Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

08DEZ2019
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Wie aus weiter Ferne kommt unser heutiges Lied zum Sonntag. Immer näher kommt es, Schritt für Schritt und Ton für Ton. Bald versteht man den Refrain. Es ist ein uralter Ruf, um jemanden zu begrüßen: „Kyrie eleison“ – Herr, erbarme dich. Man könnte auch übersetzen: Wende dich mir zu, gib dich zu erkennen!  

„Jesus und Maria“ gilt der Gruß des Liedes. Ein jüdisches Mädchen mit ihrem noch ungeborenen Kind. Die drei Strophen erzählen die Geschichte, wie Maria ihre Cousine Elisabet besuchen möchte. Aber der „Dornwald“ macht es ihr nicht leicht, ihr Ziel zu erreichen. Ein Dickicht aus Gestrüpp und Dornen, grau und unwegsam. Um diese triste Stimmung zu bekräftigen, singt das Lied davon, dass dieser Wald schon sieben Jahre ohne Laub und gewiss auch ohne Blüten ist.  

Maria durch ein Dornwald ging.

Kyrie eleison.

Maria durch ein Dornwald ging,

der hat in sieben Jahrn kein Laub getragen.

Jesus und Maria. 

Das Lied gleicht einem dreiteiligen Altarbild, einem „Triptychon“: Drei Bilder ergeben eine Einheit. Das erste ist der unfruchtbare Dornwald. Das zweite stellt eine Frage, wie ein Rätsel: „Was trug Maria unter ihrem Herzen?“ Die Antwort heißt: „Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen, das trug Maria unter ihrem Herzen.“ Das dritte Bild ist dann das wichtigste. Denn nun geschieht etwas Unerwartetes. Urplötzlich antwortet die Natur, wenn die schwangere Maria ihren Weg sucht. Die Dornhecken fangen an zu blühen, Rosen sprießen heraus und begrüßen so „Jesus und Maria“.  

Da haben die Dornen Rosen getragen.   

Kyrie eleison.

Als das Kindlein durch den Wald getragen,

da haben die Dornen Rosen getragen.

Jesus und Maria. 

Beim ersten Hören kann ich kaum glauben, was das Lied erzählt. Erst wenn ich mich in das Bild vertiefe, spüre ich eine Resonanz. Es erinnert mich an schwierige Situationen, mit dornigen Problemen. Auf meinem beruflichen Weg habe ich nicht immer klar gesehen, wo es hingehen soll. Und doch hat sich mancher Umweg im Nachhinein als sinnvoll herausgestellt. Weil irgendwann die Steine aus dem Weg geräumt waren und Fähigkeiten, die jahrelang brach gelegen hatten, plötzlich aufblühen konnten. So wie das Lied sich in der dritten Strophe in höchste Höhen aufschwingt, musikalisch aufblüht, weil die Dornen nun Rosen tragen. Und so erlebe ich auch diese Wochen der Adventszeit: als ein geduldiges Warten, ob manche Dornen nicht vielleicht bald Rosen tragen.  

Da haben die Dornen Rosen getragen.   

Kyrie eleison.

Als das Kindlein durch den Wald getragen,

da haben die Dornen Rosen getragen.

Jesus und Maria. 

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