Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

14JAN2020
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Zuerst konnte ich nicht glauben, was ich da gelesen habe. Aber da stand es doch schwarz auf weiß in der Zeitung: „Beethovens Unvollendete wird nun doch vollendet“.

Und dann folgte die Erläuterung: „Ein Computerprogramm soll mit Hilfe künstlicher Intelligenz die 10. Sinfonie zu Ende komponieren, die der berühmte Musiker im Alter nicht mehr abschließen konnte“. Zu erfahren war, dass ein internationales Team aus Komponisten, Musikwissenschaftlern und Informatikern daran arbeitet, den Algorithmus so zu trainieren, dass er die fehlenden Passagen im Geist Beethovens nachkomponiert.

Das Ergebnis soll im April diesen Jahres anlässlich des 250. Geburtstags von Beethoven in Bonn uraufgeführt werden.

Einerseits sage ich mir: Respekt! Unglaublich, was heute nicht alles möglich ist! Andererseits frage ich mich: muss alles im Leben vollendet sein oder vollendet werden?

Der Wille zu ständiger Steigerung und Überbietung des Bisherigen ist ja weit verbreitet. In der Wirtschaft, die nur dann gut läuft, wenn höhere Zuwächse als im Vorjahr verzeichnet werden. In der Flut von Ratgebern, wo unzählige Anweisungen zur Selbstoptimierung gegeben werden. Und nun offenbar auch in der Musik, wo das Unvollendete nicht unvollendet bleiben darf.

Dabei finde ich es zutiefst menschlich, dass etwas unvollendet bleibt. Bei Paulus heißt es einmal, dass unser ganzes Leben Fragment ist und Stückwert. Weil der Mensch von Grund auf ein ergänzungsbedürftiges Wesen ist.

Und das ist nicht etwa Ausdruck eines Mangels! Sondern macht den Zauber des Lebens aus. Erst aneinander und miteinander werden wir zu dem, was wir sind. Zu dieser Ergänzungsbedürftigkeit gehört aber auch, dass alles im Leben Fragment bleibt, irgendwann einmal abbricht und aufhört. Ausgenommen die Liebe, sagt Paulus, die hört niemals auf. Weil uns in der Liebe Gott selbst begegnet.

Für mich heißt das: Es muss nicht alles vollendet und perfekt sein im Leben. Auch das, was unvollendet bleibt, hat seine Bedeutung. Eine Beziehung, die zerbrochen ist, trotz allen guten Willens. Ein Leben, dem nicht viele Jahre vergönnt waren. Oder das durch Krankheit gezeichnet ist.

Im Blick auf mich als Menschen hat gerade auch das Unvollendete sein göttliches Recht. Denn die Fragmente und alles Bruchstückhafte zu einem Ganzen zusammenführen, das darf ich getrost Gott überlassen. Dann, wenn es soweit ist.

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