Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

14JAN2020
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Ich lebe offenbar  in „traumhaften“ Zeiten. So kommt es mir mitunter vor, wenn ich in bunten Magazinen blättere. Mit dem Traumauto geht es da zum Traumschiff. Das bringt uns auf einer Traumreise zu Traumzielen rund um die Welt, wo wir es uns an Traumstränden gut gehen lassen können. Bei so viel Traum kann es einem schon schwindelig werden. Nur mit den echten Träumen, die mich im Schlaf besuchen, haben diese Wunschphantasien in der Regel leider so gar nichts zu tun.

In den Träumen der Nacht tobt nämlich das konkrete Leben. Und das kommt zumindest bei mir weder in Hochglanz noch in bunten Pastelltönen daher. Erlebnisse aus meinem Alltag, die nachts wieder hochkommen, sich vermischen und ein Eigenleben entwickeln. Dinge, die mich viel tiefer bewegt haben, als ich mir eingestehen wollte. Anstehende Entscheidungen, die mich umtreiben und mich auch noch im Schlaf beschäftigen. Und das, was mich verstört und belastet hat, taucht vielleicht als Albtraum ungebeten wieder auf. Doch es ist irgendwie immer mein konkreter Alltag der sich in meinen echten  Träumen spiegelt.

In den Geschichten der Bibel spielen die Träume indes noch eine andere, oft ganz wichtige Rolle. Als eine Art Kontaktstelle zwischen den Menschen und Gott. Da ist zum Beispiel der Pharao in Ägypten. Im Traum bekommt er die Eingebung, wie sich eine große Hungersnot im Land verhindern lässt. Oder Josef, der Vater Jesu. Auch er ein großer Träumer. Erst im Traum wird ihm bewusst, dass er auf der Reise mit Maria und dem Jesuskind eine andere Route einschlagen muss, um seine kleine Familie nicht in Lebensgefahr zu bringen. Die Erfahrung der biblischen Menschen, die sich in diesen Geschichten wiederspiegelt und die mir als Anregung zum eigenen Nachdenken dienen kann: Gott redet nicht mit lauter Stimme aus dem Off, wie ein Regisseur im Fernsehen. Er lässt sich eher im Unterbewussten vernehmen. Lässt mich vielleicht auch mal ziemlich ratlos zurück. Dann kann es sinnvoll sein, mit vertrauten Menschen nochmal über seine Träume zu reden.

Vor allem aber wird nicht jeder nächtliche Traum gleich eine Botschaft aus dem Himmel sein. Eher im Gegenteil. Doch diese Möglichkeit grundsätzlich offen zu halten, das finde ich dann doch ziemlich spannend.

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