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SWR2 Wort zum Tag

Der Mai ist grün! Maigrün ist sogar ein genormter Farbton, nach der RAL-Tabelle die Nummer 6017, eine Farbe, die dem Grün junger Birken- und Buchenblätter entspricht. Diese Farbe wirkt nachweislich wohltuend, weshalb viele Arztpraxen maigrüne Farbakzente haben oder wenigstens ein paar Topfpflanzen. Mir tun die armen angestaubten Topfpflanzen eher leid, und ich bevorzuge gegenüber RAL 6017 eine Joggingrunde im Frühlingswald, Maigrün in Natur. Wenn man nicht gerade Heuschnupfengeplagt ist, braucht man keine wissenschaftlichen Untersuchungen um zu spüren: Das frische Grün im Maiwald tut einfach gut! Die Frühlingssonne scheint durch das Blätterdach und malt zartgrüne Streifen auf den Waldboden, der bei uns im Wald mit vielen Bärlauchpflanzen bedeckt ist. Das richtet mich auf, innerlich und äußerlich. Ich bin nicht mehr taufrisch auf der Welt und sicher auch nicht mehr grün hinter den Ohren, aber ein Spaziergang durch den Wald lässt mich gefühlt 10 Jahre jünger werden.

Hildegard von Bingen hat von der viriditas gesprochen, der „Grünkraft“, die Menschen heilen kann. Mich wundert nicht, dass Hildegard von ihrer Jugend an angesichts des üppigen Grünens um die Klöster Disibodenberg, Ruppertsberg und Eibingen, zwischen den Flüssen Glan, Nahe und Rhein, eine besondere Beziehung zur Farbe Grün bekommen hat. An sich und den ihr anvertrauten Menschen konnte sie beobachten, wie segensreich die Farbe Grün wirkt. Hildegard war auch eine große Kräuterkundige. Ihre Wortschöpfung viriditas weckt bei den Lateinkundigen aber auch Assoziationen an lateinisch vir, zu deutsch Mann, Held und Liebhaber, oder Jungfräulichkeit – lateinisch virgo oder einen Setzling oder Zweig, lateinisch virga. Die Grünkraft der Schöpfung stärkt auch die Kräfte des Menschen und weckt die Sinnenfreude! Verständlich, dass im Mittelalter die Farbe Grün die Farbe der Liebe war. Da Liebe nicht immer problemlos ist, wurden auch manche bösen Kräfte mit Grün gekennzeichnet. Der Teufel etwa wurde mit einem grünen Gewand dargestellt.

In der evangelischen Kirche steht die Farbe Grün für die Trinitatiszeit, die am Sonntag beginnt. Das Kirchenjahr erinnert daran, dass Glaube vielfältig wächst und gedeiht, allen grüngekleideten Widerständen zum Trotz. Grün ist die Farbe der Hoffnung, dass diese Welt vielleicht gottvergessen, aber nicht von Gott verlassen ist. Ich teile nicht die Ansicht, dass man Gott genausogut im Wald wie in der Kirche finden kann. Aber ich mag mir doch vorstellen, dass mir jedes grüne Blatt im Maienwald eine kleine, mutmachende Predigt hält: Genieße meine Grünkraft, sie ist ein Geschenk Gottes an Euch Menschen!

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