Manuskripte

SWR3 Gedanken

13MAI2019
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Franz, ein Bekannter meiner Mutter, war gestorben. Zu seiner Trauerfeier kam auch Leni, seine alte Freundin. Über sechzig Jahre lang haben sie sich gekannt und gemocht: Er, der eher ruhige, zurückhaltende Mann und sie, die Spaßkanone, die für jeden Unsinn zu haben ist und auf keinem Fest fehlen darf. Sechzig Jahre lang hat Leni Franz in allen möglichen Lebenssituationen zum Lachen gebracht. Besonders gern hat Franz es gemocht, wenn Leni ihm auf der Mundharmonika etwas vorgespielt hat. Während er ihr zuhörte, hatte er Zeit, die Gedanken schweifen zu lassen: Über das Leben, Gott und die Welt.

Als Franz stirbt, ist Leni sehr traurig. Am Abend vor seiner Beerdigung liegt sie lange wach. Sie überlegt sich, was sie noch für ihren alten Freund tun kann. Wie sie ihm noch eine letzte Freude machen kann.

Und so kommt es, dass Leni nach der Beerdigung wartet, bis alle Trauergäste verschwunden sind. Langsam tritt sie nach vorne und legt eine Hand auf den Sarg. Das ist für dich, Franz, sagt sie leise, bevor sie die Mundharmonika an die Lippen legt und ein letztes Mal sein Lieblingslied spielt. Es ist ein flottes Lied. Lustig, voller Hoffnung und Freude. Völlig unpassend für eine Aussegnungshalle. Und doch so wunderbar passend für die zwei Freunde. Leni spielt allein für ihren alten Freund, weil sie glaubt, dass er sich darüber freut, wo auch immer er jetzt ist.

Dieser Moment gehört nur Franz und Leni. Ein Moment, der zeigt, dass Liebe und Freundschaft mit dem Tod nicht enden.

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