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SWR3 Gedanken

24AUG2021
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Dass der Opa gestorben ist, kam ganz überraschend. Die Familie und vor allem die Ehefrau waren mit der Situation überfordert.

Als ich kam, war der Krankenwagen noch da und es herrschte ein großes Durcheinander. So viele Menschen waren da. Viele haben geweint, haben einander umarmt. Die, die nicht geweint haben, erzählten mir, was passiert war. Immer kam jemand dazu, brachte uns Wasser, brachte Taschentücher.

Ich war überfordert von all den vielen Menschen. Was war meine Aufgabe als Pfarrer? Um wen sollte ich mich zuerst kümmern? Wer brauchte meine Aufmerksamkeit? Und das Ganze noch unter Coronabedingungen.

Ich habe mich dann zum Verstorbenen gesetzt. Nach einer Weile setzten sich auch andere ins Zimmer. Das Ticken der großen Wanduhr war kaum zu hören. So viele haben geweint, haben geredet, so viel Unruhe. Einer der erwachsenen Enkel ging zum Opa, streichelte ihm die Wange und küsste ihn.

Ich zündete eine Kerze an und bat alle zusammenzukommen. Es wurde eng, Stühle wurden gerückt, Plätze gesucht.

Dann habe ich angefangen den Psalm 23 zu beten: „Der Herr ist mein Hirte“ – weiter kam ich nicht, weil jemand sagte: „Das haben wir bei der Beerdigung der Uroma auch gebetet.“ Alle nickten, manche putzen sich die Nase. Dann sollte ich weitermachen. „Und wanderte ich im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich“

Danach beteten wir alle gemeinsam das Vaterunser. Alle mit klarer und fester Stimme. Schließlich saßen wir alle einfach da und schauten auf den Opa. Und alles was zu hören war, war das Ticken der Wanduhr. Und durchs Fenster wehte ein lauer Nachtwind.

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