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SWR2 Wort zum Tag

Meine Physiotherapeutin hat mich mit tiefgründigen theologischen Einsichten überrascht. Ich hätte gar nicht damit gerechnet. Während sie meine Knochen wieder in die richtige Ordnung bringt, erzählt sie mir, dass sie sich über sich selbst geärgert habe. Sie sei am Morgen richtig wütend über einen Handwerker gewesen, der sie hängen gelassen hatte. Dabei sei sie sogar laut geworden. „Nun ja, Sie sind ja nicht Jesus,“ habe ich sie getröstet. „Obwohl…“

 

„Genau,“ ist sie mir ins Wort gefallen, „der hat sich doch auch geärgert, und zwar öfter.“ Sie hat weiter überlegt. „Musste er auch, er war ja auch Mensch. So ein richtiger Mensch.“ Während sie meinen Rücken weiter eingerenkt hat, hat sie offenbar weiter über dieses theologische Problem nachgedacht: „Jesus musste ja richtig Mensch sein, denn das gehörte zum Experiment, sonst hätte das nicht funktioniert.“ Ich bin etwas irritiert gewesen. „Experiment?“ – „Gottes Experiment,“ hat sie mir erklärt. „Es war sein Experiment. Jesus musste Mensch sein, damit wir ihn verstehen. Sonst hätten wir Gott nicht verstanden. Das ist doch klar. Wenn Jesus als Gott gekommen wäre, hätten wir nichts kapiert. Wir sind ja Menschen. Daher musste Jesus auch ein Mensch sein. Übrigens ist das ein richtig erfolgreiches Experiment gewesen.“ Ich war nun wirklich gespannt, wieso sie dieses Experiment erfolgreich findet. In Zeiten von Kirchenaustritten und Pfarrermangel ist es schließlich doch etwas überraschend, die Sache mit Jesus als Erfolgsgeschichte zu bezeichnen. „Na hören Sie mal,“ hat sie gesagt, fast ein bisschen empört, „man redet doch heute noch davon! Nach mehr als zweitausend Jahren! Das nenne ich mal Erfolg!“

Ich war wirklich beeindruckt. Die Frau hat eine schlüssige theologische Argumentation vorgelegt. Und ich habe weiter gedacht: Vielleicht gehört es ja auch zur Erfolgsgeschichte, dass das „Experiment“, wie meine Physiotherapeutin es genannt hat, von Anfang an unterschiedlichste Milieus angesprochen hat. Schon die ersten Gemeinden bestanden aus einem Mix aus Handwerkern und Intellektuellen, erfolgreichen Geschäftsfrauen und Sklaven, Theologen und Fischern. Von Milieuverengung kann man da wirklich nicht sprechen. Dank dieser bunten Mischung waren die Menschen immer wieder gefordert, miteinander zu kommunizieren und eine gemeinsame Ebene zu finden. Wenn sich das Experiment dagegen nur an die Elite gewandt hätte, würde heute wahrscheinlich kaum noch jemand darüber sprechen. Insofern war es von Anfang an auch eine Laienbewegung, und eine Bewegung, an der selbstverständlich auch Frauen beteiligt waren. Heute, am katholischen Feiertag Mariä Himmelfahrt, mag das die Bewegung Maria 2.0 ermutigen.

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