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SWR3 Gedanken

„Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen“, Was für ein Satz! Ich kenne ihn auswendig, er begleitet mich seit meiner Kindheit. Jesus hat das gesagt, in der Bergpredigt. „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden
Gott schauen“.

Als kleines Kind fand ich diese Aussage motivierend: Wenn ich ganz brav bin, dachte ich, kriege ich bestimmt ein so reines Herz, dass ich Gott sehen kann.
Mit den Jahren frustrierte mich der schöne Satz. Ich war doch immer wieder so brav, aber Gott reichte das offensichtlich nicht; er ließ sich nicht sehen.

Später war ich überzeugt: das mit der Gottesschau und dem reinen Herzen, das ist bestimmt nur was für die, die im Kloster oder in einem Orden leben und sowieso den ganzen Tag beten. Und so schön ich die Idee mit den reinem Herz fand – das war’s mir dann doch nicht wert.

Jetzt habe ich eine Frau kennen gelernt, die alle Überlegungen von früher über den Haufen wirft. So ist das also, wenn jemand ein reines Herz hat: Jene ältere Frau geht voller Herzlichkeit und ohne jede Vorbehalte auf fremde Menschen zu. Sie schenkt dem anderen jeweils ihre ganze Aufmerksamkeit. Aus Gesprächen mit ihr gehen die Leute gestärkt weg und viele sagen, dass sie sich ohne viel Worte verstanden gefühlt haben. Ja, denke ich, so muss das sein mit dem reinen Herzen. Dem anderen mit einem Herzen begegnen, das von allen Vorurteilen gereinigt ist, ihm mit ganzer Aufmerksamkeit begegnen, nichts in ihn hinein interpretieren. Einfach sehen, was er oder sie vor aller Leistung und Sympathie ist: Ebenbild Gottes.

Den anderen so anschauen, als ob in ihm wirklich alle Liebe dieser Schöpfung wohnt. Der anderen so zuhören, als ob in jedem Wort Neues möglich wird. Dann sehe ich Gott, Gottes Möglichkeiten.
Dann gilt: „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden
Gott schauen“.
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