Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

04OKT2020
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So weiß ich, vor Bewunderung voll, nicht, wie ich dich erheben soll, mein Gott, mein Herr, mein Vater!

Ich kenne solche Momente. Das Staunen und die Dankbarkeit, die das Lied beschreibt: Als ich im Sommer beim Wandern in den Bergen oben auf der Passhöhe stand und zu beiden Seiten ins Tal geschaut habe. Oder als ich in neulich diesen perfekten Apfel an unserem Apfelbaum gesehen habe – strahlend rot und rund und glänzend. Ich weiß: Man muss darin nicht unbedingt einen Hinweis auf Gott sehen. Aber das Gefühl, überwältigt zu sein von Größe und Schönheit – das kennen wohl viele. Christian Fürchtegott Gellert, der das Lied „Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht“ 1757 gedichtet hat, ist als Professor und Moralphilosoph der Aufklärung der frommen Schwärmerei eher unverdächtig. Doch bei der Betrachtung der Schöpfung geriet auch er ganz und gar in Begeisterung.

Musik

Das Erntedankfest, das heute in den Kirchen gefeiert wird, ist auch ein Ausdruck dessen, was das Lied beschreibt: Das Gefühl, dass die Natur, die uns umgibt und von der wir leben, keine Selbstverständlichkeit ist. Sondern ein Grund zur Dankbarkeit. Und ein Wunder Gottes für den, der es sehen kann – und hören: Mich, ruft der Baum in seiner Pracht, mich, ruft die Saat, hat Gott gemacht – so drückt es Gellert in seinen Versen aus. Ganz im Sinne der Aufklärung lobt er auch den Menschen und seine Fähigkeiten überschwänglich:

Musik

Der Mensch, der Schöpfung Ruhm und Preis? Wenn ich daran denke, was Menschen immer wieder einander und vor allem der übrigen Schöpfung antun, fällt es mir schwer, diese Zeile fröhlich mitzusingen.

Aber vielleicht kann ich die Worte aus einer anderen Zeit auch als Ermutigung sehen, die guten Möglichkeiten in jedem Menschen zu erkennen. Ob als Landwirte, die das Land so bearbeiten, dass es fruchtbar wird und bleibt. Oder als Lehrerinnen und Lehrer, die – im Moment unter schwierigen Bedingungen – Kindern nicht nur Wissen vermitteln, sondern ihnen auch Vorbilder und Begleiter sind. Manchmal liegt das Wunder auch gar nicht in dem, was Menschen tun. Sondern einfach darin, dass es sie gibt: Das neugeborene Baby. Oder der gute Freund.

Ja, auch über Menschen kann ich mich freuen und staunen – heute am Erntedankfest. Gott sei Dank.

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