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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Irgendeiner hat mal augenzwinkernd bei der Verabschiedung eines Kollegen in den Ruhestand gesagt: „Du hinterlässt eine Lücke, die dich voll ersetzt“. Heute hat einer Geburtstag, der wirklich eine große Lücke hinterlassen hat. Und die ist bis heute nicht ersetzt. Zumindest mal für mich. Heute würde der Kabarettist Dieter Hildebrandt 91 Jahre alt. Vor knapp fünf Jahren ist er gestorben. Ich bin mit seinem Wortwitz, seinen gestotterten Sätzen und seinen zielsicher abgefeuerten Wortpfeilen gegen das, was ihn politisch störte, groß geworden. Viele haben ihn dafür gehasst. Ich habe ihn geliebt. Weil er das jeweilige Zeitgeschehen scharf und manchmal vernichtend analysieren konnte. Und weil er es verstand, seine Kritik durch pointierten Humor zu erleichtern und doch nie zu verharmlosen. Politiker z.B., die viel redeten ohne etwas zu sagen, waren ihm ein Gräuel. Dafür war ihm das gesprochene und gedruckte Wort viel zu kostbar. Für mich unvergessen seine Idee, Helmut Kohl das wohl bekannteste Gedicht der Deutschen in den Mund zu legen: „Der Mond ist aufgegangen“.

 

„Der Mond, - meine Damen und Herren, liebe Freunde und lassen sie mich das in aller Offenheit sagen – ist aufgegangen / ….. und aus den Wiesen steiget – das was meine Reden schon immer ausgezeichnet hat – der weiße Nebel wunderbar“. Ja, gegen den Nebel, der den Bürgerinnen und Bürgern oft genug ganz bewusst den Blick trüben sollte, hat Hildebrandt sich vehement gewehrt. Und auch, dass allzu viele in der Gesellschaft sich gerne haben einnebeln lassen, um unangenehme Wahrheiten nicht hören oder sehen zu müssen. Mir fehlt vor allem die Leidenschaft, mit der er sich für das einsetzte, was er für richtig hielt. Dem SPD Politiker Herbert Wehner hat er eine Rede in den Mund gelegt. Die hätte er anlässlich seines Ausscheidens aus dem deutschen Bundestag halten sollen. Sie endet mit diesen Worten: „Ich hoffe, das Hohe Haus möge mir meine Leidenschaft verzeihen, ich hätte Ihnen die Ihre auch gerne verziehen“. 

Verzeihen sie mir, dass ich mich heute Morgen vor einem Mann mit scharfem Blick und Leidenschaft verbeugt habe. Möge sich die Lücke füllen.

 

 

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