Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Ich will in Mbinga, einer kleinen Stadt in Tansania, auf einer Bank Geld wechseln. Keine große Sache, schnell erledigt, denke ich. Mithilfe einer einheimischen Ordensschwester werde ich an einer langen Reihe von Menschen vorbeigeschleust. Sie sitzen in der Schalterhalle auf Stühlen und Bänken und warten geduldig darauf, dass sie an die Reihe kommen.

In einem Büro trage ich einem Herrn, der offensichtlich etwas zu sagen hat, mein Anliegen vor: Bitte Euros in tansanische Schillinge wechseln. Was dann folgt, kürze ich hier ab. Es finden mehrere Gespräche mit unterschiedlichen Offiziellen der Bank statt, alle sehr freundlich. Sie stellen sich vor, fragen nach dem Woher und Wohin, bringen unterschiedliche Formulare, die ich ausfüllen muss; dazwischen finden intensive Beratungen in einem Nebenraum statt, von denen ich natürlich nichts verstehe. Nach fast zwei Stunden verlasse ich die Bank wieder mit einem dicken Packen Geldscheinen. Ich gehe an denselben Menschen vorbei, die vorher schon hier gewartet haben und immer noch warten. Geduldig warten. 

Irgendwie bin ich belustigt. Dieses Erlebnis macht mich aber auch nachdenklich. Ein in Afrika geläufiges Sprichwort lautet: „Ihr Europäer habt Uhren, wir Afrikaner haben Zeit.“ Ja, sie haben Zeit, diese Menschen. Ich erlebe es, wenn sie oft stundenlang am Straßenrand sitzen, bis ein Auto kommt; dann stehen sie auf und winken und wollen mitgenommen werden. Wenn es nicht anhält, setzen sie sich wieder auf die Erde und warten weiter. Ich erlebe es, wenn der Sonntagsgottesdienst auf zehn Uhr angesetzt ist, aber erst eine Stunde später beginnt – dann, wenn alle da sind und die wichtigsten Dinge ausgetauscht sind. „Polepole“ ist ein viel gebrauchtes Wort in Tansania. Es bedeutet ungefähr: nur langsam, nur mit der Ruhe. Es heißt aber auch: Es ist alles gut, vertraue nur darauf. Sei einfach gelassen. Vielleicht lernt man diese geduldige Gelassenheit in einem Land, in dem alles so unendlich weit ist. 

Natürlich kann ich das nicht einfach auf mein Leben hier übertragen. Ich bin eher daran gewöhnt, dass meine Tage durchgetaktet sind; dass meine Lebenszeit durchgetaktet ist; dass die Uhr und der Terminkalender eine ungeheuer wichtige Rolle spielen. Wäre es aber nicht gut, manchmal innezuhalten; gelassen zu sein und offen für das, was die Zeit mir bringt? Ich muss keine Zeit sparen, sie wird mir geschenkt – jeden Tag neu. Und jeden Tag bringt sie neues Leben mit sich, über das ich nicht verfügen und das ich auch nicht erzwingen kann. Letztlich kann ich es doch nur entgegen nehmen und darauf vertrauen, dass es gut ist. Polepole.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24960