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SWR2 Wort zum Tag

Seit einer Woche hat mein Leben einen anderen Rhythmus: Ich lebe im Modus der Passionszeit. Traditionell verzichte ich in den sieben Wochen bis Ostern auf Alkohol und Süßigkeiten. Der angenehme Nebeneffekt: Ich verliere das ein oder andere überflüssige Pfund. Wichtiger ist mir allerdings, dass diese Zeit gewohnte Tagesabläufe unterbricht. In der Konsequenz finde ich zu einem neuen Blick auf mein Leben. Jede Unterbrechung ermöglicht nämlich prinzipiell einen Perspektivenwechsel. Worauf auch immer Menschen in dieser Passionszeit verzichten: Sie unterbrechen dadurch das tägliche Einerlei und helfen sich dabei, ihr Leben zu überdenken und neu auszurichten.

Im christlichen Kirchenjahr gibt es immer wieder solche Perspektivenwechsel. Sogar jeder Sonntag hat ein eigenes Thema das einlädt, das eigene Leben und die Welt aus einem besonderen Blickwinkel zu betrachten. Schon der Sonntag selbst ist ja eine Unterbrechung des Alltags. Ich mag für mich kein Leben ohne solche Unterbrechungen vorstellen, und selbst im Urlaub geht es mir auf die Nerven, wenn in einer Ferienregion die Geschäfte an jedem Tag geöffnet sind und die Tage unterschiedslos ablaufen. Variatio delectat. Die Unterschiede machen das Leben köstlich. Diese antike Lebensweisheit ist immer noch richtig. Und so ist es auch nur auf den ersten Blick ein Widerspruch, dass gerade der Verzicht auf Köstlichkeiten das Leben bereichern kann.

Darüber hinaus bietet mir die Passionszeit die Chance, bewusst über die Schattenseiten des Lebens nachzudenken. Leben ist nicht immer tänzelnd und leicht. Wer um einen lieben Menschen trauert, weiß, dass das seine Zeit braucht. Eine Regel dafür, wie lange Trauer dauert oder dauern darf, gibt es nicht. Allerdings erscheint es mir so, dass viele Trauernde sich unter Druck fühlen oder selbst unter Druck setzen. Sie wollen möglichst schnell wieder funktionieren und ihrer Umgebung mit ihren Gefühlen nicht zur Last fallen. Auch deshalb finde ich es heilsam, dass es Zeiten im Jahr gibt, in denen wir Menschen in besonderer Weise eingeladen werden, gemeinsam mit anderen über die Themen Leid und Sterben nachzudenken. Manchmal tut es ja gut, schwere Gedanken mit anderen zu teilen. Oder gemeinsam mit anderen zu fasten. Das kann einen Perspektivenwechsel eröffnen. Merkwürdigerweise erscheint mir das Leben danach nicht schwerer, sondern im Gegenteil als ein kostbares, ein wundervolles Geschenk.

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