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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Ein blühender Strauch - gelbe Forsythien, behängt mit bunten Weihnachts-kugeln, Strohsternen und roten Kerzen. Dieses Bild lässt mich nicht mehr los. Ich habe es in meinem Weihnachtskalender gesehen.

Eine Weihnachtsforsythie. – Aber so etwas gibt es doch gar nicht!
Schließlich ist die Forsythie ein typischer Frühjahrsblüher.
Warum eigentlich nicht? Es ist doch so:
Auf der gesamten anderen Halbkugel unserer Erde ist es ja warm an Weinachten. Da ist Somer! Und ich erinnere mich, wie ich in meiner Kindheit an Weihnachten mit Söckchen und Sandalen rumgelaufen bin, als wir noch selbst dort lebten, in Süd-Amerika.

Auch das Kind, das wir an Weihnachten feiern, wurde von seiner Mutter keineswegs durch winterlichen Schnee getragen. Den langen Weg nach Bethlehem - so erzählt die Bibel - ritt Maria auf einem Esel durch trockene Wüstenlandschaft. Zwar war es auch dort Winter, aber so richtig frostig war es wohl kaum.

Und doch, überall auf der Welt verbinden Menschen mit Weihnachten Schnee und Winter, Zimtgebäck und Tannenbäume. Und wo immer Weihnachten gefeiert wird, werden Tannenbäume geschmückt - echte oder künstliche - es werden Winterlandschaften imitiert und in allen Sprachen vernimmt man „leise rieselt der Schnee“.

Irgendwie hat sich dieses winterliche Weihnachtsbild unumstößlich in den Köpfen und Seelen der Menschheit festgesetzt.
Vielleicht, weil bei uns die dunkle Jahreszeit unsere Sehnsucht und Verlorenheit so greifbar werden lässt. Und weil in der Dunkelheit das Licht des Gotteskindes viel heller scheint. Das Kind in der Krippe nimmt sich der Tränen der Enttäuschten und Einsamen an - das ist die Weihnachtsbotschaft.
Das klingt schön, aber wie soll das gehen?

Ich erinnere mich noch genau an einen Weihnachtsgottesdienst als Studentin: Ich kam zu spät. Und es war wie in Bethlehem: alles besetzt.
Fast wäre ich wieder rausgegangen. Aber dann holte mich die Orgelmusik ein. Und die altbekannten Worte der Weihnachtsgeschichte „Es begab sich aber zu der Zeit…“ klangen wie: „Hier bist du zu Hause.“
Dicht gedrängt zwischen fremden Menschen fühlte ich mich plötzlich seltsam geborgen. Und da begriff ich ganz tief in mir, dass das Kind in der Krippe auch für mich geboren wurde.
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