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SWR2 Wort zum Tag

Man hat ihn „Arbeiter-Papst" oder „Sozial-Papst" genannt. Das war 1891, nachdem Papst Leo XIII. seinen berühmten Brief an die Bischöfe der Welt geschrieben hatte, eine so genannte Enzyklika. Diese Sozial-Enzyklika handelte von den „neuen Dingen", lateinisch „Rerum Novarum": Mit der industriellen Revolution am Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die Gesellschaft in Europa verändert - politisch, wirtschaftlich und sozial. Papst Leo XIII. sah, dass sich dabei die Gesellschaft immer tiefer in Arm und Reich spaltete. Vor allem aber bedrückte ihn, in welch großer Not und Unsicherheit Arbeiter und ihre Familien oft leben mussten. Er wollte sie weder dem freien Spiel von Markt und Kapital noch den „Irrlehren" der Sozialisten überlassen.

Vor kurzem wäre der Sozial-Papst 200 Jahre alt geworden. Am 2. März. Deshalb ein nur pflichtschuldiges historisches Gedenken? Für mich ist es mehr.

Natürlich, Papst Leo XIII. war ein Kind seiner Zeit. Und so kommt mir auch vieles fremd vor, was in der berühmten Sozialenzyklika steht - gleich ob es um die Rolle des Staates, den Machtanspruch der Kirche oder das patriarchale Familienbild geht. Aber es findet sich darin auch anderes: Die Arbeitgeber werden gemahnt, gerechten Lohn zu zahlen und die Staaten verpflichtet, Arbeiter und ihre Familien vor Ausbeutung zu schützen. Zwar sollen Arbeiter und Arbeitgeber frei sein, welchen Lohn sie miteinander aushandeln. Aber zugleich mahnt Papst Leo: Der Lohn dürfe nie so niedrig sein, Zitat, „dass er einem genügsamen, rechtschaffenen Arbeiter den Lebensunterhalt nicht abwirft."

Das klingt erstaunlich aktuell - gerade in diesen Tagen, wo wir wieder einmal so heftig streiten: über Mindestlöhne und den richtigen Abstand zwischen Lohn und Sozialhilfe. Ob es zu viele Faulenzer unter den Langzeitarbeitlosen gibt, zuwenig Anreiz zur Arbeit oder doch vor allem zuwenig Arbeitsplätze.

Auch die Kirche kann hier keine einfachen Antworten und Lösungen bieten. Und so wie zu Papst Leos Zeiten kann und will sie auch nicht mehr auftreten. Aus der gleichen Tradition aber, dem Evangelium und dem christlichen Menschenbild, erhebt sie mit guten Argumenten Einspruch: Dort, wo Menschen aus dem gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt bleiben, gerade etwa die Kinder so genannter Hartz IV-Empfänger. Sie verteidigt Langzeitarbeitslose, wo diese pauschal als arbeitsunwillig diffamiert werden. Und sie hilft auch konkret in ihren karitativen Einrichtungen: zum Beispiel eine Lebensperspektive zu suchen, wo Hoffnungslosigkeit schon in zweiter und dritter Generation vererbt wurde.

So kann die Erinnerung an Leo XIII ermutigen: Sensibel zu bleiben, für die aktuellen sozialen Fragen und Herausforderungen - auch unserer Zeit!

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