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SWR2 Wort zum Tag

24AUG2021
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Ich gehöre zur Generation der Erben. Viele Menschen haben nach dem Krieg oft aus dem Nichts etwas aufgebaut, das sie nun vererben werden: an ihre Kinder oder Enkelkinder. Jetzt ist es aber recht unterschiedlich, was man erben kann. Neben ihren Häusern oder Bankkonten haben viele Menschen auch emotionale Belastungen vererbt. Schreckliche Erfahrungen vererben sich nämlich – oft unbewusst - weiter, wissenschaftlich heißt das „epigenetische Traumaweitergabe“. Dann leiden etwa Kinder und sogar Enkel unter merkwürdigen Ängsten, die sie sich oft nicht erklären können. Es sind die Schrecken ihrer Eltern und Großeltern, die diese an ihre Nachkommen vererbt haben. Schon die Bibel wusste um solche unheilvollen Erbgeschichten. „Die Väter haben saure Trauben gegessen und den Söhnen sind die Zähne stumpf geworden“ heißt es im Buch des Propheten Ezechiel.

Ein Bekannter hat mir geschrieben, dass er während einer Joggingrunde in der Uckermark an den Resten Carinhalls, des Jagdschlosses von Hermann Göring, vorbeikam. Im Anschluss konnte er sich nur mit einer kalten Dusche in die reale Welt zurückretten. Letzte Woche bin ich während eines Urlaubs in Berlin an vielen Gedenkstätten des Schreckens vorbeigekommen. Da gibt es Einiges, was als Erbe auf unserem Volk lastet, und das wiegt immer noch schwer. Ja – wir Deutschen sind leider nicht nur das Volk der Dichter und Denker, sondern wir waren auch ein Volk der bösen Richter und Henker. Verdrängung hilft da nicht – sie trägt gerade dazu bei, dass sich die Schrecken unheilvoll weitervererben.

In der Bibel stellt Gott sich gegen das fatalistische Wort von den Söhnen mit den stumpfen Zähnen und will seine Logik nicht akzeptieren, sondern unterbrechen. Die beste Unterbrechung ist die Unterbrechung der Liebe und des Respekts vor dem Leben. Liebe und Respekt machen die Schrecken nicht ungeschehen, aber sie weisen sie in Grenzen und verhindern, dass sie sich fortsetzen. Liebe findet sich nicht ab, sondern tröstet verängstigte Herzen und schenkt Mut zum Leben. Der Respekt vor anderen Menschen stellt sich gegen jede menschenverachtende Logik. Das unterbricht die Weitergabe der Traumata.

Diese liebevolle und respektvolle Haltung kann man übrigens auch vererben. Und es ist letztlich das schönste Erbe, das Großeltern und Eltern an Kinder und Enkel weitergeben können: Erfahrungen von Liebe, Zuneigung und Wertschätzung.

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