Manuskripte

SWR3 Gedanken

 

Vor einer Weile war ich unterwegs und bin an einem Café vorbeigekommen. Da war etwas auf der Fensterscheibe geschrieben. Da stand in großen Buchstaben: „Wie heißt ein Mensch, der keine Wohnung hat?“ Als Antwort direkt unten drunter stand: „Mensch“.

„Merkwürdig“, habe ich gedacht. Was Sprache so alles mit einem macht. Denke ich „Wohnsitzloser“, dann habe ich Bilder vor Augen: Männer mit wirrem Haar, schmuddeliger Kleidung, ungepflegt. Den einzelnen Menschen mit seinem Schicksal sehe ich nicht mehr.

So schnell geht es. Jemand bekommt ein Label aufgeklebt und dann war es das. Man schert sich nicht darum, ob der wirklich so ist oder nicht. Mir ist das auch schon passiert. Da hat mir jemand das Label „Christ“ aufgeklebt. Was so viel hieß wie: langweilig, versteht keinen Spaß, nicht auf der Höhe der Zeit. Und ich dachte nur: „Hä? Du kennst mich doch gar nicht!“

Schade eigentlich. Wenn Menschen unter ein Label gepackt und Eigenschaften übergestülpt bekommen. Wenn man da mitmacht, bringt man sich um die Möglichkeit, seine eigenen Vorurteile mal zu überprüfen. Man bringt sich um die Chance, Überraschendes zu entdecken. Menschen wirklich zu verstehen. Vielleicht sogar Respekt zu haben vor einem Menschen, der so viel durchgestanden hat, bis er oder sie schlussendlich wohnsitzlos auf der Straße gelandet ist. Oder Respekt zu haben vor Menschen, die tausende von Kilometern zu Fuß gegangen sind, bis sie hier in der Fremde gelandet sind.

Deshalb finde ich es gut, wenn man sich den kindlichen Blick auf Menschen bewahrt. In einem Cartoon hab ich den gefunden. Da fragt ein Erwachsener ein Kind: „Habt ihr Ausländer im Kindergarten?“ Und das Kind schüttelt den Kopf: „Ausländer? Nein, nur Kinder.“

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