Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(GL Freiburg-Rottenburg 831)

 Musik 1: Klavier-Intro 

Das Lied zum Sonntag stammt heute aus einem jüdischen Buch. Es liegt vor mir, und manchmal vergesse ich, dass man es anders herum aufschlagen muss als die Zeitung und die meisten unserer Bücher. Sein Inhalt sind Gebete und Gesänge für den wichtigsten Abend im jüdischen Leben: das Festmahl an Pessach zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Gegen Ende, nach vielen Lobgesängen, steht da ein merkwürdiges Gebet im Konjunktiv: „Wäre unser Mund voller Gesang, so voll wie das Meer, und wäre unsere Zunge voller Brausen, so wie Wellen des Meeres tosen, und wären unsere Lippen so breit, dass sogar der Himmel hineinpasste …“ – Ich finde: Das ist ein seltsame Vorstellung! Aber was wäre denn dann? Dann hätten wir vor lauter Gotteslob den Mund zu voll genommen, denn all das wäre, wie es im Gebet heißt „immer noch nicht genug, um dir zu danken, Ewiger, und um deinen Namen zu preisen.“                                                                                                              

Musik 2: Strophe 1

Wäre Gesanges voll unser Mund,

voll wie das Meer und sein Rauschen,

klänge der Jubel von Herzensgrund,

schön, dass die Engel selbst lauschen.

So reichte es nicht, dich, Gott, unsern Gott, recht zu loben … 

„… so reichte es nicht, dich, Gott, unsern Gott, zu loben“ – dieses Lied möchte davor warnen, den Mund beim Beten und beim Singen zu voll zu nehmen! Jede Religion soll ihren Gott loben und preisen. Jede soll für ihn argumentieren. Sogar der Streit um die religiösen Wahrheiten gehört dazu, wenn er mit Respekt geführt wird. Die vielen Gottesbilder sind sozusagen der „Grundton“ von Religion. Unser Lied hingegen besingt einen „Oberton“. Es sagt: Gott ist größer als all meine Bilder von ihm. Vieles trägt zu seinem Lob bei, auch  in diesem Lied: die glänzenden Augen, die Füße „leicht wie im Tanz“, die hilfsbereiten Hände und die singenden Kinder. Und doch gilt: „… so reichte es nicht“. Was Gott uns Gutes tut, können wir gar nicht mit eigenen Leistungen aufwiegen.                                                                                                 

Musik 3:  Strophe 4

Läge uns auch von Herzen daran,

all jene Male zu nennen,

da du uns so viel Gutes getan,

daran wir dich, Gott, erkennen.

So reichte es nicht, …                                          

Verfasst und komponiert wurde dieses Lied als eine Art „musikalisches Denkmal“:Vor 30 Jahren haben Bauarbeiter in Frankfurt am Main Reste des jüdischen Ghettos gefunden. Jahrhunderte lang mussten Juden in einer „Judengasse“ leben – ein schreckliches Zeichen religiöser Unterdrückung. Die Autoren unseres Liedes – der Theologe Eugen Eckert und der Komponist Alejandro Veciana – haben damals beschlossen, solcher Feindseligkeit eine Musik entgegenzusetzen – eine Musik, mit der Juden und Christen sich geschwisterlich begegnen können. Ihre Inspiration fanden sie in dem hebräischen Buch, das vor mir liegt. Mir sagen das Buch und das Lied: Halte einen Platz frei in deinem Leben für die unermessliche Größe Gottes. Raube ihm nicht sein Geheimnis und sperr ihn nicht in menschliche Rahmen ein. Auch im Wettstreit der Religionen muss das gelten! Und das Wichtigste vielleicht: Verlerne nicht zu staunen vor dem Höchsten.                                                                                                                    

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