Manuskripte

SWR3 Gedanken

12MAI2019
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Schmunzeln muss ich, als ich aus dem Mund meiner Nichte dasselbe Gebet höre, das schon mich selbst als Kind begleitet hat: „Jedes Tierlein hat sein Essen, jedes Blümlein trinkt von dir. Hast auch uns heut nicht vergessen, lieber Gott, wir danken dir.“

Ein niedliches Tisch-Gebet, das schon den Kleinsten ein Gefühl von Dankbarkeit vermittelt. Das zeigt, dass es nicht selbstverständlich ist, zu essen und zu trinken zu haben. Eine Erfahrung, die viele Menschen auf der Welt leider täglich machen.

Ich habe das Gebet schon als Kind geliebt. Weil mir das Bild gefallen hat, wie Gott den Tieren, Blumen und Menschen Nahrung gibt. Doch als Erwachsene fällt mir ein anderer Teil des Gebets auf. Das „Hast auch uns heut nicht vergessen.“ Damit ist natürlich zunächst gemeint, dass Gott genau die Menschen, die gerade dieses Tischgebet beten, nicht vergessen hat zu ernähren.

Ich denke dabei aber auch an die seelische Nahrung. Sie ist genauso wichtig, wie das tägliche Essen auf dem Tisch. Denn es ist wichtig, dass nicht nur der Magen satt wird, sondern auch die Seele.

Vergessen werden. Sich vergessen fühlen.  Diese Erfahrung machen leider viele Menschen bei uns. Besonders ältere Menschen oder Menschen am sogenannten Rand der Gesellschaft. Aber auch, wenn jemand alles hat: Freunde, Familie, einen tollen Beruf, Geld und Erfolg, kann er sich vergessen fühlen. Wenn er das Gefühl hat, dass sich niemand für ihn interessiert, ihn niemand versteht. Wenn er sich fühlt wie der einsamsteMensch im Universum.

Wenn ich heute das Kinder-Tischgebet spreche, dann danke ich deshalb nicht nur für das Essen, sondern schließe all diejenigen in mein Gebet mit ein, die sich vergessen fühlen. Mit der Hoffnung, dass ein Mensch niemals ganz vergessen sein kann. Weil Gott eben nicht vergisst. Kein Tier, keine Blume und auch keinen Menschen.

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