Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen Begegnungen

Martin SchleskeAnnette Bassler trifft Martin Schleske, Geigenbaumeister aus München
 
Klangsucher und Gottsucher
Es ist schon eine Weile her, dass ich ihn getroffen habe, aber was er gesagt hat, wird mir immer wichtiger. Wie finde ich Ruhe in dieser aufgeregten Zeit? Und was ist meine Aufgabe, was kann ich beitragen zum Frieden? Martin Schleske meint: durch Musik. Indem ich Musik zu mir sprechen lasse. Martin Schleske war sein ganzes Berufsleben auf der Suche nach dem richtigen Klang. Als Geigenbaumeister. Und als Gottsucher. Und er meint: Musik ist die Sprache, in der Gott zu uns spricht.

Ich sag manchmal meinen Kunden, ganz egal ob die gläubig sind oder nicht, sage ich: Du hast einen priesterlichen Dienst. Da gucken die mich ganz groß an. Warum priesterlichen Dienst? Und dann sage ich: Du hast das Recht bekommen, dadurch dass du Musiker bist, die Menschen zu segnen, die Seelen zu segnen mit der Musik.

Martin Schleske ist ein faszinierender Mensch. Allein schon äußerlich. Mit seiner Lederkappe und Weste über dem Hemd- erinnert er mich an Bilder alter Handwerksmeister. Und das will er auch sein. Ein Nachfahre von Geigenbauer wie Stradivari. Und zugleich als Diplomphysiker ein Experte auf dem Gebiet der Geigenakustik. Auf der Suche nach dem einen, besonderen Klang.

Und das geschieht, ob du es merkst oder nicht, wenn du quasi der Musik dienst. Also wenn du  nicht dein Ego auf der Bühne rausspielst – was viele machen – sondern wenn du sagst, nein ich diene einer Wahrheit, die geht über mich hinaus. Und das ist die Musik. Und darin segne ich die Menschen. Sonst würde keiner ins Konzert gehen, wenn es nicht heilsam wäre.

Heilsam- das hat  was mit Heil zu tun. Mit dem, was Leib und Seele zusammenbringt und lebendig macht. Was die Seele aufatmen lässt, dass man sich wie neu geboren fühlt.

Und das ist für mich so das, wo ich als Instrumentenbauer hinterher bin. Nicht einfach banal ein guter Klang, sondern. Ich such den heilsamen Klang. Und das ist das, was meine Berufung ist als Instrumentenbauer, diesen heilsamen Klang zu schaffen.

Lange hat er sich mit den Stradivarigeigen aus dem 18. Jahrhundert beschäftigt. Deren  Klang hat ihm die Ohren geöffnet, seitdem kennt er die wahre Schönheit von Musik. Seitdem ist er auf der Suche nach dem rechten Klangholz, dem rechten Schwingungsverhalten und dem richtigen Lack. Und er mag sie, diese Unruhe. Diese Sehnsucht.

Also ich lass mir das nicht mehr aufoktroyieren, man müsse zufrieden oder glücklich sein. Ich sag das sind keine kreativen Eigenschaften. Sondern so ne gewisse Unzufriedenheit, die ne Leidenschaft hat, einen Klang schaffen zu wollen.Man spielt das Instrument und steht wie in so einer Klangwolke, einer Wolke von Schönheit. Und man wird, man wird im Grunde wie in ne andere Welt versetzt. Es entsteht ein vollkommen angstfreier Raum, weil  sie einen einnimmt, durch ihre Schönheit.

Und dieser angstfreie Raum verändert den, der ihn durchschreitet. Macht ihn stärker, ja auch liebesfähiger. Darum geht’s nach dem nächsten Titel.

Musik hilft, die Schattenseiten des Lebens anzunehmen

Martin Schleske hat als Geigenbaumeister viele klangvolle Geigen gebaut. Dabei aber hat er einen neuen Zugang zu Gott gefunden. Für ihn ist Musik ist eine der Sprachen, in der Gott zu uns spricht. Musik hilft, die Welt sehen und ertragen zu können so, wie sie ist. Voll von Krieg und Hunger und Leid. Wie gehen wir damit um, mit diesem Leid, mit dem Kreuz, das viele tragen müssen? Der Tod Jesu am Kreuz ist eine Antwort auf diese Frage.

Das Kreuz, das Kreuz Jesu  habe ich  ganz neu begriffen durch meinen Beruf. … - zu begreifen, was es heißt, dass Gott verletzbar ist. Und wirklich es gibt nichts und nichts Verletzbareres als Gott. Weil:  es ist die Verletzbarkeit der Liebe.

Gott ist verletzbar, weil er die Liebe ist. Und das bedeutet: wenn wir verletzt sind und leiden, dann sind wir Gott ganz nah. Dann sind wir wie er Liebende. Sind eben nicht abgestumpft und kaltherzig.  Sondern gemeinsam mit Gott unterwegs auf einem Weg, der nicht mit dem Leiden endet, sondern mit der Auferstehung.

Und Auferstehung heißt, dass doch eine Ahnung davon entsteht. Am Ende kommt doch die Liebe Gottes zum Ziel. Es kommt zum Ziel, aber es braucht lang. Viel Zeit!

Wann kommt sie endlich zum Ziel-  die Liebe Gottes? Wann verwandelt sie die Herzen? Und wo kann ich sie jetzt schon erfahren, diese Liebe Gottes, die am Ende zum Ziel kommt?

Ja, es klingt vielleicht pathetisch ein bisschen, aber  es spricht etwas zu meiner Seele. Und die Musik ist für mich eigentlich die Sprache Gottes oder das Gebet Gottes. Die Musik ist fast so was wie: dass Gott in die Welt hineinspricht, schlicht und ergreifend, damit wir die Welt ertragen können. Ohne Musik könnten wir unser Leben, glaube ich, nicht ertragen. Oder wir könnten die Welt nicht ertragen.

Die Schönheit von Musik. Der heilsame Klang, mich macht das geradezu sehnsüchtig.

Einfach nur der Seele zu erlauben, zu singen und sich zu freuen am Klang und, ja Musik ist in Klang gegossenes Gebet. Also ich muss keine Worte machen, um zu beten. Es ist, ich sag es so: Gott hört den Klang meines Herzens. Den kann ich jetzt noch formulieren in Worte, die sind oft sehr unbeholfen. Aber mein Gebet, unser Herz, betet sowieso.

Gott erlauben, dass er zu mir spricht. Mit der Musik ist das möglich. Wenn ich bereit bin, dass sie mich umgibt mit ihrem Klang,  in einem Raum voller Schönheit. Für mich sind das die Violinkonzerte von Mozart, die Matthäuspassion von Bach. Aber auch Pop- und Jazzmusik. Da hat jeder seine eigenen Vorlieben. Für Martin Schleske ist vor allem wichtig, sich das Herz berühren zu lassen. Vom Zauber der Musik.

Wenn wir in der Liebe sind werden Dinge zu uns sprechen, werden Menschen zu uns sprechen, werden Situationen zu uns sprechen und Gott wird ständig zu uns sprechen, weil wir es erlauben durch die Liebe. Das ist das Tor, das sich öffnet.

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