Manuskripte

SWR3 Gedanken

26JUL2020
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Ich höre den Baum, bevor ich ihn sehe. Die Linde steht mitten im Wohnviertel an der Straße. Sie blüht. Und duftet. Und brummt. Das heißt – nicht die Linde brummt, sondern die unzähligen Bienen, die von Blüte zu Blüte fliegen.

Sobald ich in die Nähe des Baumes komme, höre ich nur noch die summenden Bienen. Das Geräusch erzeugt eine Vibration, die ich körperlich spüre. Und ich rieche diesen durchdringenden Lindenblütenduft. Was für ein Wunder!

Die Linde steht ausgerechnet vor dem Hospiz. Zur Straße hin verzaubert dieser Baum mit Schönheit, Lebensgewimmel, Duft. Im Haus erleben Menschen ihre letzten Tage auf dieser Welt.

Als ich Edda zwei Tage vor ihrem Tod dort besuche, spricht sie von dem Baum: „Dass die Linde jetzt blüht, freut mich. Wenn ich ganz still liege, höre ich die Bienen bis in mein Zimmer.“

Wir schweigen – und tatsächlich, ich kann das Summen und Brausen auch hören. Edda lächelt und spricht weiter: „Diese Schöpfung ist so voller Leben, und ich bin ein Teil davon. Auch wenn ich sterbe.“

„Meinst du, weil unsere Körper wieder zu Erde werden?“, frage ich.
„Das auch“, sagt Edda, „aber wir sind doch noch mehr als nur Körper. Alles gehört zusammen und Gott wirkt in allen. Das hört niemals auf. Weil Gott lebt.“

Als ich mich auf den Heimweg mache, bleibe ich unter der Linde nochmal stehen. Es summt und brummt und duftet. Edda hat Recht. Gott wirkt in allen und allem. Gott lebt. Und dieser Baum ist der Baum des Lebens.

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