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SWR2 Wort zum Tag

25AUG2021
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Ich gehöre zur Generation der Erben. Nicht jedem gefällt sein Erbe, selbst dann, wenn es sich um ein respektables Vermögen handelt. Einige Menschen haben ihr Erbe als eine Last empfunden, die sie nicht tragen wollten. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein etwa stammte aus einer schwerreichen österreichischen Familie und hat auf sein Erbe verzichtet, um unbelastet denken zu können. Ich vermute, er hatte auch Sorge, dass ihn sein Erbe korrumpieren, Angst davor, dass das Geld seine Persönlichkeit verändern könnte.

Leider kann man nicht jedes Erbe ausschlagen, noch nicht einmal dann, wenn das Erbe nur aus Schulden besteht. Wir haben ökologische Schulden geerbt und leiden nun unter den Folgen eines rücksichtslosen Umgangs mit der Natur. Wir sind Erben eines technologischen Fortschritts, dessen Konsequenzen keiner vollständig abschätzen kann, weil es noch keine Erfahrungen mit dieser Art von Erbe gibt. Solches Erbe hat schon jetzt Schäden an den Seelen von Menschen verursacht und tut es weiter.

Einer meiner Lieblingssprüche aus der Bibel ist ein Wort Jesu aus dem 16. Kapitel des Matthäusevangeliums: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ Dieses Wort lädt zu einem Perspektivwechsel in Sachen Erben und Vererben ein, und ich glaube, es hätte auch Ludwig Wittgenstein gefallen. Gegen die Logik des Raffens setzt Jesus die Bewahrung des Lebens, den Schutz der Seelen.

Wenn ich meine kleine Enkelin betrachte, die gerade ihre Welt erobert, dann gewinne ich ein Gespür dafür, was sinnvolle Erbgeschenke sein können, die Leben bewahren und Seelen schützen. Wie schön, wenn die Kleine mit ihrem Großvater am Klavier die Wunder der Musik entdecken kann, wie spannend ist es für sie, mit mir im Garten die Weinbergschnecken zu beobachten, wie beruhigend, wenn ihr Mama und Papa abends Lieder vorsingen und Geschichten vorlesen. Dieses Erbe verdirbt nicht den Charakter, es stärkt ihn vielmehr und hilft zugleich, das Leben zu meistern. Jedes finanzielle Erbe kann Menschen zwischen den Fingern zerrinnen, doch die Freude an Musik, die Faszination für die Schöpfung und die Liebe, die werden durch Teilen nicht weniger, sondern sie vermehren sich. Und ich habe die Hoffnung, dass meine Enkelin einmal, gemeinsam mit allen Menschen guten Willens, sich für eine Welt einsetzt, in der nicht hemmungsloser Profit gefördert wird. Eine Welt, in der jede Seele eine Chance hat.

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