Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Der Kirchentag liegt nun schon zwei Monate zurück, aber von einem Menschen, den ich dort kennengelernt habe, erzähle ich immer noch gerne. Er ist mir gleich am ersten Tag über den Weg gelaufen. Er war von Kopf bis Fuß tätowiert, auch im Gesicht, und er sah aus, als ob er den ganzen Tag Gewichte stemmen würde. Seine Oberarme hatten mehr Umfang als meine Oberschenkel. Insgesamt wirkte er wie eine Traumbesetzung für einen Türsteher. Hinter ihm lief eine junge Frau mit einem Kinderwagen. Beide eilten durch einen abgesperrten Bereich. „Dem stellt sich keiner in den Weg,“ hat mein Sohn trocken gesagt. Mir fiel auf, dass der Mann auf der Stirn „Trust Only God“ tätowiert hatte. In Großbuchstaben. Vertrau nur Gott.

Drei Tage später haben wir einen Abendgottesdienst besucht, gestaltet von der Gefängnisseelsorge aus Westfalen. Und wer saß da in der ersten Reihe? Der Tätowierte! Tatsächlich war auch die Frau mit dem Kinderwagen dabei. Der Mann war der Stargast des Gottesdienstes und ist von einem Radio-Moderator interviewt worden. Er hat erzählt, dass er seit seinem siebten Lebensjahr auf der Straße gelebt hat, irgendwann ist er kriminell geworden und kam ins Gefängnis. Dort hat er dann über sein Leben nachgedacht und sich geändert. Es war wirklich bewegend, wie er seine Lebensgeschichte erzählt hat. Heute ist er ein freier Mensch und hat Fuß gefasst im Leben. Tatsächlich ist er auch ein gläubiger Mensch – trust only god. Er wollte sich nicht so ganz festlegen auf ein bestimmtes Gottesbild, aber beim Fürbittgebet am Ende des Gottesdienstes und beim Vater Unser hat er mitgebetet. Und er hat erzählt von seiner Freundin und dem gemeinsamen Baby. „Das ist ein Geschenk Gottes an uns,“ hat er seiner Freundin erklärt, „da müssen wir gut mit umgehen.“

Nach dem Gottesdienst habe ich mich dem Mann vorgestellt. Er hat mir sein Baby gezeigt, ein ganz süßer, entspannter kleiner Kerl. „Ganz der Papa,“ hat seine Freundin stolz zu mir gemeint. Ich habe dann von unserer ersten Begegnung erzählt. „Ich durfte doch da durchlaufen, das war mit der Polizei abgesprochen,“ hat er mir dann erklärt- Er war fast ein bisschen empört darüber, dass ich geglaubt hatte, er wäre einfach so durch den abgesperrten Bereich gelaufen. „So was würde ich nie tun!“ Ich habe der kleinen Familie dann von Herzen Gottes Segen gewünscht. Und mir ein paar Gedanken über Vorurteile gemacht, über ungerechte Ausgangsvoraussetzungen im Leben und wie wichtig es ist, eine zweite Chance zu bekommen. Trust only god. Wer weiß, wer von uns beiden den stärkeren Glauben hat. Ich schätze: Er ist es.

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