Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

Heute ist der 11.November. Dieser Tag ist dem heiligen Martin gewidmet. Dem berühmten Mantelteiler. Vor einigen Jahren habe ich Martins Geburtsort besucht, die ungarische Stadt Szombathely. In Erinnerung geblieben ist mir dabei vor allem eine Glasvitrine vor der Martinskirche: Darin ist immer Brot zu finden; wer bedürftig ist, darf sich bedienen. Eine ganz einfache, aber eindrucksvolle Geste finde ich. Sie übersetzt das Anliegen des heiligen Martin in die heutige Zeit: Dort wo Not ist, soll geholfen werden. Wer zu wenig hat, dem wird gegeben.

Genau das hatte der römische Soldat der Legende nach getan: einem frierenden Bettler hat er die Hälfte seines Mantels gegeben. Aber warum eigentlich nur die Hälfte und nicht den ganzen Mantel? Die Antwort liegt nahe – es war Winter, als Martin dem Bettler begegnet ist. Hätte er den ganzen Mantel fortgegeben, hätte er sich womöglich selbst in Gefahr gebracht. In dieser Legende steckt also weit mehr als die Erzählung von der großherzigen Geste. Martin zeigt uns, dass der Einsatz für den Nächsten nicht bedeuten darf, sich selbst aufzugeben. Im Gegenteil: wer hilft, muss gleichzeitig auf sich selbst achtgeben.

Ganz in der Tradition des geteilten Mantels steht seit vielen Jahren eine gemeinsame Aktion der Sternsinger und der „aktion hoffnung“. Das ist eine kirchliche Hilfsorganisation, die sich um die faire Verwendung von gebrauchten Kleidern kümmert. Unter dem Motto „Meins wird Deins – jeder kann St. Martin sein“ sammeln um den Martinstag herum Kindergärten, Schulklassen und Gemeinden gute Kleidung. Verkauft wird sie dann in Second-hand-Läden. Mit dem Erlös werden geflüchtete Kinder im Libanon betreut und können dort zur Schule gehen. Aus „meinem“ Pullover wird also „Dein“ Schulheft.

Ich selbst habe den Martinstag viele Jahre im Kindergarten miterlebt. Es war immer ein Abend, der mich sehr berührt hat. Momente zwischen Licht und Dunkel, mit großem Ernst und ebenso großer Fröhlichkeit – Martinsspiel der Kinder, Laternen und geteilte Martinswecken. Eine schöne Szene habe ich aus dieser Zeit mitgenommen: Unser Jüngster wollte nie den Martin spielen, immer nur den Bettler. Der Bettler – er saß mit Filzhut und grauem Umhang auf einem Kissen am Boden – hat immer den ersten Martinswecken bekommen. Und bevor mein Sohn zum Teilen aufgefordert werden konnte, hatte er den ganzen Wecken schon verspeist. Meine Anmerkung, dass dies nicht im Sinne des heiligen Martin gewesen sei, hat er schmunzelnd so gekontert: „Bettler spielen ist ziemlich anstrengend, da bekomm ich Hunger“. Wenn man es großzügig betrachtet steckt auch da ein bisschen Martin drin: für andere das Martinsspiel aufführen – und dabei auf sich selbst achtgegeben.

https://www.sternsinger.de/bildungsmaterial/martinsaktion/meins-wird-deins/

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