Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Weihnachten – das ist für mich beides: ein nahes und zugleich ein fernes Fest. Nah, weil es nur noch wenige Tage bis dahin sind. Weil die Düfte der Weihnachtsbäckerei schon durchs Haus ziehen. Weil Passanten auf Straßen und Plätzen eilig unterwegs sind, um letzte Geschenke zu kaufen. 
Und dennoch ist Weihnachten zugleich auch sehr fern: weil der Inhalt dieses Festes weit entrückt zu sein scheint. Dass Gott Mensch wird! Dass Friede sei auf Erden! Hart stößt sich die Botschaft der Engel über den Hirtenfeldern bei Bethlehem mit den politischen Realitäten unserer Welt.
Ganz ähnlich ist das mit dem Weihnachtslied „O Bethlehem, du kleine Stadt“, das sich im evangelischen Gesangbuch findet:

Oh Bethlehem du kleine Stadt,
wie stille liegst du hier,
du schläfst und goldne Sternelein
ziehn leise über dir.
Doch in den dunklen Gassen,
das ew‘ge Licht heut scheint
für alle die da traurig sind
und die zuvor geweint.

Das Bethlehem, das in diesem Lied gezeichnet wird, ist nicht das von politischen Spannungen zerrissene und geteilte Bethlehem im Westjordanland von heute. Sondern ein Ort, zu dem unsere Sehnsucht nach Frieden und Trost Zuflucht nimmt. Und dennoch: gerade dort, an einem  Ort der politischen Gegensätze und militärischen Spannungen, kommt die Friedensbotschaft den Menschen besonders nahe.

Des Herren heilige Geburt
verkündet hell der Stern,
und ew‘ger Friede sei beschert
den Menschen nah und fern;
denn Christus ist geboren,
und Engel halten Wacht,
derweil die Menschen schlafen,
die ganze dunkle Nacht.

Darum feiern wir doch dieses Fest, damit uns das Ferne nahe kommt. Damit aus einem fernen Traum konkreter Frieden wird. In Bethlehem und Bagdad. In Paris und in Berlin. In unseren Häusern und Wohnungen.
Christen feiern Weihnachten, weil der ferne Gott dieser friedlosen Welt nahe gekommen ist, ein Kind wurde. Auch mit dem Lied von der kleinen Stadt Bethlehem bitten sie darum, dass dieser Mensch gewordene Gott zu jedem Einzelnen von uns kommt. Damit die Friedensbotschaft der Engel nicht ungehört verklingt. Sondern Resonanz findet. Und Wurzeln schlägt auf Erden.

Oh heilig Kind von Bethlehem,
in unsere Herzen komm,
wirf alle unsre Sünden fort
und mach uns frei und fromm!
Die Weihnachtsengel singen
die frohe Botschaft hell:
Komm auch zu uns und bleib bei uns,
Herr Immanuel!

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CD: Beliebte Weihnachtslieder, Stuttgarter Hymnus-Chorknaben, Hänssler Verlag 2008

Text: Deutsche Übersetzung 1954 aus dem Englischen durch Helmut Barbe;
          veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verlags Merseburger Kassel

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