Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

29JUN2020
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„Das war ja so klar, dass der jetzt noch überholen muss!“ Neulich war ich abends auf dem Heimweg und auf der Gegenfahrbahn überholt noch einer einen LKW. Und das so knapp vor mir, dass ich voll auf der Bremse stand. So was ärgert mich wahnsinnig. Nicht nur, weil da irgendjemand sich und andere in Gefahr bringt. Ich ärgere mich vor allem, weil da jemand sich selbst über alle anderen stellt. So etwas haben Sie sicher auch schon mal erlebt. Nicht nur beim Überholen. Auch auf dem Parkplatz, an der Supermarktkasse oder auch bei diesem „america first-Gerede“.

So einen Egoismus gab es vermutlich schon immer in der Geschichte der Menschheit. Deshalb hat auch Jesus versucht den Menschen damals zu erklären, wie er sich ein Miteinander vorstellt. Er hat Geschichten erzählt und er hat gepredigt. In einer seiner Predigten, gibt er sehr konkrete Ratschläge, wie das Zusammenleben von uns Menschen gut funktionieren könnte. Einer dieser Tipps ist die goldene Regel. Vermutlich kannten die Menschen sie damals schon. Wir kennen sie heute immer noch: Was Du nicht willst, was man Dir tu … genau … dass füg auch keinem andern zu. Allerdings dreht Jesus diese Regel eigentlich um: Genau so, wie ihr behandelt werden wollt, behandelt auch die anderen! Also nicht, weil ich was nicht möchte, mache ich es auch bei anderen nicht. Sondern ich gehe in Vorlage. Ich behandle die anderen gut. Freundlich. So, wie ich auch behandelt werden möchte.

Wie das konkret aussehen kann, da gibt es ganz viele Möglichkeiten. Das muss jeder für sich rausfinden. Was aber wichtig ist: Der Maßstab sind meine Mitmenschen und ich. D.h. nicht, dass ich alle Menschen mögen muss. Ich muss auch meine Meinung nicht verschweigen. Für mich bedeutet es, dass ich versuche andere Menschen mitzudenken. Bei allem, was ich tue, nur einen einzigen kurzen Moment an andere denken. Dann fahre ich auf dem Parkplatz vielleicht doch noch einen halben Meter nach vorne. Dann passt da noch ein Auto hin. Ich nehme als großer Mensch die Sprudelkisten von oben – damit jemand kleineres sie von unten nehmen kann. Und ja, ich nehme in Kauf, dass ich ein zwei Kilometer hinter einem LKW herzuckeln muss. Habe aber dafür niemand in Gefahr gebracht. Und ich hoffe: Wenn ich andere mitdenke, dann denkt auch irgendwann jemand an mich.

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