Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Manchmal wundere ich mich noch immer, nach fast 30 Jahren: Dass da am Bahnhof an der Gleisanzeige „Leipzig“ als Zielort steht oder „Dresden“. Meine ganze Schulzeit lang war das völlig undenkbar: Dass ein Zug bis nach Leipzig fährt. Man einfach einsteigen kann und irgendwann über die hessisch-thüringische Landesgrenze fährt. Manchmal bekomm ich deswegen noch heute feuchte Augen am Bahnhof. Und diese Woche vielleicht erst recht, kurz vor dem Jubiläum: 30 Jahre Mauerfall.

Für mich ist es immer noch ein Wunder, dass die Mauer damals 1989 gefallen ist, und das ohne Gewalt, ohne Schüsse und Panzer. Das war ja absolut nicht selbstverständlich: In Peking war der Protest damals im Sommer brutal niedergeschlagen worden, und auch in Berlin standen Panzer und Rettungswagen bereit im Herbst 89. Menschen mussten Mut aufbringen, um auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, das vergisst man heute manchmal. Aber alles ist friedlich geblieben. Die Mauer fiel, die tödliche Grenze zwischen den beiden Teilen Deutschlands war bald schon Geschichte. Und Menschen, die unter 30 sind, wundern sich heute über meine sentimentalen Anwandlungen auf dem Bahnhof.

Aber ich staune noch heute über Mauerfall und Wende – und auch darüber, wie der Protest damals tatsächlich mit Wundern, mit Religion und Gebeten verbunden war. Die Leipziger Montagsdemos schlossen sich ja an die Montagsgebete an, sie begannen mit Kerzen und Fürbitten. Über Jahre hatten die Menschen in der Nicolaikirche gebetet für Veränderung und Wandel – und dann im Herbst 89 war die Zeit für das Wunder gekommen.

Ich glaube wirklich: Die Kraft zu einem solchen Wandel und zu einem solchen Wunder, die kann aus der Kraft des Gebetes kommen. Wenn ich mich nach Veränderung sehne und wenn ich Gott dabei an meiner Seite weiß, dann ist vieles möglich. Dann kann ich beharrlich und furchtlos für etwas kämpfen. Und friedlich etwas erreichen. Unglaubliches. Ein Wunder.

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