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SWR3 Gedanken

Anfang März, an einem Donnerstag, habe ich mich ein bisschen
gefühlt wie der Vater, von dem Jesus eine Geschichte erzählt:
Plötzlich und überraschend stand unser Jüngster vor der Tür -
nach über einem Jahr in Australien und sonst wo in der Welt.
Wir hatten gewusst, dass er im März wiederkommt.
Es gab schon Pläne für einen großen Empfang.
Begrüßungskomitee mit welcome-Transparent in der Ankunftshalle -
das hat Martin umgangen. Würde ihm auf den Senkel gehen, so was.
Die Geschichte vom Vater und dem missratenen Sohn in der Bibel,
die geht natürlich ganz anders.
Der Sohn zwingt den Vater, das Erbe auszuzahlen;
er wandert aus, haut in der Fremde alles auf den Kopf
und wandert nach langen inneren Kämpfen zurück;
er versucht dem Vater zu sagen: Ich bin nicht mehr dein Sohn,
gib mir einfach nur ein bisschen Arbeit.
Aber der Vater empfängt ihn mit Festmahl und Freudentänzen,
schlachtet das Mastkalb und lädt das ganze Dorf ein…
Unsere Geschichte war viel weniger dramatisch.
Martin wollte eben mal eine Zeit lang was ganz anderes erleben,
bisschen Geld verdienen – und wiederkommen und weitersehen.
So wie viele junge Leute das heute machen – und das ist ja auch gut so.
Ich habe ihn oft beneidet – damals, als ich in seinem Alter war,
habe ich brav studiert, bald in Familie gemacht, ganz ohne Abenteuer;
aber wie gesagt, heute beneide ich ihn doch ein bisschen.
Und trotzdem habe ich mich gefühlt wie der Vater in der Jesus-Geschichte;
einfach am eigenen Leib gemerkt, wie man sich als Vater freut,
wenn nach langer Trennung das Kind wieder da ist.
Und ich verstehe den Vater in der Geschichte jetzt besser als vorher –
früher war es mehr Theorie.
Der Vater kann seinen Heimkehrer-Sohn einfach nur lieben,
sich freuen, alles in Bewegung setzen – egal was passiert ist:
Hauptsache, er ist wieder da.
So fühlt und handelt Gott, sagt Jesus; der ist der Vater in der Geschichte…
Statt Mastkalb gab’s bei uns übrigens Reibekuchen.
Martin wollte mal was richtig typisch Deutsches essen.



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