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SWR2 Wort zum Tag

Was ist wahr? Lässt sich diese Frage überhaupt beantworten? Jeder hat doch seine eigene Wahrheit, so kann man des Öfteren hören. Jeder hat doch seinen eigenen Blick auf die Welt, auf die Menschen; auf das, was wahr und was unwahr ist.

Ja, das stimmt. Und es stimmt auch wieder nicht. Denn wenn das die einzige Antwort wäre auf die Frage: „Was ist wahr?“ – wäre dann nicht alles völlig gleichgültig? Was gäbe es dann noch, das uns trotz aller unterschiedlichen Meinungen zusammenhält? Worauf könnten wir uns dann noch in unserem Zusammenleben verlassen? Es ist beispielsweise nicht beliebig, ob ich die Würde eines anderen Menschen achte und schütze oder ob ich sie mit Füßen trete; ob ich ein rücksichtloser Egoist bin oder auch Verantwortung für andere wahrnehme. Ich glaube, dass es eine grundsätzliche Übereinstimmung geben muss in dem, woran wir unser Leben orientieren und wo wir in die Irre gehen. Ich bin auch überzeugt, dass die meisten Menschen ein Gespür dafür haben, was wahr und was unwahr ist. Und das sage ich, obwohl ich weiß, wie mächtig Unwahrheit, Verwirrung und Lüge sein können. Und hinter dem schönen Schein können sich Abgründe auftun.

Ehrliche und aufrichtige Menschen können aber mit guten Gründen zu völlig unterschiedlichen Überzeugungen kommen. Jeder ist anders erzogen und geprägt. Jeder bringt ein, was ihn bewegt und was ihm wertvoll ist; auch seine eigenen Interessen. Und woran ein Mensch im Letzten sein Herz hängt, was ihn zuinnerst trägt und hält – auch das ist so verschieden, wie Menschen verschieden sind.

Die Frage „Was ist wahr?“ verträgt keine Rechthaberei. Sie verlangt, dass wir uns gegenseitig zu verstehen suchen. Der indische Jesuit Francis D’Sa betont: „Es ist wichtig, den anderen Menschen so verstehen zu lernen, wie er sich selbst versteht; damit er lernt, mich zu verstehen, wie ich mich selbst verstehe.“ Francis D‘Sa hat das zu den unterschiedlichen Wegen des Gottesglaubens gesagt, aber es gilt auch für das Leben insgesamt. Niemand ist im Besitz der ganzen Wahrheit, sie ist immer größer als das, was wir erkennen und verstehen und verwirklichen können. Aber wenn ich den ebenbürtigen Dialog suche und den anderen Menschen wirklich ernst nehme in dem, was ihn bewegt – dann kann ich der Antwort ein wenig näher kommen auf die große Frage: „Was ist wahr?“ 

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