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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

11JUN2021
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Ein Mann durchquert die Vereinigten Staaten zu Fuß. Irgendwo in einer der geschichtsträchtigen Städte an der Ostküste bricht er auf. Er wandert über die bewaldeten Berghänge der Appalachen, durchläuft die Weiten des Mittleren Westens. Auf langen, geraden Straßen, umgeben von endlosen Maisfeldern. Er erträgt die sengende Hitze der Wüste Nevadas, kämpft sich auf ausgetretenen Pfaden über die Rocky Mountains und durch die dichtbesiedelten Städte Kaliforniens. Endlich am Pazifik angekommen fragt ihn ein Reporter, was denn das Schwierigste und Kräftezehrendste an seiner Wanderung war. Die hohen Berge? Die Hitze? Die kalten Nächte, die lange Einsamkeit, der schwere Rucksack? Der Mann antwortet schnell: „Am anstrengendsten war der Sand in den Schuhen.“

Sand in den Schuhen – was für eine Kleinigkeit, verglichen mit den Hindernissen, die dieser Mann überwunden hat. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Oft ist es doch wirklich der Sand in den Schuhen, der das Leben anstrengend macht. Die kleinen Alltagskämpfe: Das alte Streitthema mit dem Partner, so unnötig wie ziellos. Die 50€, die am Monatsende irgendwo fehlen. Die immergleiche Diskussion mit den Kindern. Nein, keine 10 Minuten mehr. Ja, du musst Socken anziehen. Das fehlende „Wie geht’s dir?“ nach einem anstrengenden Tag. Der nie ausgesprochene, aber auch nie abgelegte Vorwurf unter den Geschwistern. Alles irgendwie Kleinigkeiten, keine großen Schicksalsschläge, keine wirklich greifbaren Probleme, aber trotzdem Sand in den Schuhen, der wund macht und Kraft raubt.
Wenn Kleinigkeiten den Alltag erschweren, dann können sie ihn auch leicht machen.

„Ein freundliches Wort ist wie flüssiger Honig, süß für den Gaumen und gesund für den Körper.“ (Spr. 16,24) Das sagt die Bibel an einer Stelle. Ein freundliches Wort – auch das ist nichts Großes, sondern eine Kleinigkeit. Aber es macht das Leben leicht. Genauso wie der Blumenstrauß, der einfach so auf dem Tisch steht. Genauso wie die „Ich denke an dich“ Handy-Nachricht. Das Stück Kuchen, dass die Nachbarin mir vor die Türe stellt. Der Außer-der-Reihe-Anruf bei den Eltern, das Stück Schokolade, dass Ihr Mann Ihnen auf den Home-Office-Schreibtisch legt, das freundliche „Gut gemacht“, dass man dem Kollegen mitgibt oder die Einladung zum Kaffee an die Mutter im Kindergarten, die in letzter Zeit so traurig aussieht. Alles keine großen Taten, alles nur Kleinigkeiten. Aber allesamt schütteln sie uns den Sand aus den Schuhen, der den Alltag so anstrengend und kräftezehrend macht. Allesamt lassen sie uns leicht und fröhlich laufen, so dass wir Kraft und Nerven für die wirklichen Herausforderungen haben.

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