Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Oft sind es gerade schwere Zeiten, die fröhliche Lieder hervorbringen. So wie beim heutigen Lied „Auf, Seele, Gott zu loben“. Der Text des Liedes ist kurz nach dem 2. Weltkrieg entstanden. Die Ruinen in den Städten und Dörfern, aber auch in den Seelen von Menschen, waren noch überall  leidvoll präsent .

Da schreibt eine Frau im Jahr 1947 Verse voller Zuversicht. Sie ermuntert ihre Seele, durch das ruinöse Leben, das allen vor Augen steht, auf das zu sehen, was Gott gegeben und geschenkt hat: das großartige und vielfältige Konzert der Schöpfung, den Himmel mit seinen Wolkenfiguren, das Licht der Sonne am Tag und die Sternenbilder des Nachts.

Und sie dichtet einen Lobgesang auf den Schöpfer.

Auf Seele, Gott zu loben, gar herrlich steht sein Haus!
Er spannt den Himmel droben gleich einem Teppich aus.
Er fährt auf Wolkenwagen, und Flammen sind sein Kleid.
Windfittiche ihn tragen, zu Diensten ihm bereit.

Gott hat das Licht entzündet, er schuf des Himmels Heer.
Das Erdreich ward gegründet, gesondert Erd und Meer.
Die kühlen Brunnen quellen aus jauchzend grünem Grund,
Die klaren Wasser schnellen aus Schlucht und Bergesgrund.

Martha Müller-Zitzke heißt die Verfasserin des Liedes. Sie ist eine der wenigen weiblichen Dichterinnen im evangelischen Gesangbuch. Mit Ende vierzig hat sie diesen Text geschrieben. Die Melodie allerdings ist fast vierhundert Jahre älter und gehört ursprünglich zum Lied „Wie lieblich ist der Maien“.
Beiden Liedern gemeinsam ist die Freude, die sie verströmen beim Blick nach draußen in die Natur. Die Natur da draußen ist ihnen nicht stumm und äußerlich. Sondern erzählt lebendig - wie ein spannendes Buch - vom Schöpfer, der in ihr und durch sie wirkt.

Vom Tau die Gräser blinken, im Wald die Quelle quillt,
Daraus die Tiere trinken, die Vögel und das Wild.
Die Vögel in den Zweigen lobsingen ihm in Ruh,
und alle Bäume neigen ihm ihre Früchte zu.

Die Dichterin unseres Liedes leiht sich Worte und Bilder bei einem biblischen Psalm, dem Psalm 104. Und verwandelt sie in ihre eigene Sprache. So lenkt sie die Aufmerksamkeit auf die Wunder der Schöpfung, die uns Menschen jetzt umgeben. Wenn wir sie nur wahrnehmen! Den Wald und die Berge, die Tages- und die Jahreszeiten.

Den Menschen heißt am Morgen er an das Tagewerk gehen,
lässt ihn in Plag und Sorgen das Werk der Allmacht sehn.
Er ist der treue Hüter, wacht über Meer und Land,
Die Erd ist voll der Güter und Gaben seiner Hand.

Für mich ist dieses Lied damit auch ein Lied gegen die Selbstverblendung, die meint, die Welt beginne erst mit mir. Es macht mir  bewusst: bevor ich selbst noch irgend etwas getan habe, ist da schon die Weite und Vielfalt der Schöpfung, in die ich hineinversetzt bin. Bevor ich selbst handele, existiere ich schon in einem Kosmos, in den ich eingebettet bin.

Ein schöner Gedanke! Er inspiriert mich zu einem fröhlichen Dank für die Gegenwart Gottes in allem, was mich umgibt. Und lässt mich einstimmen in die Schlusszeile: „Lass dir das Lied gefallen. Mein Herz in Freuden steht. Dein Loblied soll erschallen, solang mein Odem geht.“  

CD, Himmlische Flötenklänge von Bettina Alms, Track 12.

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