Manuskripte

SWR1 Begegnungen

10JUN2019
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Annette Bassler trifft Ulrich Kasparick, Pfarrer i.R., parlamentar. Staatssekretär i.R.Ulrich Kasparick

Klimawandel: Alarmstufe rot

Aufgefallen ist er mir durch seine Posts auf Facebook. Da war er Pfarrer in der Uckermark. Kurz vor seiner Pensionierung hat er die Organisation „für unsere Enkel. Org“ gegründet. Noch vor der Schülerbewegung Friday for future hat er täglich die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema Klimawandel gepostet. Mit dem Kommentar: wir haben „Alarmstufe rot“. Das wollte ich von ihm näher wissen und habe ihn in Berlin besucht.  

Und jetzt müssen wir wirklich entscheidende Einschnitte hinkriegen politisch. Die Physiker sagen uns, die Klimawissenschaftler der Vereinten Nationen sagen uns: wir haben noch 10 Jahre. Wenn wir das in den 10 Jahren nicht schaffen, dann geht die Natur über einen so genannten Kipp-Punkt. Und wenn der überschritten ist, dann können wir noch so viele Solaranlagen auf die Dächer schrauben, dann können wir es nicht mehr drehen.

Nur noch 10 Jahre für die Reduktion des CO2 Ausstoßes. Damit die Klimaerwärmung nicht zum Selbstläufer und zur Katastrophe für Millionen Menschen auf der Erde wird. Ist das nicht ein Klimahype? Woher sind Sie sich da so sicher? Wollte ich von Ulrich Kasparick wissen. Da hat er mir erzählt von seiner Zeit in der Bundespolitik. Als   Stellvertreter des Bundesumweltministers. Da hat er nämlich alle maßgeblichen Institute der deutschen Umweltforschung besucht und ist seitdem mit deren Direktoren und vielen Forschern und internationalen Wissenschaftlern vernetzt. Deren Erkenntnisse, die keine Massenmedien erreichen, teilt er auf Facebook. Außerdem weiß er wie Energiepolitik funktioniert.

Wir sind im europäischen Energieverbund. Das ist jetzt schon so, dass wenn ein Land Probleme hat mit der Energieversorgung, gibt’s einen europäischen Ausgleich, na klar. Es ist jetzt so, dass wir so viel Kohlestrom haben in Deutschland, dass wir den Kohlestrom verkaufen. Zum Beispiel nach Frankreich und dafür den Windstrom runterregeln. Wo gibt’s denn sowas?!

Je mehr ich mich in die Materie vertiefe, desto mehr erschüttert mich das. Alles, was wir derzeit erleben an Hitze, Dürre, Überschwemmung und Wirbelstürmen gründet auf eine Erderwärmung um 1,1 Grad. Die Erwärmung um 3 Grad, auf die wir zusteuern, hätte apokalyptische Folgen. Darin sind sich alle namhaften Wissenschaftler weltweit einig.  Während wir diskutieren und reden, läuft die Zeit ab. Warum rufen wir nicht den Klimanotstand aus? Warum stellen wir nicht die Klimafrage bei allen politischen Entscheidungen an die erste Stelle? Für Ulrich Kasparick ist die Kluft zwischen dem, was passiert und dem, was politisch getan wird, schwer auszuhalten. Was er tut, tut er für die Generation seiner Enkel. Und weil die Welt für ihn Gottes Schöpfung ist.

Als glaubender Mensch bin ich immer mit einem Fuß im Himmelreich und weiß, jederzeit kann es heißen: so komm, jetzt gehst du woanders hin. Aber bis dahin bin ich aufgefordert meine Verantwortung wahrzunehmen. Wir sind verantwortlich für diese Schöpfung.

Verantwortung für Gottes Schöpfung heute

„Für unsere Enkel.Org“- so heißt die Umweltplattform, die Ulrich Kasparick gegründet hat. Als pensionierter Politiker und Pfarrer wollte er noch was für die Generation seiner Enkel tun. Und seine Verantwortung als Christ für Gottes Schöpfung leben.

Ich glaube, dass das, was die Schüler uns jetzt vormachen, mit dazu hilft, dass sich auch die Älteren  nochmal zusammenreißen und sagen: Mensch, wir sind ne Generation- da sind die Grünen draus hervorgegangen und die Bürgerbewegung und die Friedensbewegten und die Schüler sagen uns: ihr wart nicht klar genug. Und vielleicht, wenn man sich jetzt unterhakt- vielleicht kriegen wir die Kurve noch.

Die Europawahl hat das Thema Klimapolitik ganz nach oben befördert. Aber die eigentliche Bewährungsprobe steht erst bevor. Die praktische Umsetzung der vielen Absichtserklärungen. Durch Steuern, Gesetze, Fördermaßnahmen.

Die Kommunen sind ganz zentrale, wichtige Player, weil sie zB. mit den Stadtwerken, die sie haben, Einfluss nehmen können auf die Energiepolitik. Viele Kommunen sind da wirklich großartig, aber sie brauchen die Unterstützung des Bundes.

Regelungen und Verbote haben mir geholfen, umzudenken und umzulernen. Wäre es nicht verboten, im Auto mit dem Handy zu telefonieren, ich würde es heute noch tun. Genauso ist das mit dem umweltbewussten Verhalten. Privat und auf der Ebene der Politik.

Wir haben in der Vergangenheit die Städte um die Autos herumgebaut, wir müssen sie wieder um den Menschen herumbauen und das bedeutet ganz andere Verkehrsinfrastrukturen- also Stärkung des Öffentlichen Nahverkehrs, Radverkehr, Fußgängerzonen, all diese Dinge.

Und was könnte man alles gestalten durch eine CO2 Abgabe. Erneuerbare Energie fördern, sozialen Ausgleich schaffen für die, die sich umweltfreundlich momentan nicht leisten können. All die guten Ideen, Stadtteilinitiativen und Genossenschaften vernetzt Ulrich Kasparick gern und vermittelt Kontakte. Regional und global.

Ganz wichtig ist 350.org.  Das ist ein weltweites Netzwerk, von Kippen gegründet, der ist Träger des alternativen Nobelpreises. Die machen einerseits Öffentlichkeitsarbeit, aber über 350.org ist man auch sehr gut verknüpft mit diesen Alternativbewegungen, die es überall auf der Welt gibt.

Umwelt, Natur, Klima- für mich ist das immer schon Gottes Schöpfung. Im Wald, in den Bergen, am Meer oder einfach in meinem Garten fühle mich Gott ganz nah. Als Christin glaube ich, dass uns Gott abhandenkommt, wenn wir Gottes Schöpfung nicht bewahren. Das ist Ulrich Kasparick und mir ein Herzensanliegen. Deshalb hat er sich entschieden, seinen Ruhestand nicht ruhig zu verbringen, sondern engagiert. Für seine Enkel. Und für Gottes Schöpfung.

Die Energie bei mir ist eigentlich so, dass ich sage: wir haben die Verantwortung. Dietrich Bonhoeffer hat mal den schönen Satz gesagt: „Es kann sein, dass der Herrgott uns morgen zu sich ruft, dann werden wir unser Tagewerk aus der Hand legen, vorher aber nicht.“

 

WWW.fuer-unsere-Enkel.org

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28820