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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Heute ist Karsamstag und der Tag hat für mich die Farbe grau. Denn schwarz, das war gestern, Karfreitag, der Tag, an dem Jesus gekreuzigt worden ist. Heute, am Karsamstag, da ist das Schlimmste vorbei. Aber jetzt heißt es, die Leere ertragen.
Ein Gefühl der Leere und Hoffnungslosigkeit hat sich auch damals unter den Jüngern und Jüngerinnen ausgebreitet. Die einen verkriechen sich vor Schreck in ihren Häusern. Andere laufen traurig davon. Und wieder andere weichen nicht von Jesus; auch nicht, als er tot ist.
Die Bibel erzählt:
Noch in der Nacht seines Todes wird Jesus in einer Gruft beigesetzt. Joseph von Arimathäa, ein angesehener Bürger, hat die Behörden um seinen Leichnam gebeten; denn er will ihn begraben.
Das war ganz schön mutig, denn Jesus war ja als Unruhestifter getötet worden.
Und wer mit so einem sympathisiert - klar, der macht sich verdächtig. Doch die Behörden überlassen ihm einfach den Leichnam.
Joseph besitzt eine eigene Grabstätte. Dorthin bringt er Jesus; dort soll er ruhen. Er wickelt ihn in ein Leinentuch und legt ihn in die Gruft. Dann wälzt er einen großen Stein davor und geht. - Was er tun konnte, hat er getan: nun hat Jesus wenigstens einen letzten Ruheplatz.
Im Mathäusevangelium heißt es: „Es waren aber dort Maria aus Magdala und die andere Maria, die saßen dem Grabe gegenüber."
Die sind dem Joseph also gefolgt und haben alles mit angesehen. Erstaunlich. Die Frauen bleiben. Halten das aus. Ohne zu wissen, wie es weitergeht.
Ich glaube, ich wäre eher weggelaufen, so wie die anderen Jünger.
Aber die beiden, Maria aus Magdala und die andere Maria, die verharren.
Weil das der Ort ihrer Trauer ist. Hier sind sie dem Toten ganz nah.
Und sie tun das, was das Richtige für sie ist: Sitzen und schweigen.
Wie lange sie wohl so dasitzen? Ich stelle mir vor, die ganze Nacht. Bis zur Morgendämmerung, eins geworden mit dem Grau. Das Herz randvoll und doch auf seltsame Weise furchtlos. 

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