Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Es war ein Jahr zum Schämen, das vergangene Jahr 2019. Zumindest erscheint es mir so im Rückblick. Ich konnte mich schämen, wenn ich mal wieder mit dem Auto gefahren bin, statt die Bahn zu nehmen. Ich konnte mich bei jeder Scheibe Wurst schämen, die ich mir abends aufs Abendbrot gelegt habe. Und vom Schämen beim Flug an den Urlaubsort mal ganz zu schweigen. Schließlich hätte ich ja auch in Deutschland Urlaub machen können. Wahrscheinlich gab es fast keinen Tag, an dem ich mich nicht irgendwann mal schämen konnte. Zugeben, es gibt dafür tatsächlich gute Gründe, die sich nicht so einfach vom Tisch wischen lassen. Angesichts schmelzender Gletscher, brennender Wälder und dem Verschwinden so vieler Pflanzen- und Tierarten. Schuld daran ist auch unsere Art zu leben. Und weil sich daran auch in diesem Jahr wohl kaum etwas ändern wird, kann ich auch dieses Jahr wieder jeden Tag sagen: Schäm dich!

Dennoch glaube ich, dass man es nicht übertreiben darf. Vor allem: Dass nicht ständig die einen mit dem Finger auf die Anderen zeigen und ihnen sagen sollten, sie sollen sich was schämen. Man kann Menschen nämlich auch be-schämen. Und das ist nie gut. Ich glaube vielmehr, dass manche schon was ändern würden, wenn sie nur könnten. Wer gerade so mit seinem Geld über die Runden kommt, wird sich kaum ein modernes E-Auto leisten können. Und wer im tiefsten Hunsrück lebt, wird auch morgen nicht die Bahn nehmen, weil dort einfach keine fährt. Wir wissen eigentlich längst, dass wir was ändern müssen, weil wir sonst unsere Zukunft ruinieren. Unsere und die unserer Kinder. Und wer weiß, dass er ständig etwas macht, das nicht in Ordnung ist, der wird sich dafür im besten Fall auch schämen. Vielleicht ja nur ein bisschen und still und heimlich, aber das reicht schon - als ständige Mahnung und Anstoß.

Mich also still schämen und trotzdem weiter dran arbeiten, meine eingefahrenen Gewohnheiten zu ändern. Schritt für Schritt. Das wäre schon mal was. Und damit könnte ich auch schon heute beginnen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30123