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SWR2 Wort zum Tag

Ein biblisches Gebet lautet: "Du führst mich hinaus ins Weite, Gott, du schenkst meinen Schritten weiten Raum." Es bedeutet mir viel.

Der Blick, der Gang ins Weite ist ein Gleichnis menschlichen Lebens. Leben heißt über sich hinausgehen. Von Anfang an erweitern wir unseren Lebensraum. Mit tastenden Händchen erkundet ein Kleinkind seine Welt; die ersten noch unsicheren Schritte auf den eigenen kleinen Beinchen  bedeuten die erste Erfahrung von Freiheit. Junge Menschen müssen die Welt und das eigene Leben erkunden. Sie müssen lernen und eigene Erfahrungen machen - glückliche und schmerzliche. Sie müssen sich manchmal Freiräume erkämpfen und erstreiten. Wählen, Abwägen und Entscheidungen treffen, Beziehungen knüpfen und sich lösen, einen Platz in der Gesellschaft finden: all dies bedeutet, den Weg in die Weite hinein zu suchen und zu finden - in einer fast unendlich erscheinenden Fülle von Zeit und von Möglichkeiten. So stellen wir uns das Leben im Idealfall vor -  wenn wir jung sind, aber auch noch in der Lebensmitte. Dass dies alles auch mühsam sein kann, mit Enttäuschungen, mit Rückschlägen, ja oft mit Scheitern verbunden - auch das ist richtig. Aber im geglückten Fall heißt Leben ins Weite gehen.

Weite ist keine Frage des Lebensalters. Junge und ebenso ältere Menschen können eng und ängstlich sein und meinen, alles müsse sich überschauen und planen lassen. Oft werden die Lebensmöglichkeiten radikal begrenzt - durch eine schwere Krankheit etwa oder durch einen Unfall; oder wenn der Arbeitsplatz verloren geht oder die Familie zerbricht. Auch älter zu werden ist mit oft schwerwiegenden  Einschränkungen verbunden. Dann steht die Welt nicht mehr einfach offen, obwohl sich manchmal überraschend Neuland auftut. Aber die Weite ist vor allem eine innere menschliche Qualität - Weite der Seele, des geistigen Horizonts, des Verständnisses für andere. Gerade unter bedrängten Lebensumständen können Menschen über sich hinaus wachsen und weit und offen werden. Sie müssen diese Freiheit oft mühsam durch Rückschläge und Phasen der Verzweiflung hindurch erringen. Manchmal liegen Enge und Weite, Angst und Freiheit auch eng neben einander - in ein und demselben Menschen.

Ich kenne hoch betagte Menschen von großer innerer Freiheit und einem weiten geistigen Horizont. Obwohl ihr Lebensradius eng geworden ist. Obwohl auch sie wahrscheinlich immer wieder mit der Angst ringen müssen. Vielleicht sind sie weit geworden, weil sie niemand mehr etwas beweisen, nichts mehr erstreiten und keine großen Pläne mehr schmieden müssen. Vielleicht aber auch, weil sie im Auf und Ab ihres Lebens gelernt haben, sich dem Offenen, dem Unverfügbaren anzuvertrauen. Sie müssen nicht mehr ins Weite gehen, nicht mehr die Weite suchen; sie dürfen sich in die Weite führen lassen.

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