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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

25NOV2021
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November Blues. Das überkommt mich besonders oft in der Woche nach dem Ewigkeitssonntag. Dem Sonntag, an dem evangelische Christen und Christinnen der Verstorbenen des vergangenen Jahres gedenken. Ich bin in der Woche nach dem Trauersonntag immer sehr durchlässig – empfindlich.

Ich erinnere mich an Menschen, die mir wichtig sind, die ich aber verloren habe. Manchmal ist das schwierig, wenn ich so durchlässig bin. Vor allem, wenn die Welt um mich herum das gar nicht weiß und so keine Rücksicht nehmen kann. Da wünsche ich mir dann ein dickeres Fell.

Am liebsten wäre ich die Erinnerungen dann los, um so weniger empfindlich zu sein. Aber was wäre das dann? Kein Leben, so sieht es zumindestens Meta. Sie hat schon viele Menschen verabschiedet, zwei Ehemänner, Geschwister, Freunde und Verwandte. Wenn sie erzählt, hat man manchmal den Eindruck sie lebt nur in der Erinnerung – aber das stimmt nicht. Sie ist sehr interessiert an dem, was um sie passiert. Und sie versteht mich gut, wenn ich erzähle, dass ich mich so verletzlich fühle mit meinen Erinnerungen.

Das Schöne ist, sie lächelt mich dann an und fragt: „Was wäre das Leben denn ohne Erinnerungen? Wir leben im hier und jetzt, obwohl wir schon so viel erlebt haben. Ich bin dankbar für die Zeit, die ich mit meinen Lieben verbringen konnte. Leider ist es vorbei. Und es ist schmerzhaft Abschied zu nehmen, aber ich habe sie in Erinnerung und kann damit mein Leben gut leben.“

Sie sagt es mit strahlenden Augen und einer Lebensenergie, die ist berauschend. Ich versuche mir an ihr ein Beispiel zu nehmen. Empfindsam sein ist nichts Schlimmes. Aber von Meta lerne ich: es tut gut bei aller Trauer um einen Verlust auch Raum für die Dankbarkeit zu lassen. Dankbar sein für Zeit und Erinnerungen das ermöglicht bei aller Trauer die Zeit um den Ewigkeitssonntag. Der Name allein führt schon in eine andere Welt, eine andere Zeit ein. Meta sagt: Meine Erinnerung bindet mich an das Leben und an die Menschen, mit denen ich diese Zeit verbracht habe. Wenn ich an Gottes Ewigkeit denke, dann tröstet mich das. Wenn wir in Gottes Ewigkeit sind, dann geht nichts mehr zu Ende. Nur die Trauer, die hört dann auf.“

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