Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

30JUL2020
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Was genau meint eigentlich Solidarität? Darüber hab ich in den letzten Monaten immer wieder nachgedacht. Natürlich: Wegen dieses neuen Virus, wegen Corona. Mir ist immer klarer geworden: Wir gehören ja alle zusammen, wir Menschen. Wir sind gemeinsam von diesem Virus bedroht. Jeder Mensch auf dieser großen weiten Welt kann es bekommen und niemand weiß sicher, wie heftig es ihn erwischt. Alle Länder sind betroffen in unserer globalisierten Welt, die so eng zusammenhängt. In mir weckt das ein Gefühl von: Wir gehören zusammen. Und so übersetzen auch manche dieses Wort Solidarität: Es ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl. 

Aber Solidarität, die bleibt nicht beim Gefühl stehen. Wenn das Gefühl stark wird, dann wird daraus eine Haltung und ein Handeln. Ich hab mich in den letzten Monaten nicht nur besonders verbunden gefühlt mit anderen Menschen, auch mit Wildfremden auf der Straße oder in den Geschäften. Ich hatte auch den Drang, etwas für andere zu tun, solidarisch zu sein. Und ich hatte den Eindruck: Das geht vielen so. Wir lächeln uns mühsam zu durch die Masken hindurch. Wir warten geduldig, wenn sich eine Schlange bildet vor der Buchhandlung. Und ich weiß auch von etlichen Leuten, die wie ich mehr als sonst Spenden überwiesen haben. Für Menschen in anderen Ländern, die vom Virus noch viel heftiger betroffen sind als wir. In Brasilien zum Beispiel – oder auch im Osten und Süden Afrikas, wo nicht nur die Pandemie die Menschen bedroht, sondern auch schreckliche Hungersnöte wüten. 

Natürlich: Es gibt auch die anderen Leute, die sich in diesen Virus-Zeiten erst recht als Egoisten entpuppen. Die nur an sich denken und zum Beispiel sagen: Mir selbst kann ja gar nichts groß passieren - warum soll ich denn Rücksicht nehmen, Abstand halten, Maske tragen? Aber Gott sei Dank: Die Mehrheit ist das nicht. Die meisten Menschen nehmen Rücksicht aufeinander. Sie schaffen es, sich selbst ein wenig zurückzunehmen – um der Gemeinschaft willen, damit andere gesund bleiben, damit es anderen gut geht. Das ist Solidarität. Im Fühlen und im Handeln. Und sie ist in dieser schwierigen Krisenzeit eine richtig gute Erfahrung.

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