesus, ich bin bei euch alle Tage – bis an der Welt Ende.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

27JUL2026
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Wenn ich aus unserem Küchenfenster schaue, sehe ich Obstbäume, dahinter frisch abgeerntete Kornfelder und: eine Kuhweide. Wenn ich Glück habe, kann ich beobachten, wenn die Tiere aus dem Stall auf die Weide kommen. Dann sehe ich manchmal den großen, schweren Milchkühen dabei zu, wie sie, kaum sind sie draußen, ausgelassen über das Grün springen. So viel Beweglichkeit traut man ihnen gar nicht zu.

Ich sehe den Kühen zu und werde nachdenklich. Die Kuhweide gibt es nämlich noch nicht lange. Früher waren die Kühe – wie fast alle Nutztiere bei uns – immer im Stall. Und an vielen Orten sind die Ställe immer größer geworden. Immer mehr Milch und Fleisch, immer mehr Eier werden produziert und gegessen. Die Frage ist: Wie soll das weiter gehen – ohne Quälerei und Leid für die Tiere?

Wir Menschen tragen Verantwortung für die Tiere – das ist schon in der Bibel eindeutig festgehalten: Ein gerechter Mensch sorgt für das Wohl seiner Tiere, stellt das Buch der Sprüche klar. Sie einfach bloß kaltherzig auszunutzen, das tun nur die Frevler.

Vielen Landwirten ist das Wohl ihrer Tiere wichtig. Die Kuhweide vor meinem Fenster zeigt das: Der Biobetrieb hat umgestellt, so dass die Kühe jetzt draußen grasen können. Das war mit Mühe und Investitionen verbunden. Und auch die Tiere, die nur den Stall kannten, mussten erst einmal lernen, dass man Gras, das am Boden wächst, tatsächlich fressen kann. Inzwischen aber freut sich die Landwirtsfamilie mit den Kühen über die neue Bewegungsfreiheit.

Der Biobetrieb kann so wirtschaften – auch, weil Menschen bereit sind, für Biomilch einen höheren Preis zu zahlen. Und ich denke, das müsste jetzt weiter gehen. Dass wir gemeinsam nach Wegen suchen, damit die Preise für unsere Lebensmittel gerechter werden. Und sich alle leisten können einzukaufen – ohne Quälerei für die Tiere oder Schäden an der Natur. An dem Thema sollten wir gemeinsam dranbleiben – in der Landwirtschaft, in der Politik. Oder auch ich  bei mir selbst, wenn ich mit meinem Einkaufszettel in der Hand überlege, was ich einkaufen soll.

Ein gerechter Mensch sorgt für das Wohl seiner Tiere, heißt es in der Bibel. Wenn ich Milch, Eier oder Fleisch kaufe, dann schaue ich zumindest nach der Haltungsform und sehe daran, ob die Tiere wenigstens einigermaßen faire Lebensbedingungen hatten.

Gott, du hilfst Menschen und Tieren, heißt es in Psalm 36. Und wir sollten unseren Teil dazu beitragen. Wenn ich die Kühe sehe, die sich vor unserem Küchenfenster an ihrem Auslauf freuen, denke ich: Das ist nur fair.

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SWR Kultur Lied zum Feiertag/Zum Feiertag

14MAI2026
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„Was steht ihr da und seht in den Himmel?“ Das müssen sich die Jünger Jesu am Himmelfahrtstag fragen lassen. In der Apostelgeschichte wird erzählt, wie Jesus auf einer Wolke verschwindet. Ratlos und fassungslos blicken die Jünger ihm hinterher. Noch einmal müssen sie ihr Verhältnis zu Jesus völlig neu justieren. Dabei hatten sie sich gerade erst an die Begegnungen mit dem Auferstandenen gewöhnt. Aber auch diese Zeit ist nun unwiederbringlich vorbei. Was sollen sie jetzt tun? Was dürfen sie hoffen?

Eins wird ihnen gleich unmissverständlich klargemacht: Sich an Jesus zu orientieren, heißt nicht, die Wolken zu betrachten. Der Himmel, in den Jesus zurückkehrt, das Himmelreich, das er verheißen hat, das ist kein Ort, sondern eine Art zu leben.

Joan Baez Strophe 1

Den Himmel im Blick zu haben, bedeutet Hoffnung! Hoffnung auf Gottes neue Welt. In einem Lied, das eine erstaunliche Geschichte hat, wird diese Haltung für mich hörbar und spürbar: We shall overcome

Joan Baez, Strophe 1

Wir werden alles überwinden, eines Tages. Gott wird uns hindurchhelfen, eines Tages. Ja, tief in meinem Herzen glaube ich fest, dass wir eines Tages alles überwinden werden…

Ein Lied, das von einer tiefen christlichen Hoffnung auf Erlösung geprägt ist. Und gleichzeitig ein Lied, das im 20. Jahrhundert ein Schlüsselsong des politischen Protests weltweit geworden ist.

Das Lied, wie wir es heute kennen, hat weitverzweigte Wurzeln. Die Melodie lehnt sich an eine sizilianische Volksweise an: O Sanctissima – ein Marienlied. Europäische Auswanderer brachten es in die USA. In Deutschland wurde die sizilianische Melodie durch ein anderes Lied berühmt:

O du fröhliche, Violine und Orgel

Ja, genau: O du fröhliche! – wenn man es weiß, kann man die Ähnlichkeit der Tonfolge in We shall overcome sogar heraushören…

In den USA hörten afro-amerikanische Sklaven die Melodie von O Sanctissima von ihren Unterdrückern. Sie nahmen sie auf, wandelten sie ab – und hatten dazu bald ihren eigenen Text:

No more auction block for me – sangen diejenigen, die misshandelt und wie Vieh gekauft und verkauft wurden: Ich werde nie mehr auf dem Block stehen müssen und mich bei einer Sklavenauktion zur Schau stellen lassen.

No more driver’s lash for me – keine Peitsche mehr für mich. Konkreter kann man die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht ausdrücken.

Charlie Haden, Klavier

Um 1900 schrieb der Methodistenpfarrer Charles Albert Tindley, selbst Sohn eines Sklaven, schließlich den Gospelsong I will overcome some day – ich werde überwinden. Das Lied handelt vom inneren Kampf jedes Christen gegen die Macht des Bösen in der Welt.

Sein Text war sicher einigen der Arbeiterinnen bekannt, die im Winter 1945 in South Carolina die Arbeit niederlegten. Ein fünf Monate andauernder Arbeitskampf für bessere Löhne gegen die American Tobacco Company begann. Überwiegend schwarze Frauen streikten dort, aber es gab auch große Solidarität von weißen Amerikanern. Um der Kälte zu trotzen, wurde gesungen – und die Streikenden, die aus unterschiedlichen Traditionen kamen, mischten No more auction block mit der Melodie von O Sanctissima und Textelementen von I will overcome zu einem kraftvollen Streiklied: We shall overcome!

Es würde zur wichtigsten Hymne der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung – hier gleich zu hören in einer Live-Aufnahme von Pete Seeger aus dem Jahr 1963, in der er zur Solidarität mit den Demonstrierenden in den Südstaaten aufruft – denn auch zwanzig Jahre später konnte von Gleichberechtigung zwischen Schwarzen und Weißen noch keine Rede sein …

Pete Seeger

Es braucht Menschen, die etwas tun – dann wird dieses Lied wahr, sagt Pete Seeger. Dann werden wir Hand in Hand gehen.

Überall wurde von da an mit diesem Lied für eine gerechtere Welt gestritten: Bei Demonstrationen gegen die Apartheid in Südafrika wurde es gesungen – und auch von der Unabhängigkeitsbewegung in Bangladesch. In den achtziger Jahren ging man in Westdeutschland damit gegen das atomare Wettrüsten auf die Straße – und in der DDR gegen das SED-Regime.

Manche haben das Lied bewusst als Christinnen und Christen gesungen – andere die Sehnsucht, die in seinen Zeilen steckt, für sich übernommen. Und die Hoffnung auf das Himmelreich, die das Lied ursprünglich in sich trägt, hat allen Mut gemacht. Die Geschichte von We shall overcome zeigt: Die christliche Hoffnung auf den Himmel muss keine Vertröstung aufs Jenseits sein. Sie ist eine Kraft, die das Hier und Heute verändern kann. Eine Kraft, die fast physisch spürbar wird, wenn Louis Amstrong davon singt….

Louis Armstrong

Wir haben keine Angst – heute.
Ja, ich glaube: Wer darauf vertraut, dass eine Zukunft in Frieden und in Gerechtigkeit möglich ist, ja eines Tages bestimmt kommen wird, verliert die Angst. Erst recht, weil diese Verheißung über das eigene Leben hinausweist.

Auch wenn ich nicht mehr unter euch lebe, das ist die Botschaft von Jesus am Himmelfahrtstag, auch dann wird sich das Himmelreich weiter ausbreiten. Und ihr werdet Teil davon sein. Im Leben und im Tod.

Das feiern wir heute: Ja, tief in meinem Herzen glaube ich fest, dass wir eines Tages alles überwinden werden…

Louis Armstrong

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

26APR2026
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Ein Tag zum Jubeln ist heute. Sagt zumindest der Kalender der Kirche. Jubilate! So heißt der Sonntag heute. Jubilate! Das ist eine Aufforderung: Jubelt!

Reading Phoenix Choir (Album Brother Roger of Taizé)

Wenn ich in diesen Tagen das Fenster aufmache oder draußen unterwegs bin, dann fühle ich das: Die zartrosa Blütenpracht an den Apfelbäumen, der Frühlingsduft in der Luft, die Sonnenstrahlen, die mich wärmen. Und wenn das nicht reicht, dann machen die Vögel es mir vor mit ihrem Frühlingskonzert: Jubilate Deo – jauchzt dem Herrn!

Reading Phoenix Choir (Album Brother Roger of Taizé)

Jubilate Deo omnis terra: Beschwingt klingt das mit dieser Melodie aus der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, zart und leichtfüßig.
Der Text stammt aus Psalm 100: Jauchzt dem Herrn alle Welt, heißt es da. Die ganze Welt soll sich also anstecken lassen von diesem Jubel. Die Natur macht es uns vor. Und wir Menschen? Stimmen wir ein – oder ist das zu viel verlangt? Trotzdem, ich stelle mir vor: Was wäre, wenn alle sich anstecken ließen von diesem Jubel? Sähe unsere Welt dann anders aus?
In der nächsten Zeile heißt es: Servite Domino in laetitia – dient dem Herrn mit Freuden! Gott dienen – also, so leben, dass es meinen Mitmenschen und damit auch Gott dient – das klingt anspruchsvoll. Nicht so leichtfüßig jedenfalls.

Reading Phoenix Choir (Album Brother Roger of Taizé)

Aber vielleicht muss man den Vers anders betonen. Dient dem Herrn mit Freuden! Also: Sucht erst die Freude. Lasst euch anstecken. Und dient dann mit ihr und durch sie Gott und den Menschen!

Reading Phoenix Choir (Album Brother Roger of Taizé)

Dient dem Herrn mit Freuden! Ich darf, ich soll also die Freude suchen – und zwar da, wo ich sie für mich finde. Vielleicht in der Natur. Oder: in der Musik. Bei anderen Menschen, mit denen ich gerne zusammen bin. Oder wenn ich etwas tue, was ich gut kann, wenn ich meine Begabungen einbringen und zeigen kann. Das macht mich froh – und gibt mir die Energie, die ich brauche, für andere da zu sein – auch in schwierigen Situationen. Und Dinge zum Guten zu verändern – auch da, wo das nicht so leichfüßig geht und nicht so viel Spaß macht. Also die Kraft den Menschen zu dienen – und damit auch Gott nahe zu sein.

Jubilate, Servite (Album Taizé, Jubilate)

Jubilate Deo – den wichtigsten Grund für den Jubel erwähnt der Psalm 100 aber erst im nächsten Vers: Er, Gott, heißt es da, hat uns gemacht und nicht wir selbst, zu seinem Volk, und zu Schafen seiner Weide. Das heißt: Es liegt nicht an uns. Gott ist immer schon für uns da und sorgt für uns. Noch bevor wir auch nur ans Dienen denken. Seine Liebe müssen wir uns nicht erarbeiten. Was für eine Entlastung! Und ein Grund, leichtfüßig und fröhlich einzustimmen in das Lob der ganzen Schöpfung: Jubilate Deo ommis terra.

Jubilate, Servite (Album Taizé, Jubilate)

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

25APR2026
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Die kleinen Birkenbäumchen vor der Kirche sind schon aufgestellt und mit bunten Bändern dekoriert: Morgen feiern wir Konfirmation. Sechs Jugendliche werden in unserer kleinen Dorfkirche konfirmiert – und sind schon richtig aufgeregt.

Die Bäumchen vor der Kirche – die gab es auch schon, als ihre Großeltern konfirmiert wurden. Vieles andere hat sich seither verändert. Umso bemerkenswerter finde ich den Schritt der jungen Leute morgen. Dass sie sich in die Kirche stellen und öffentlich Ja sagen: Ja zu ihrer Taufe, ja zum christlichen Glauben. Denn: Zur Kirche zu gehören, ist ja heute alles andere als selbstverständlich. Und überhaupt: zur eigenen Überzeugung zu stehen, die eigene Meinung zu sagen, das ist oft nicht einfach. Besonders, wenn ich weiß: Andere sehen das ganz anders!

Natürlich geht es bei der Konfirmation nicht nur um ein Bekenntnis. Die Konfirmation ist auch einfach ein schönes Fest. In einem Alter, in dem vieles kompliziert ist, tut es gut, in der Kirche einen Segen zu bekommen und von der Familie gefeiert zu werden. Und klar: Die Jungen und Mädchen, die morgen bei uns und an anderen Orten konfirmiert werden, sind auch nicht von allem restlos überzeugt. Sie finden manches in der Bibel und im Glauben unverständlich. Oder sehen es anders.

Aber ich finde, das ist in Ordnung. Ich hatte bei meiner Konfirmation auch jede Menge Fragen. Viele sind geblieben. Und ich ahne: Manche werden nie beantwortet.  Fragen und Zweifel gehören zum Christsein und zum Glauben dazu.

Trotzdem: In der Konfizeit haben sich die Jugendlichen mit dem christlichen Glauben auseinandergesetzt – und ihren eigenen Standpunkt dazu gefunden. Und morgen, im Konfirmationsgottesdienst, stehen sie dazu. Das ist ziemlich aufregend. Aber diese Erfahrung kann helfen, auch dann zur eigenen Überzeugung zu stehen, wenn es unbequem wird:

Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Diese Ermutigung bekommt der Apostel Paulus von Gott. Manchmal suchen sich Jugendliche das sogar als Konfirmationsspruch aus, der sie durchs Leben begleitet

Ich finde das wichtig. Denn nur wer eine eigene Überzeugung hat und gelernt hat, zu ihr zu stehen, kann auch wirklich ins Gespräch kommen mit Menschen, die es anders sehen, und mit ihnen auf Augenhöhe diskutieren. Und das ist heute wichtiger denn je – egal, ob es um Religion geht oder auch um politische oder persönliche Entscheidungen.

Zur eigenen Überzeugung zu stehen – das braucht Kraft. Ich wünsche allen Konfirmandinnen und Konfirmanden, dass diese Kraft in ihnen wächst. Dass sie spüren: Ich darf ich sein – und zu meiner Meinung stehen. Obwohl – oder gerade weil – ich auch diejenigen respektiere, die es anders sehen.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

23APR2026
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Schleifspuren – so nennt ein Freund von mir die kleineren und größeren Narben, die wir im Laufe des Lebens ansammeln. Ich finde das ziemlich anschaulich.

Ja, das Leben hinterlässt Schleifspuren. Man stürzt, wird an die Wand gedrückt, gerät in die Enge – im wörtlichen und auch übertragenen Sinne: Eine schwere Krankheit. Ein Streit, dem keine Versöhnung folgt. Der Abschied von einem Menschen, der jetzt fehlt: solche Erfahrungen hinterlassen Spuren – am Körper und an der Seele. Manches schmerzt wie eine offene Wunde. Anderes ist verheilt und fast vergessen. Aber es bleiben Narben. Schleifspuren eben.

Über Wunden – das steht in dicken Großbuchstaben auf einer Postkarte, die ich neulich in den Händen hatte. Die Karte ist so gemacht, dass man das auf zwei Arten lesen kann. Entweder als zwei Worte: „Über Wunden“ – dann erinnert es mich an die Verletzungen und Schleifspuren, die das Leben hinterlässt.

Oder ich lese „überwunden“ – und denke daran, wie ich Schwierigkeiten bewältigt habe, wie ich über einen Schmerz hinweggekommen bin.

Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass auf der Postkarte in kleineren Buchstaben ein ganzer Text steht: In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Ein Vers aus der Bibel. Im Johannesevangelium sagt Jesus das zu seinen Freunden.

Mir hat die Postkarte geholfen, den Bibelvers noch einmal neu zu verstehen:

Als Christin hoffe ich darauf, dass das Böse in der Welt nicht das letzte Wort hat. Also, wie es der Bibelvers sagt: Dass Jesus die Welt überwunden hat.

Aber das heißt eben nicht, dass die Wunden, die Schleifspuren, die das Leben hinterlässt, einfach verschwinden..

So war das ja nicht einmal bei Jesus selbst. Auch Jesus, so erzählt die Bibel, trägt seine Wunden mit sich. Er wurde gekreuzigt. An Ostern ist er auferstanden – aber: als er seinen Freunden danach noch einmal begegnet, zeigt er ihnen die Wunden an seinem Körper. Sie sind nicht verschwunden. Sie sind noch da. Auch nach Ostern.

Jesus hat das Böse und den Tod schon überwunden. Und eines Tages wird die Welt eine andere sein. Das ist die christliche Botschaft von Ostern. Dann wird die Angst aufhören. Und sogar der Tod.

Aber: Der Weg von Jesus führt „über Wunden“. Und unserer leider oft auch. Es bleiben Schleifspuren. Gut, wenn wir die voreinander nicht verstecken, sondern zeigen, dass wir verletzlich sind. So wie Jesus es seinen Freunden gezeigt hat. Und ihnen trotzdem Mut gemacht:

In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost: Ich habe die Welt überwunden.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

22APR2026
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In unserer Küche herrscht oft Chaos. Jeder geht rein, macht irgendetwas, lässt am Ende alles stehen und rennt weg, weil vermeintlich wichtigere Dinge zu tun sind. Ich leider auch. Erst wenn es zu schlimm wird, erbarmt sich jemand und räumt auf.

Wenn ich aufräume, denke ich jedes Mal: Warum habe ich mich nicht früher aufgerafft?  In kurzer Zeit verbessert sich viel. Und am Ende bin ich zufrieden, weil ich mich in der Küche wohlfühle und wieder gerne an den Küchentisch sitze.

Putzen, Saubermachen, Aufräumen – wie wichtig das ist, sieht man nicht nur Zuhause: Was wäre, wenn in der Kita abends nicht geputzt würde? Wenn im Krankenhaus der Dreck liegen bliebe?

Wirklich anerkannt ist dieser wichtige Job aber nicht. Dass Gebäudereiniger ein Ausbildungsberuf ist, wissen nur wenige. Und wenn Männer oder Frauen sich vor allem um den Haushalt kümmern, statt berufstätig zu sein, stoßen sie oft auf Unverständnis.

Dabei ist eigentlich klar: Wenn es irgendwo aufgeräumt und sauber ist, schön aussieht und gut riecht, dann fühlen sich alle wohler. Ich letztlich auch – obwohl ich sicher keine Sauberkeitsfanatikerin bin. Deshalb habe ich großen Respekt vor allen, die das Saubermachen und Ordnunghalten übernehmen. Und ich verstehe nicht, dass diese Aufgabe so wenig wertgeschätzt wird. Mir hilft die Arbeit von Putzkräften auf jeden Fall mehr als die von – sagen wir mal – Influencern.

Der Reformator Martin Luther hat sich vor 500 Jahren tatsächlich auch schon Gedanken über dieses Thema gemacht. Auch damals hatten manche Berufe ein höheres Ansehen als andere. Oder auch die Lebensweise: Als Mönch oder Nonne im Kloster zu leben galt als „besser“, sich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern oder einfach nur zu putzen war weniger angesehen.

Luther hat das kritisiert. Er war überzeugt: Gott will, dass wir uns um das Naheliegende kümmern – um die Aufgaben und die Menschen, die uns anvertraut sind. Und: vor Gott ist jede Arbeit gleich wichtig und wertvoll. Daher kommt’s, schreibt Luther, dass eine rechtschaffene Magd, wenn sie nach ihrem Auftrag hingeht und nach ihrem Beruf den Hof kehrt oder Mist hinaus bringt […] auf der richtigen Straße stracks auf den Himmel zugeht.

Was für ein Lob! Damit meint Luther natürlich nicht, dass wir uns in den Himmel putzen können. Oder sollten.

Aber ich finde: Für das Lebensgefühl macht es schon einen himmelweiten Unterschied, wenn alles wieder aufgeräumt und sauber ist. Und wer immer dafür sorgt, verdient auf jeden Fall Respekt.

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