Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Zu den ältesten Liedern, die bis heute gebetet und gesungen werden, gehören die biblischen Psalmen. In ihnen findet sich, was Menschen zu allen Zeiten bewegt hat: Freude und Dank, aber auch Angst und Klage.
Einer der bekanntesten Psalmen der Bibel ist der dreiundzwanzigste: „Der Herr ist mein Hirte.“ Der Leipziger Pfarrer Cornelius Becker hat diesen Psalm vor mehr als vierhundert Jahren in Verse gesetzt: „Der Herr ist mein getreuer Hirt/dem ich mich ganz vertraue./Zur Weid er mich sein Schäflein führt/ auf schöner grüner Aue./ Zum frischen Wasser leit er mich/ mein Seel zu laben kräftiglich/ durchs selig Wort der Gnaden.“
Heinrich Schütz, der bedeutendste deutsche Komponist des frühen Barock, hat in dieser Dichtung die poetische Vorlage gefunden, um den Psalm vom guten und getreuen Hirten musikalisch zum Klingen zu bringen.

Der Herr ist mein getreuer Hirt,
dem ich mich ganz vertraue.
Zur Weid er mich, sein Schäflein führt
auf schöner grünen Aue.
Zum frischen Wasser leit er mich,
mein Seel zu laben kräftiglich
durchs selig Wort der Gnaden.

Heinrich Schütz ist genau hundert Jahre vor Sebastian Bach im thüringischen Köstritz zur Welt gekommen. Mit seiner musikalischen Kunst hat er die Worte der biblischen Psalmen in Musik verwandelt. Und sie auf diese Weise lebendig und gegenwärtig gemacht: als Liederbuch zum Mitsingen, zum Sich Einschwingen in ein vertrauensvolles Leben mit Gott. Seine Frau Magdalena war im September 1625 nach nur zweijähriger Ehe gestorben. Da hatte Heinrich Schütz selbst erfahren, welchen Trost ihm die Psalmen schenkten.

Er führet mich auf rechter Bahn
von seines Namens wegen;
obgleich viel Trübsal geht heran
aufs Todes finstern Stegen,
so grauet mir doch nichts dafür
mein treuer Hirt ist stets bei mir,
sein Steck'n und Stab mich tröstet.

Martin Luther hat einmal gesagt, ihm sei wichtig, „dass das Wort Gottes durch Gesang unter den Leuten bleibe.“ Und Heinrich Schütz war der Komponist, dem genau dies auch ein Herzensanliegen war. Die Spuren Gottes im oft dunklen und oft chaotischen Alltag musikalisch aufleuchten und hörbar werden zu lassen, daran war Heinrich Schütz gelegen.
In aller Wirrsal und erlebten Feindseligkeit den von Gott köstlich gedeckten Tisch wahrzunehmen. Und sich seiner Güte und Barmherzigkeit anzuvertrauen, das bleibt, finde ich, die Botschaft seines in filigrane Musik verwandelten Psalms für uns heute.

Ein köstlich'n Tisch er mir bereit,
sollts auch die Feind verdrießen,
schenkt mir voll ein, das Öl der Freud
über mein Haupt tut fließen.
Sein Güte und Barmherzigkeit
werden mir folgen alle Zeit,
in seinem Haus ich bleibe.

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CD: Psalmen. Psalmvertonungen von Heinrich Schütz, Dresdner Kammerchor, Hans-Christoph Rademann

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