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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Heute also wird sie zum zweiten Mal spielen, die deutsche Nationalmannschaft, gegen Serbien. Dummerweise schon um 13.30 Uhr, da müssen denn doch noch einige Leute arbeiten, ich leider auch. Aber vermutlich werden sich trotzdem wieder viele zum Fußballgucken treffen, in den Kneipen, vor großen Leinwänden. „Public viewing", das ist ein echtes Phänomen, seit dem Fußball-Sommermärchen vor vier Jahren. Ich finde es klasse, dass Fußball gemeinsam geschaut und gefeiert wird. Freunde und Fremde kommen zusammen, um miteinander zu bibbern und zu schreien, um sich zu ärgern über Fouls und Fehlschüsse und natürlich vor allem: um zu jubeln über Tore und Siege für die eigene Mannschaft. Es ist einfach schöner, all das gemeinsam zu tun.

Vielleicht genießen wir das in Deutschland gerade auch deshalb, weil wir in einer so genannten „individualisierten" Gesellschaft leben. Viele Menschen leben allein, sind für sich alleine zuständig und verantwortlich. Und wir Deutsche definieren uns ja alle ganz gerne als Individuen, wollen als Einzelne wichtig genommen werden - das ist ja auch gut und richtig so. Aber es ist eben auch ganz wunderbar zu erleben: gemeinsam, am besten in einer richtig großen Gemeinschaft: da lebt es sich auch ziemlich gut. Da kann ich eintauchen in eine große Runde, da bin ich nur ein kleiner Teil in einem großen Ganzen, eine Stimme von vielen. Letzten Sonntag hab ich das ganz stark so erlebt: Die erste Halbzeit gegen Australien hab ich noch vor dem eigenen Fernseher geschaut. Aber dann hat es mich um halb zehn doch noch nach draußen gezogen. Und ich hab es richtig genossen, gemeinsam Fußball zu schauen und zu feiern. In einer großen Gemeinschaft einzutauchen.

Übrigens geht mir das mit Glauben und Kirche ganz ähnlich: Ich bin froh, dass ich vor Gott als Einzelne, als Individuum zähle. Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, nur als Einzelne zu glauben und meinen Glauben zu feiern. Ich brauche immer wieder die Gemeinschaft, ich brauche das gemeinsame Beten, das „public praying" sozusagen. Ob beim Fußball oder beim Gebet: Der Mensch ist ein Gemeinschaftstier. Es tut ihm einfach gut, wenn er seinen Frust und vor allem auch seine Freude mit anderen teilen kann.

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