Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Dies irae – Tag des Zorns. So beginnt ein bekannter mittelalterlicher Hymnus über den jüngsten Tag. Die Portale der großen Kathedralen empfangen Besucher oft mit einer bildlichen Darstellung der Ereignisse, die einen das Fürchten lehrt. Der jüngste Tag – wer solche Worte und Bilder im Kopf hat, sehnt ihn nicht gerade herbei. Deshalb berührt mich jedes Jahr am Ende des Kirchenjahres ein schlichtes Lied, das der württembergische Pfarrer Philipp Friedrich Hiller 1767 gedichtet hat:

Wir warten dein, o Gottes Sohn, und lieben dein Erscheinen.

Was Hiller vom Jüngsten Tag erwartet, ist ganz anders als die Bilder vom Tag des Zorns:

Wer an dich glaubt, erhebt sein Haupt und siehet dir entgegen;
du kommst uns ja zum Segen.

Die Wiederkunft Christi – Hiller rechnet fest damit. Aber für ihn hat dieses Ereignis nichts Erschreckendes. Nein, er freut sich darauf – und sieht ihm erhobenen Hauptes entgegen. Weil er darauf schaut, wer da kommt. Kein unnahbarer Gott und unerbittlicher Richter, sondern Jesus selbst. Der Jesus, der sich mit zwielichtigen Gestalten an einen Tisch gesetzt hat. Der die Ehebrecherin verteidigt und die Ausgegrenzten eingeladen hat. Und der weiß, wie sich Leid und Schmerz anfühlen.
Ich glaube, was mich an den Versen von Hiller so berührt, ist seine Sehnsucht, Jesus zu begegnen. Seine Vorfreude, die zeigt, dass die Botschaft von Jesus für ihn eine Herzenssache ist: Wir warten dein; du hast uns ja das Herz schon hingenommen, so heißt es in der dritten Strophe.

Wir warten dein; du hast uns ja das Herz schon hingenommen.
Du bist uns zwar im Geiste nah, doch sollst du sichtbar kommen;
Da willst uns du bei dir auch Ruh, bei dir auch Freude geben,
bei dir ein herrlich Leben.

Ich gebe zu: So wie Hiller könnte ich es selbst nicht sagen und dichten. Und trotzdem singe ich seine Worte gerne mit und lasse mir von ihnen Hoffnung machen. Weil ich glaube: So eine feste Zuversicht auf eine gute Zukunft verändert auch im Hier und Heute schon etwas. Wenn ich darauf vertraue, dass am Ende – am Ende meines Lebens und auch am Ende der Geschichte –  kein Tag des Zorns steht, sondern dass es gut werden wird, dann sehe ich der Zukunft, wie Hiller es auch so schön sagt, mit erhobenen Haupt entgegen. Dann lebe ich freier, weil ich gelassener mit den kleinen und großen Ärgernissen, Niederlagen und Sorgen des Alltags umgehen kann. Dann bin ich anderen Menschen gegenüber gelassener und großzügiger.

Vielleicht ist dann sogar jetzt schon etwas zu spüren von der Ruhe und der Freude, von dem herrlich Leben, von dem Hillers Lied singt.

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