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SWR4 Abendgedanken

24AUG2020
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Der Chor probt. Das ist in Coronakrisenzeiten nicht selbstverständlich. „Gloria sei dir gesungen“ höre ich durch die weit geöffneten Fenster meiner Wohnung. Drüben im Kirchgarten sitzen die Sängerinnen und Sänger unseres Kirchenchors an diesem Sommerabend und singen. Ein ganz vertrauter Klang weht zu mir herüber. Ein feierlicher Choral. Ich erinnere mich, dass es eine Komposition von Johann Sebastian Bach ist. Vergnügt singe ich mit. Und ich weiß, dass es für die Chorleute nebenan im Garten jetzt etwas ganz Besonderes ist, gemeinsam zu singen. Sie singen neben der Kirche vor der Wand des Gebäudes. Die sorgt für eine günstige Akustik. Und sie sitzen weit auseinander. Das ist Vorschrift in dieser Krisenzeit. Singen ist gefährlich! Noch vor ein paar Monaten war es unvorstellbar, dass singen einmal nur unter hohen Sicherheitsmaßnahmen möglich sein soll. Singen, das gehört doch zum Menschsein dazu wie lachen und schlafen und essen!

Und singen gehört ganz besonders zum christlichen Glauben dazu. Von Anfang an. So hat sich der römische Kaiser Trajan im Jahr 110 über die Christen berichten lassen, – diese damals neue religiöse Gruppe in seinem Reich. Sein Statthalter Plinius hat ihm erzählt von den Jesusleuten, die immer mehr Zulauf haben. Und die sich regelmäßig am Sonntag-Morgen versammeln, um Jesus Christus ein Lied darzubringen. So hat der römische Kaiser erfahren: Christen singen. Das gehört bei denen dazu.

Ja, Christen singen. Und sie tun es nicht nur, wenn sie gut gelaunt sind oder wenn sie in Feierstimmung sind an Ostern oder Weihnachten. Für mich ist singen auch tröstlich; oder es macht mir Mut. Auch bei Beerdigungen wird gesungen. Wenn ich mit andern singe, erlebe ich dadurch, dass wir eine Gemeinschaft sind. Und manches Lied erzählt mir vom Glauben.

In der Coronakrise sind am Anfang ja alle Gottesdienste ausgefallen. Und jetzt muss man noch sehr zurückhaltend sein mit dem Singen, weil gerade dabei Ansteckungsgefahr droht.

Mit dem nötigen Abstand und vor allem im Freien ist Singen aber wieder möglich. Und ich erlebe, wie es die Leute genießen, dass sie miteinander singen können. Ich höre zu, singe mit und freue mich an dem Chorklang an einem Sommerabend.

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