Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Heute, am Valentinstag, sind sie wieder allgegenwärtig: Herzen in jeder Form und Farbe – in der Werbung, in den Schaufenstern, beim Bäcker und natürlich im Blumenladen. Der Valentinstag ist der Tag der Liebenden, und das Herz, das ist bei uns eben das Symbol für die Liebe. Im Herzen, da sitzt, so stellen wir es uns vor, das Gefühl.

Auch in der Bibel, besonders im Alten Testament, spielt das Herz eine wichtige Rolle. Allerdings: Das Herz als Sitz der Gefühle, besonders als Symbol für die Liebe, ist im hebräischen Denken völlig unbekannt.

Die Augen sind zum Sehen da, heißt es an einer Stelle im fünften Buch Mose, die Ohren zum Hören, und das Herz – zum Verstehen! Die Menschen zur Zeit der Bibel fühlen nicht mit ihrem Herzen, sie denken mit dem Herzen. Das Herz ist der Sitz der Vernunft, des Verstandes, des Überlegens und Planens und der Entschlüsse.

In der Sprache der Bibel ist es also das Herz, das nachdenkt und erkennt. Ich finde diesen Gedanken spannend. Denn wer mit dem Herzen denkt, so behaupte ich, der oder die denkt anders:

In unserer, vom griechischen Denken geprägten Vorstellung, da sind Denken und Fühlen streng getrennt. Der Kopf denkt, so ist unsere Idealvorstellung, schön abgesetzt vom Rest des Körpers, hoch erhaben und möglichst frei von Beeinträchtigungen durch Bedürfnisse des Körpers oder Aufwallungen der Gefühle.

Das denkende Herz dagegen, vom dem die Bibel spricht, das sitzt in der Mitte des Körpers. Sein Schlag wird schneller, wenn wir uns anstrengen, er wird langsamer, wenn wir ruhen. Und auch unsere Gefühle spiegeln sich in unserem Herzschlag wieder: Wir spüren Herzklopfen, wenn wir Angst haben oder freudig gespannt sind. Das Herz scheint zu stolpern, wenn wir uns sehr erschrecken.

Das denkende Herz, das überlegt und plant nicht abgehoben vom Rest des Körpers, und auch nicht unabhängig von dem, was wir fühlen. Verstand und Gefühl, Geist und Körper – im Herzen kommen sie zusammen.

Deshalb ist es, glaube ich, gut, mit dem Herzen zu denken – poetisch gesprochen. Das denkende Herz befreit davon, ausschließlich für unsere körperlichen Bedürfnisse zu leben oder allein von unseren Gefühlen getrieben zu werden. Aber das denkende Herz schützt uns eben auch davor, unseren Körper und unsere Gefühle zu vernachlässigen, als wären sie nur lästiger Ballast. Und wenn das Herz denkt, dann ist die Tiefe des Denkens auch nicht an der IQ-Zahl eines Menschen festzumachen.

Denken ist nicht nur Kopfsache – das kann man in der hebräischen Bibel lernen. Und daran lasse ich mich gerne erinnern von den vielen Herzen heute am Valentinstag.

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