Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Ich geb‘ mir nicht mehr lange. Mein Leben ist fertig.“ Der 63jährige, der das gesagt hat, ist deutlich vom Leben gezeichnet. Getrocknetes Blut klebt unterm Auge, die Hände sind aufgeschürft. So wie er riecht, hat er wohl schon lange nicht mehr geduscht. „Ich muss um Entschuldigung bitten“ sagt er, und nimmt einen Schluck Kaffee. Und er erzählt von seiner Kindheit, dass sein Vater ihn jeden Tag gedroschen hat; er erzählt von seinem momentanen Schlafplatz und wie er sich im Sommer mal mit Wonne in einem Brunnen gewaschen hat. Jetzt genießt er den schönen, warmen Raum in der Bahnhofsmission. Und bei ihm sitzt eine ihrer Mitarbeiterinnen. Sie hört ihm zu, sie schenkt ihm ihre Zeit und ihre Zuwendung. Sie kennt viele seiner Geschichten schon, der Mann kommt öfter. Sie möchte auch ihn spüren lassen, wozu die Bahnhofsmission da ist: „Wir möchten das Leben in schwierigen Augenblicken etwas leichter machen. Alle sind hier bei uns willkommen. Jeder darf hier einfach so da sein. Und wir sind für ihn da.“

Der Dienst der Bahnhofsmission hat sich schon lange gewandelt. Die direkte Unterstützung hilfebedürftiger Bahnreisender macht nur noch 20% ihrer Arbeit aus. Immer mehr ist die Bahnhofsmission ein Zufluchtsort geworden, ein Anlaufpunkt für Menschen, die irgendwie sozial abgerutscht sind: Wohnungslose, Drogenabhängige, psychisch Kranke, gestrandete Osteuropäer, Geflüchtete, Einsame, Arme, … Die Gesellschaft produziert sie anscheinend in immer größerer Zahl. Aber es fehlen die Anlaufstellen, wo diese Menschen sich den Tag über mal für eine kurze Zeit aufhalten können. Wo sie erleben, dass ihnen jemand zuhört, für sie persönlich da ist – wo sie also ihre Würde spüren können. Ein 82jähriger Rentner kommt ab und zu vorbei, um der Einsamkeit seiner Wohnung zu entfliehen. Seine Erfahrung: „Hier ist immer jemand zum Reden. Und die Mitarbeiterinnen sind so freundlich.“ Das tut ihm gut.

Das schenkt ihm neuen Mut. Auch für ihn ist die Bahnhofsmission eine kleine Oase, wo er ein wenig aufleben kann. Genauso, wie es die Mitarbeiterin gesagt hat: „Jeder darf hier einfach so da sein. Und wir sind für ihn da!“

Für die Ansprache habe ich mich gestützt auf den Artikel „‘ne Tasse Kaffee kriegst du immer. Zu Besuch in der Bahnhofsmission in Karlsruhe“ von Daniel Gerber im „Konradsblatt. Wochenzeitung für das Erzbistum Freiburg“ in der Ausgabe vom 9.12.2018 (Nummer 50/2018), S. 18-20.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28284

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