Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

29JUN2020
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Ich habe in den letzten Wochen etwas Heiliges neu entdeckt. Nämlich die Natur in meiner Nachbarschaft. Dank Homeoffice und Zwangsurlaub hatte ich Zeit für meinen Garten und für Spaziergänge in den Streuobstwiesen in unserer Nähe. Was man da alles zu sehen bekommt! Einen Zaunkönig im Gebüsch. Der ist so klein, dass man meint, da schwirre ein Kolibri herum.  Und da war der Spaziergänger, der einen neuseeländischen Kiwi gesehen haben wollte. Diesen Laufvogel, der nicht fliegt, kennt man ja aus dem Fernsehen oder dem Zoo. Es war aber eine heimische Waldschnepfe mit einem gebrochenen Flügel. Woher soll man das auch wissen?

Experten sagen: es verschwinden nicht nur Tierarten und Pflanzensorten, es sterben auch die Artenerkenner aus, also die Leute, die heute noch Pflanzen und Tiere kennen und erkennen können.

Zum Glück gibt es ja mittlerweile Vogelstimmen-Apps. Du kannst das Zwitschern aufnehmen und die App sagt dir, welcher Vogel es ist, oder du kannst ihn fotografieren und die App sagt dir, wen du da abgelichtet hast. Tolle Sache und wirklich empfehlenswert.

Denn nur wer die Natur kennt, kann sie auch gern haben. Und nur der, der die Natur gern hat, wird sich dann auch für den Erhalt von Pflanzen und Tieren einsetzen.

Wer schon als Kind lernt, vor einem Kürbiskern Achtung zu haben, weil er weiß, dass daraus eine riesige Pflanze werden kann, und wer schon als Kind fasziniert vor dem Vogelnest im Gartenstrauch gestanden hat, der kann eine Ahnung entwickeln, wie großartig die Natur ist, ja wie heilig sie ist. Der kann erfahren, dass in diesen Vorgängen ein Stück von Gottes Schöpferkraft sichtbar wird. Zu der wir Menschen natürlich genau so dazu gehören. Und wer das alles verpasst oder wieder vergessen hat, der kann ja in diesem Sommer die Zeit nutzen und seine Umgebung mal wieder ganz neu kennen lernen. Denn zu spät ist es ja nie.

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