Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

Mobbing hat viele Gesichter. Menschen werden schikaniert, ausgegrenzt und niedergemacht. Das kann jeder und jedem passieren. In der Schule, am Arbeitsplatz oder im Seniorenzentrum. Selbst in der Bibel findet sich eine Vielzahl an Geschichten, in denen Menschen ausgegrenzt werden. Eine dieser Geschichten beschreibt, wie Jesus eine Frau am Dorfbrunnen trifft. (Johannes 4, 4-26) 

Es entwickelt sich ein Gespräch zwischen den beiden und nach und nach kommt die Lebensgeschichte dieser Frau zum Vorschein. Die Frau hatte viele verschiedene Männer nachdem ihr Ehemann sie sitzen gelassen hatte. Sie konnte und wollte anscheinend nicht allein sein. Doch sie findet nicht, was sie sucht. Im Dorf ist sie ins Gerede gekommen. Die Leute meiden sie. Ich kann mir gut vorstellen, wie manche Bettgeschichte der Frau besonders ausgeschmückt oder weitere Gerüchte gestreut wurden. Vielleicht hat die Frau auch Gewalt erlebt. Oder ihr wurde welche angedroht. Kein Wunder also, dass sie ihren Mitmenschen aus dem Weg geht. Deshalb kommt sie erst in der Mittagshitze zum Brunnen, wenn dort sonst niemand mehr ist. Sie grenzt sich selbst aus, um nicht weiterhin ausgegrenzt zu werden. Aber an diesem Tiefpunkt ihres Lebens begegnet ihr Jesus. 

Er spricht sie an. Nimmt sie wahr. Verurteilt sie nicht. Im Gegenteil: er bietet ihr an, ihren Durst nach Leben zu stillen. Er will ihr „lebendiges Wasser“ geben. Das heißt: Er bietet ihr an, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben. Sich innerlich von den gehässigen Stimmen aus dem Dorf abzugrenzen und neue Stärke zu gewinnen.  

Ich bin überzeugt: die Begegnung mit Jesus hat das Leben dieser Frau verändert. Sie wurde aufgerichtet und befreit. 

Wenn ich diese Geschichte heute lese, frage ich mich: wo nehme ich wahr, dass Menschen ausgrenzt oder gemobbt werden? Wie kann ich für diese Menschen da sein und ihnen helfen aus der Opferrolle herauszutreten? 

Diese Fragen helfen mir, mein Umfeld und mich selbst zu hinterfragen und etwas zu verändern. Diese Geschichte ermutigt mich, mir ein Beispiel an Jesus zu nehmen und wachsam und aufmerksam durch meinen Alltag zu gehen – für eine Welt ohne Mobbing.

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